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Horrorfilm „Men“ kommt ins Kino: – Im Haus der Träume

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Von: Daniel Kothenschulte

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Jessie Buckley als Harper im Landhaus-Horror. Foto: Koch Films
Jessie Buckley als Harper im Landhaus-Horror. Foto: Koch Films © Koch Films

Alex Garlands „Men“ tarnt sich als eleganter Landhaus-Horror – und wird zum surrealen Alptraum.

Genre-Theorien sind etwas für schlechte Kritiker. Jeder weiß, woran man einen Western, ein Stück Gothic-Horror oder einen Psychothriller erkennt – selbst wenn findige Drehbücher ihr Regelwerk oft sorgfältig tarnen. Was ist also so interessant daran, einen guten Genrefilm ausfindig zu machen? Geht es nicht viel mehr um das Einzigartige, das alle Konventionen vergessen lässt?

Gerade der Horrorfilm erlebt zurzeit im sogenannten Arthouse-Kino eine neue Blüte, weil das Genre gern zur Hintertür hereinspaziert. „Titane“ ist untrennbar von David Cronenbergs „Body Horror“, und „Midsommar“, in dem arglose Studierende in die Fänge einer Kultgemeinde geraten, auch ein Verwandter der „Hostel“-Serie.

Doch es geht hier nicht mehr darum, die Erwartungshaltung an ein Genre zu erfüllen. Wie im Retro-Stil der Popmusik zitieren Filmemacherinnen und Filmemacher eher eine bestimmte Tradition, die ihnen lieb ist. Sie beweisen Virtuosität und Vielseitigkeit und geben ihren Themen eine besondere Klangfarbe. Im schlimmsten Fall locken sie dabei auch einmal notorische Angsthasen ins Horrorkino – hoffentlich nicht allein.

Alex Garlands neuer Film „Men“ umfängt uns wie ein gepflegtes Stück britischen Landhaus-Horrors – wie etwa Jack Claytons „Schloss des Schreckens“ (1961). Jessie Buckley spielt Harper, eine junge Frau, die sich ein „dream cottage“ tief in der englischen Provinz gemietet hat – da wo die Wiesen so viel grüner sind als auf dem Kontinent. Ein traumatisches Erlebnis wird gleich nach den Titeln angedeutet: In Zeitlupe sehen wir, wie ihr Mann zu Tode stürzt. Kurze Rückblenden machen später klar, dass dem ein Streit vorausgegangen ist, dass er sie geschlagen hat und sie sich scheiden lassen wollte.

Nun also eine Flucht ins hoffentlich heilsame Landidyll. Ein schrulliger Vermieter (Rory Kinnear) wartet mit dem mächtigen Schlüssel, den sie aber doch kaum brauchen dürfte. Oder vielleicht doch? Als Wächter dieses Paradieses nimmt er seine Aufgabe allerdings ernst genug, sie vor der Frucht des Apfelbaums zu warnen. Doch da hat sie schon hineingebissen.

Der Schriftsteller und Filmemacher Alex Garland liebt falsche Paradiese. Bereits im Alter von 26 Jahren veröffentlichte er seinen ersten Roman, „Der Strand“ – später von Danny Boyle mit Leonardo DiCaprio verfilmt. Eine Oscar-Nominierung erhielt sein Drehbuch für „Ex Machina“: Da erweist sich ein traumhafter Landsitz als Brutstätte künstlicher Intelligenz. Der studierte Kunsthistoriker mag es barock, ein wenig wie sein Landsmann Peter Greenaway. Erst auf den zweiten Blick offenbaren seine Idyllen ihre Abgründe, die Stillleben den Wurmbefall.

In der schönsten Szene erwandert Harper eine stillgelegte Bahnstrecke. Das schwarze Loch eines Tunnels bohrt sich durch das dichte Grün und zieht sie an wie der Kaninchenbau in „Alice im Wunderland“. Sie ruft hinein und erhält ein schönes, aber merkwürdig polyphones Echo. Das A-cappella-Duett mit sich selbst findet ein jähes Ende, als sie am anderen Ende eine Gestalt bemerkt, die plötzlich auf sie zuzulaufen scheint.

Männliche Übergriffe sind bald allgegenwärtig. Ein Nackter (ebenfalls gespielt von Rory Kinnear) taucht in ihrem Garten auf und lässt sich gerade noch aussperren. Ein unheimlicher Junge trägt eine Maske und beschimpft sie als „Bitch“. Ein Polizist macht wenig Anstalten, die Bedrohung durch den Nackten ernst zu nehmen, ein Pub-Wirt und seine Stammkunden sind kaum freundlicher. Die Tatsache, dass sie alle ebenfalls von Kinnear gespielt werden, trägt ein Übriges zur gespenstischen Atmosphäre bei. Nicht zu vergessen der Priester, der ihr die Hand aufs Knie legt – und ihr Schuldvorwürfe wegen des Todes ihres Mannes macht.

Die kuriose Mehrfachbesetzung Kinnears ist ein besonderer Kunstgriff – und auch eine schöne britische Kinotradition; Alec Guinness spielte acht Rollen in „Adel verpflichtet“. Hält man schon den Nackten für eine Wahnvorstellung, ist man zunächst überrascht, dass ihn außer Harper noch jemand sieht. Aber ist es überhaupt ein anderer? Im surrealen Finale gebiert eine Ausprägung schauerlicher Männlichkeit förmlich die nächste.

Und was ein dezenter Landhaus-Horrorfilm zu werden versprach, badet förmlich in der digitalen Effektküche. Was als subtiles Psychogramm mit Anklängen an Ingmar Bergmans „Die Stunde des Wolfs“ und Roman Polanskis „Ekel“ begann, endet in der pseudo-feministischen Symbolik von Brian De Palmas „Carrie“ – als androphobe Fantasie.

Das ist mehr als seltsam, aber doch auch imponierend. Immer wieder staunt man über die darstellerischen Qualitäten, insbesondere bei Jessie Buckley, die selbst den krudesten Episoden eine erstaunliche emotionale Glaubhaftigkeit verleiht. Und man staunt über den schieren Aufwand – bis hin zum Engagement keines Geringeren als Elton John für den Abspannsong.

Wofür immer man hier eine Karte gekauft hat, welche Genre-Erwartung vielleicht dahinterstand – man kann sich nicht beklagen. Man bekommt vielleicht etwas anderes, aber keinesfalls zu wenig.

Men – Was dich sucht, wird dich finden . GB 2022. Regie: Alex Garland. 100 Minuten.

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