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So einen Einblick in Seehofers Horst gibt es nicht alle Tage.

Seehofer in der ARD

Horst zeigt seine Mördergrube

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Die ARD-Doku über Horst Seehofer zeigt einen tief verletzten Verlierer. Der Zuschauer erfährt, wie der CSU-Chef seinen Groll gegen die Kanzlerin mit seiner Modelleisenbahn verarbeitet und mit Witzen unter der Gürtellinie.

Horst Seehofer hat einen Blick in sein Herz zugelassen. Nicht medizinisch. Psychologisch. Und siehe da - es öffnet sich eine veritable Mördergrube. Reinhold Beckmann zeigt einen Politiker, der tief verletzt um sich schlägt, weil er seinen Lebenstraum bedroht sieht. Und sich selbst. Die Quelle dieser Bedrohung trägt einen Namen: Angela Merkel.

Die beiden werden keine ziemlich besten Freunde mehr, nicht einmal schlechte. Zu viel hat die Vorsitzende der Schwesterpartei dem CSU-Vorsitzenden aus dessen Sicht angetan. Vor allem eins: Die Frau aus dem Osten war stärker, schon bevor sie ins Kanzleramts eingezogen ist. Das lässt das bayerische Mannsbild nicht ruhen. Noch mit 66 Jahren mag Seehofer selbst die kleinste Chance nicht verstreichen lassen, das Blatt zu wenden. Zu seinen Gunsten. Doch noch. Auch wenn ein Anflug von Resignation aus seinem Gesicht, seiner Körpersprache nicht zu bannen ist.

Der Reporter Reinhold Beckmann nutzt seine Fähigkeit als einfühlsamer Talkmaster. Dazu hat er das Glück: Seehofer vertraut ihm. Der Film bettet die Gespräche mit dem „umstrittensten Politiker Deutschlands“ ein in Momentaufnahmen aus einer Republik, die von der Flüchtlingskrise aufgewühlt ist. Dazu wohl ausgewählte Kommentare von Experten und dem politischen Gegner/Partner Sigmar Gabriel. Aber das wichtigste ist der O-Ton seines Protagonisten, den er mit sensiblem Nachdruck dorthin lenkt, wo es weh tut.

Nach etwa 18 Minuten ist der Film am politischen Kern: Vor einem halben Jahr noch habe er „mit der Kanzlerin immer unsere Zukunftsprognose in den Raum gestellt“, behauptet er. „Mit ihr bei der relativen Schwäche der Opposition holen wir die absolute Mehrheit in Deutschland.“ Wer Angela Merkel Gesicht gesehen hat, als in der Wahlnacht 2013 dies Ziel für kurze Zeit erreicht schien, ahnt, dass Seehofers Traum ihr Albtraum ist. Er aber schickt der Zerstörung dieses Traums auch für die Zukunft einen tiefen Seufzer der Enttäuschung nach. Schließlich hat er die CSU mitgeprägt. Darum geht es, darf der Zuschauer schließen, nicht um irgendwelche Flüchtlings-Obergrenzen.

Der Groll steckt tief

Immer wieder ist spekuliert worden, ob die Tiefe des Zerwürfnisses mit Seehofers erster großer Niederlage gegen Merkel zu tun hat, als er sie noch in der Opposition ihre Vorstellungen in der Gesundheitspolitik gegen ihn durchsetzte. Ob der Groll noch ihm drin stecke, fragt Beckmann. Seehofer druckst demonstrativ herum und sagt schließlich: „Kann stimmen.“ Wenigstens ist es ihm eine Genugtuung, dass von Merkels damaligen Vorstellungen nicht Wirklichkeit wurde.

Wichtiger noch als die sachlichen Konflikte, ist die Art, wie Seehofer damit umgeht. Die legendäre Modeleisenbahn, die Beckmann zum ersten Mal öffentlich zeigt, ist für den Patienten im Keller ein therapeutisches Medium. Wenn ihr Verhältnis entspannt ist, steht die Playmo-Figur mit den Zügen Merkel als Chefin auf der Anlage. In schwierigeren Zeiten wird sie auf die Fensterbank verbannt.

Der Bayer geht noch weiter. Nach seiner ersten, der Ur-Niederlage gegen Merkel, hat er mit einem Freund ein kleines Kabarett aufgeführt. Beckmann darf einen alten Film zeigen mit Seehofer als Beichtvater, der den Kumpel in der Seehofer-Rolle fragt: „Haben sie jemals unkeusche Gedanken bei Frau Merkel gehabt?“ Langes Schweigen und Mundverziehen, dann feixend die Antwort: „Ich traue ihr vieles zu, aber Wunder kann ich nicht...“ Gelächter. Tiefer unter die Gürtellinie lässt sich die Feindschaft kaum treiben.

Fragt sich nur, was hat Horst Seehofer geritten, bei einem mitzumachen, der ihn nicht stark zeigt, sondern als zutiefst verletzten, nachtragenden Verlierer?

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