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Im feinen Zwirn: Gustl Mollath (links) nebst Reinhold Beckmann.

Gustl Mollath bei Reinhold Beckmann

„Da ist Hopfen und Malz verloren“

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Wie ist Gustl Mollath in die Psychiatrie gekommen? Und warum ist er jahrelang dort geblieben? Seit Donnerstagabend, seit Mollaths Auftritt bei „Beckmann“ (ARD, 22.45 Uhr) kennen wir die Antwort: Sie ist ebenso einfach wie skandalös.

Das geht so seit Jahren. Immer mal wieder findet sich in einer Zeitung die kurze Nachricht über einen namenlosen Herrn, der einige Jahre in der Psychiatrie gesessen hat, weil ein Gutachter ihm Schuldunfähigkeit bescheinigt und ein Gericht dem Experten geglaubt hat. Wir erfahren in der Meldung zumeist nur das Ende der Geschichte: Das Bundesverfassungsgericht hat die Unterbringung als verfassungswidrig verworfen und dem Mann die Freiheit geschenkt.

Zuletzt, Mitte der Woche, war von einem Herrn zu lesen, der zwölf Jahre in der Psychiatrie verschwunden war, weil er nach Ansicht eines Sachverständigen im „Liebeswahn“ eine Frau zu einem Kuss zu zwingen versucht hatte.  Das Bundesverfassungsverfassungsgericht befand, hier sei das „Freiheitsgrundrecht“ des  Betroffenen wohl nicht hinreichend beachtet, seine Unterbringung verstoße gegen das Grundgesetz. 

Einer kommt wieder heraus. Aber wie ist er hineingekommen? Was hat er getan, was hat der Gutachter an ihm, an seiner Rede, an seinem Verhalten, an seiner Ausstrahlung bemerkt, dass er dem Gericht empfohlen hatte, den Mann für Jahre wegzuschließen?  Diese Frage hat seit einigen Monaten in Deutschland einen Namen: Gustl Mollath? Und seit Donnerstagabend, seit Mollaths Auftritt bei „Beckmann“  (ARD, 22.45 Uhr) kennen wir die Antwort: Sie ist ebenso einfach wie skandalös.

Reinhold Beckmann hat in dieser Sendung alles richtig gemacht.  Er hat Mollath, der sich nach sieben Jahren Zwangsverwahrung in der forensischen Psychiatrie erst seit wenigen Tagen wieder in Freiheit befindet, ohne falsche Empathie und so gründlich befragt, dass der Zuschauer echtes Interesse vermuten durfte.

So konnte Mollath noch einmal seine Geschichte erzählen, von seiner früheren Frau, die den Stein mit ihrer Anzeige ins Rollen brachte, der Mollath am Ende in der Psychiatrie begrub, von den Gutachtern, die ihn begutachteten und ihm „paranoide Wahnvorstellungen“ attestierten, ohne mit ihm gesprochen zu haben, von seinen Freunden, die ihm nach seiner überstürzten Entlassung Unterschlupf gewähren. Beckmann ließ ihn in aller Ruhe sprechen,  mit der Folge, dass das Fernsehpublikum nun mehr von Mollath weiß als alle seine Gutachter zusammengenommen.

Glückliche Hand bei der Auswahl der Gäste

Eine glückliche Hand hatte Beckmann auch bei der Auswahl der anderen Gäste. Dass nicht einer  von ihnen Mollath widersprach, hatte nicht der Talkmaster zu verantworten. Zwei Journalisten, die Mollaths Unterbringung verteidigt hatten, waren eingeladen worden, hatten jedoch dankend verzichtet.

Statt ihrer war Uwe Ritzer von der Süddeutschen Zeitung erschienen, dessen hartnäckiger Recherche Mollath zum nicht geringsten Teil die Freiheit verdankt. Eingeladen, aber nicht gekommen war auch  die bayerische Justizministerin Beate Merk (CSU), die den Umgang der Justiz mit Mollath zunächst kompromisslos verteidigt  und später gerüffelt hatte. Das gab Mollath die Gelegenheit, sein Urteil über die Ministerin unwidersprochen zu verkünden. Er nutzt sie sehr souverän, fast lässig:: „„Ich sag es, wie es ist, auch wenn das jetzt unverschämt klingt: Da ist Hopfen und Malz verloren.“

Natürlich war es auch interessant, Mollaths Verteidiger, den wunderbar beredten und stets entschlossen wirkenden Hamburger Rechtsanwalt Gerhard Strate über den Fall reden zuhören. Aber weder Mollath noch Ritzer und Strate vermochten die Zuschauer so zu elektrisieren, wie es Hanna Ziegert mit nur wenigen Sätzen gelang.

Sie machte aus der interessanten Talkshow ein seltenes Ereignis. Denn sie lieferte die Antwort auf die Frage, was geschehen muss, damit in Deutschland ein Mensch in der Psychiatrie auf Weisung des Gerichts verschwindet: Nicht allzu viel.. Seit 30 Jahren arbeitet sie als Psychiaterin, nach 30 Jahren, sagte sie, sei ihr klar, dass Gutachter häufig ihre Gutachten ohne den Begutachteten schrieben.

Das sei dann so, als lieferte ein Frauenarzt seine gynäkologische Diagnose aus 20 Meter Entfernung von seiner Patientin. Aber was sollen die Gutachter machen, wenn der Patient – wie Mollath – seine Begutachtung verweigert?. Da könne sie Mollath gut verstehen, sagte die Psychiaterin: „ Ich wüsste nicht, ob ich mich jemals würde begutachten lassen.“ Dieser Satz hätte schon genügt, um zu erkennen, dass nicht der Fall Mollath der Skandal ist, sondern das System, das Fälle wie den Gustl Mollaths hervorbringt.

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