Sibel mit ihrem sicherheitshalber angeketteten Bruder.
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Sibel mit ihrem sicherheitshalber angeketteten Bruder.

"Bruder ? Schwarze Macht", ZDFneo

Holzschnitt mit Axt

  • Daland Segler
    vonDaland Segler
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In der Mini-Serie "Bruder ? Schwarze Macht" wird ein Klischee an das andere gereiht.

Wenn zu Beginn Sibel Kekilli mit gezogener Pistole auf einen Vorbeter losstürmt mit dem Schrei „Wo ist mein Bruder?“, dann denkt der Rezensent: „Oh je. Hoffentlich geht es nicht so weiter.“ Doch die Hoffnung ist vergebens. „Bruder – Schwarze Macht“, eine vierteilige Miniserie bei ZDFneo, setzt ganz und gar auf Emotion und Melodram. Hier schreien alle erstmal, bevor sie reden. Oder sie prügeln, wie der Polizist André (Friedrich Mücke), der einen brutalen Ehemann zusammenschlägt. Kollegin Sibel (Sibel Kekilli) ist entsetzt und zeigt André an. Das Problem, das sie sich damit geschaffen hat, soll nicht ihr einziges bleiben.

Denn die deutsch-türkische Polizistin aus dem Hamburger Problemstadtteil Wilhelmsburg liegt zudem über Kreuz mit ihrer Verwandtschaft. Die Mutter akzeptiert Sibels Beruf als Ausdruck ihrer Anpassung nicht; stattdessen vergöttert sie ihren Sohn Melih (Yasin Boynuince) und sieht ihm nach, dass er als Kleinkrimineller krumme Geschäfte dreht. Per Gerichtsbeschluss wird die große Schwester zur Aufpasserin ihres Bruders bestellt, er muss bei ihr wohnen – eine nicht gerade überzeugende Lösung des Drehbuchs (Ipek Zübert) für die Entwicklung des Konflikts. 

Melihs Busenfreund Tobi versteigt sich derweil in Verschwörungstheorien über angeblich gefälschte Untaten des „Islamischen Staats“. Und bald schließt er sich Salafisten an und wandelt sich mir nichts, dir nichts zum Fanatiker. Dass ein erkennbar als Idiot gezeichneter Charakter noch dazu in der Lage sein soll, den hellen Kopf Melih in den radikalen Sumpf zu ziehen, nimmt der Geschichte dann doch einen Großteil an Glaubwürdigkeit. 

Aber hopplahopp geht es weiter. Melih wird von Sibels Kollegen André aus Rache zusammengeschlagen, sieht sich als Stigmatisierter bestätigt, weil Türke, rechtlos und nicht dazugehörig. Und findet dank Tobi die scheinbar solidarische Gemeinschaft der Salafisten, wo ihm der (dem realen Islamisten Pierre Vogel nachempfundene) Prediger mit Phrasen und seifiger Freundlichkeit umgarnt. Von da ist es ein allzu kurzer Weg zum Entschluss, für das Kalifat zu kämpfen, unter Führung des charismatischen Baris. Tim Seyfi spielt ihn mit dämonischer Überzeugungskraft. 

Sibel verstrickt sich auf der Suche nach Brüderchen weiter im Netz der Konflikte: Nach dem Auftritt mit der Waffe im Salafistenzentrum wird sie suspendiert; Gatte Kurt zieht mit der kleinen Tochter aus, als das BKA ins Spiel kommt, das in Melih das Mitglied einer Terrorzelle sieht. Derweil wird das Freundespaar auf ein Attentat vorbereitet. Die Sätze, die dabei fallen, mögen in realen islamistischen Kreisen benutzt werden, aber in der Verdichtung verstärken sie noch den Eindruck, hier werde ein Klischee an das andere gereiht. 

Die Macher der Serie haben einen breiten Erfahrungshorizont: Ideengeber und Autor Raid Sabbah ist Deutsch-Palästinenser, Autorin Ipek Zübert Deutsch-Türkin, Regisseurin Randa Chahouds Vater ist Syrer, die Mutter Deutsche; Autor Andreas Dirr hat zumindest Erfahrungen mit Serien („Notruf Hafenkante“). Sie sind alle in der ersten Hälfte der siebziger Jahre geboren und leben in Berlin. Und hatten den Islamismus-Experten Ahmad Mansour als Fachberater. Unter diesen Vorzeichen ist es erstaunlich, dass die Filmerzählung oft wirkt, als habe man sich mit der Axt an einem Holzschnitt versucht. Bisweilen sieht „Bruder – Schwarze Macht“ aus, als habe man unbedingt Fatih Akins Gefühlskino nacheifern wollen, dazu trägt auch das Spiel der Hauptdarstellerin bei. Für so eine Rolle hat sie ihren Abschied als Kollegin von Tatort-Kommissar Borowski genommen? 

Die Figuren dieses Melodrams erinnern mitunter, so flach sind sie gezeichnet, an Abziehbilder. Davon abgesehen, dass Muslime wieder einmal fast ausschließlich als Extremisten vorkommen. Wer zeigen will, wie sich junge Menschen im Herzen Europas radikalisieren und zu Todfeinden des westlichen Systems werden, der muss sich um tiefergehende Erklärungen bemühen. Wie das geht, hat Mijke de Jong mit ihrem Film „Layla M.“ von 2016 vorgemacht. Ganz ohne Melodram.

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