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Proteste in Hongkong
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Im Verlauf der Proteste forderten die Aktivisten unter anderem die Abschaffung des Auslieferungsgesetzes.

TV-Kritik

„Hongkong – Eine Stadt im Widerstand“ (Arte): Doku unter Gefahr gedreht

  • Harald Keller
    VonHarald Keller
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Ein Arte-Dokumentarfilm mit hohem Spannungsfaktor zeigt die Proteste von Hongkongs Demokratiebewegung aus erster Hand.

Es gibt einen Moment, da strahlt MJ vor Freude. Der junge Hongkong-Chinese hat sich für 110 Euro eine Action-Figur gekauft. Freundin Jessica mag es kaum glauben. So viel Geld für ein zwei Handbreit hohes Spielzeug. „Ich bin halt noch ein Kind“, entschuldigt sich MJ. Für ihn ist der Neuerwerb eine Art Belohnung. MJ gehört der Regenschirm-Bewegung an, die für unabhängige Wahlen, gegen die Auslieferung von Hongkong-Chinesen an China und gegen Polizeigewalt eintritt. Letztere hatte MJ kurz zuvor am eigenen Leib zu spüren bekommen. Der Strahl eines Wasserwerfers hatte ihn getroffen. Dem Wasser wird eine ätzende Substanz beigemischt, die schmerzhafte Verbrennungen verursacht. MJ hatte noch Glück. Ersthelfer konnten Schlimmeres verhindern.

Arte-Doku „Hongkong – Eine Stadt im Widerstand“: Senioren neben Studenten

Ursprünglich bediente sich die im Jahr 2014 entstandene Demokratiebewegung erklärtermaßen friedlicher Protestformen. Die Demonstrant:innen verhielten sich zuvorkommend gegenüber Passanten und Polizisten und räumten nach ihren Aktionen den Müll beiseite. Diese erste Welle politischer Aktionen in Hongkong ebbte Ende 2014 ab, lebte aber wieder auf, als auf Betreiben der Pekinger Zentralregierung das „Nationale Sicherheitsgesetz“ verabschiedet werden sollte, das Auslieferungen aus der eigentlich unabhängigen Sonderverwaltungszone Hongkong an die Volksrepublik gestatten sollte. Ein weiterer Schachzug Pekings, den eigentlich bis 2047 geltenden Sonderstatus der früheren britischen Kolonie Schritt für Schritt zu unterlaufen und den bereits großen Einfluss der totalitären Festland-Regierung weiter auszubauen.

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum die von Schüler:innen und Studierenden angeführten Proteste von vielen Menschen in Hongkong befürwortet und aktiv unterstützt wurden, sofern sie sich nicht sogar selbst unter den Demonstranten einreihten.

Man sieht einige weißhaarige Herrschaften in dem Dokumentarfilm „Hongkong: Eine Stadt im Widerstand“. Sie reden auf die in Kampfmontur angetretenen Polizisten ein, schimpfen, gestikulieren. Wenn es bedrohlich wird, drängen die Jugendlichen darauf, dass sie sich in die hinteren Linien und in Sicherheit begeben. Denn 2019 gehen die Ordnungskräfte in Hongkong härter vor als je zuvor.

„Hongkong – Eine Stadt im Widerstand“ (Arte): Angriff der Weißhemden

Sieben Regisseur:innen, eine davon, Han Yan Yuen, auch Produzentin, und elf Kameraleute sind im Wortsinne hautnah dabei, als die Proteste mit Besetzungen, Menschenketten, Performances ihren Anfang nehmen. Plakate werden erstellt, hoch über Hongkong mit den Handys Lichterketten gebildet. Während einer friedlichen Demonstration fragt ein Wortführer die den Weg versperrenden Polizisten artig, ob ihre Genehmigung noch gilt und ob sie weiterziehen dürfen. Er erhält keine Antwort.

Am 21. Juli 2019 greift eine Bande von einheitlich in weiße Hemden und schwarze Hosen gekleideten Männern Jugendliche an und knüppelt brutal auf sie ein. Uniformierte Polizisten wenden dem Geschehen, die Kameras des Kollektivs halten es fest, buchstäblich den Rücken zu. Die Türen der Polizeiwache werden geschlossen, Anzeigen der Opfer nicht aufgenommen.

Doch die Absicht der Drahtzieher geht nicht auf: Die Demokratiebewegung in Hongkong erhält jetzt erst recht weiteren Zulauf.

Arte zeigt in „Hongkong – Eine Stadt im Widerstand“ Bilder, die an George Floyd erinnern

Die Filmemacher:innen begleiten die 21-jährige Jurastudentin Eve, auch Erzählerin des Films, den Schüler MJ und seine Freundin Jessica, den werdenden Vater Tan, den Aktivisten William, bleiben eng an deren Seite, mitten im Geschehen. Inzwischen ist es nötig, sich mit Regenschirmen und Schutzbrillen gegen Tränengas zu wappnen, Helme, Beinschoner, Suspensorien anzulegen. Die Jugendlichen organisieren Wasser zum Spülen der Augen, Erste Hilfe, Ersatzkleidung, denn die von den Polizisten verschossenen ätzenden Flüssigkeiten und Gase setzen sich in den Textilien fest. Anwohner unterstützen sie, mit aufmunternden Worten, Sachspenden, Fahrdiensten.

Als Tan unter brutaler Gewaltanwendung festgenommen wird, fällt das Bild aus. Der Ton dokumentiert seine Qualen. Die Fixierung mit aufgesetztem Knie, die den Atem nimmt und in den USA dem Schwarzen George Floyd das Leben kostete, ist unter Hongkongs Polizisten gängige Praxis.

„Hongkong – Eine Stadt im Widerstand“ (Arte): Tränen im Auditorium

38 Prozent der Festgenommenen sind Studierende. In einer Vollversammlung appellieren die Kommilitonen an den Rektor der University of Hong Kong, öffentlich gegen die Polizeigewalt und das drohende Vordringen auf den Campus Stellung zu beziehen. Einige von ihnen sind traumatisiert, brechen in Tränen aus, müssen gestützt werden. Frauen berichten von sexuellen Übergriffen seitens der Polizei.

Der Mut aller Beteiligten ist bewundernswert. Die Filmemacher der Arte-Dokumentation selbst sind der Gefahr ausgesetzt, verletzt oder verhaftet zu werden. Aber sie bewegen sich nicht ausschließlich in den Kampfzonen, sondern registrieren auch die Zweifel ihrer Protagonisten, ihre Überlegungen, wie weit sie bei den Demonstrationen gehen sollen, ihre Hoffnungen und Befürchtungen, die Ängste ihres privaten Umfelds, die ersten Anzeichen von Resignation.

„Hongkong – Eine Stadt im Widerstand“ (Arte)

Arte zeigt „Hongkong – Eine Stadt im Widerstand“ am Dienstag, 13.7., um 22.40 Uhr, und bis 11.8. in der Arte-Mediathek

„Hongkong – Eine Stadt im Widerstand“ (Arte): Bangen um die Protagonisten

„Hongkong – Eine Stadt im Widerstand“ ist ein Dokumentarfilm auf Arte im eigentlichen Sinne. Erwähnenswert, denn man hat sich an Dokumentationen gewöhnt, die aus Archivmaterial montiert und vielleicht noch um Studiointerviews ergänzt werden. Laut Branchenkennern wird diese Praxis befördert durch den Wunsch der Redaktionen und Förderinstitutionen, ein Exposé mit vollständigem Inhalt und einem festgelegten Ende vorgelegt zu bekommen.

Nach diesem Modell hätte „Hongkong – Eine Stadt im Widerstand“, koproduziert von WDR und Arte, kaum hergestellt werden können. Denn Cathy Chu, Evie Cheung, Huang Yuk-Kwok, Iris Kwong, Ip Kar Man, Jenn Lee und Han Yan Yuen konnten nicht wissen, wie sich die Ereignisse entwickeln würden, als sie zu den Kameras griffen. Gerade das macht das Ergebnis so spannend. Die britische Fachzeitschrift Screen Daily verglich den von Huang Yuk-Kwok und Jenn Lee meisterlich geschnittenen, mit Drohnenaufnahmen und Splitscreen-Effekten aufgewerteten Dokumentarfilm gar mit einem Thriller, der das Publikum permanent um die Protagonisten bangen lässt.

Der in diesem Jahr uraufgeführte, gut 100 Minuten lange Film über die Demokratiebewegung in Hongkong hat bereits weltweit Anerkennung gefunden, wurde unter anderem auf Festivals in Kopenhagen und Sidney gezeigt. (Harald Keller)

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