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„Holy Spider“ im Kino: Das Spinnennetz

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Von: Daniel Kothenschulte

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Eine Journalistin auf Recherchereise in „Holy Spider“.
Eine Journalistin auf Recherchereise in „Holy Spider“. © epd

„Holy Spider“: Ali Abbasi verfilmte überwiegend mit Exil-Iranern die Geschichte eines religiös motivierten Serienmörders.

Wer die besten Regisseure seines Landes in Gefängnisse sperrt, nimmt das Bildermachen selbst in die Hand: Könnte man ein beklemmenderes Porträt über den Iran zeichnen, als es das Teheraner Regime derzeit von sich in die Welt sendet? Junge Menschen mit zuvor strahlenden Gesichtern werden in Schauprozessen erniedrigt und kurz darauf erhängt. Das mag die Welle der Demonstrationen gegen die Unterdrückung der weiblichen Bevölkerung einstweilen deckeln, nicht jedoch die Wut.

„Ich wollte einen Film über eine Serienmörder-Gesellschaft drehen“, erklärte der aus Teheran stammende, in Skandinavien wirkende Regisseur Ali Abbasi, als sein Thriller „Holy Spider“ im vergangenen Mai in Cannes Premiere hatte. Da war noch nicht zu erahnen, welche Protestwelle das frauenfeindliche System nur wenige Monate später, nach dem Tod von Jina Mahsa Amini am 16. September, entfachen würde. Selbst ein regimetreuer Kollege wie der vielfache Festivalgewinner Asghar Farhadi stellte sich auf die Seite der Demonstrierenden. Trotz der Hinrichtungswelle wird das Regime die Zeit nicht mehr zurückdrehen können. Vor wenigen Tagen zeigte sich die prominente Schauspielerin Taraneh Alidoosti, kaum aus der Haft entlassen, gleich wieder ohne Kopftuch.

Der bereits 2002 emigrierte Abbasi verwarf schnell den Gedanken, sich bei der Verfilmung der Geschichte des iranischen Serienmörders Saaed Hanaei mit der Teheraner Zensurbehörde zu arrangieren. Sein Film entstand als dänisch-deutsch-französisch-schwedische Koproduktion in Jordanien. Die meisten Mitwirkenden leben wie Abbasi im Exil, der Hauptdarsteller Medi Bajestani kehrte nach den Dreharbeiten nicht mehr in den Iran zurück und lebt heute in Berlin.

Bekannt als „Spinnenmörder“, tötete Hanaei in der Stadt Maschhad Anfang des Jahrtausends mindestens sechzehn Prostituierte – nach eigenen Angaben aus religiöser Überzeugung. In seinem letzten Interview vor seiner Hinrichtung zeigte er sich ohne Reue. Allah selbst habe seine Taten gebilligt, die er mit dem Zertreten von Kakerlaken verglich. Bajestani spielt den unscheinbaren Familienvater, wie er sich wohl auch selbst darstellte, ruhig, selbstgewiss und mit einer erschreckenden Unauffälligkeit, die ihn wohl mit zahlreichen Unterstützern einte. In einer Gesellschaft, die Frauen für außerehelichen Sex schwer bestraft, kann ein Mörder von Sexarbeiterinnen zum Helden erkoren werden.

Ein mehrfach verfilmter Fall

Seither inspirierte der Fall immer wieder Filmemacher und Autoren: Schon 2003 erschien Maziar Baharis Dokumentarfilm „And Along Came a Spider“, 2013 Mana Neyestanis auch auf deutsch erschienene Graphic Novel „Die Spinne von Maschhad“. Im Iran selbst erschien vor zwei Jahren der Action-Thriller „Killer Spider“ von Ebrahim Irajzad, in seiner kommerziell-spekulativen Form nichts fürs Festivalkino.

„Holy Spider“ mag nach den jüngsten Protesten und ihrer gewaltsamen Niederschlagung als ein anderer Film erscheinen als noch bei seiner Cannes-Premiere. Eine Szene wie jene, in der die vom Regisseur erfundene weibliche Protagonistin, eine investigative Journalistin, ein Hotel betritt, hat eine andere Konnotation bekommen. Da sie alleine reist, will ihr der Rezeptionist das Zimmer nicht vermieten, bis sie ihren Presseausweis zeigt. „Wenn Sie bitte Ihre Haare bedecken würden?“ sagt er zu ihr, worauf sie antwortet: „Das ist meine Sache.“ – „Aber die Sittenpolizei …“, entgegnet der Mann.

Doch die Genre-Konstruktion, die Abbasi gleichwohl bedient, mag sich mit der Wirklichkeit nicht so leicht verschmelzen. In der Absicht, eine misogyne Gesellschaft zu porträtieren, tappt er selbst in die Fallen, die formelhaftes Kino gerade in dieser Hinsicht gern bereithält: Die Opfer werden kaum individualisiert, die sozialen Hintergründe der Prostitution allenfalls gestreift. Es ist auch keineswegs so, dass dieses Thema im iranischen Kino unbekannt wäre, dieses Tabu brach der derzeit inhaftierte Jafar Panahi 2000 in seinem Meisterwerk „Der Kreis“.

Die erfundene Protagonistin, bezwingend verkörpert von Zar Amir Ebrahimi, betont nur noch die formelhafte Konstruktion. Die episodenhafte Chronik der Verbrechen wirkt überdeutlich und zugleich uneben in der Inszenierung; lediglich eine Sequenz sticht heraus dank des Talents einer jungen Darstellerin: Die in Teheran geborene deutsche Schauspielerin und Filmemacherin Sara Fazilat brilliert in der Rolle eines ausgewählten Mordopfers, das dem Täter mit erfrischender Souveränität begegnet.

Als Genrefilm steht „Holy Spider“ in einer langen Geschichte verstörend-menschlicher Serienmörder-Darstellungen, die mit Michael Powells „Peeping Tom“ bereits 1960 ihr unerreichtes Meisterwerk hervorbrachten. Die Andeutung einer Verschwörung wirkt zu diffus, und wirklich verstörend ist schließlich die Darstellung der Hinrichtung des Mörders, die wenig Distanz zu dieser verabscheuungswürdigen Strafe erkennen lässt, ja vielleicht sogar als ausgleichende Gerechtigkeit gelesen werden kann. Tatsächlich ist es ein Film, der zugleich zu viel zeigt und doch zu wenig, um auch künstlerisch zu überzeugen.

Holy Spider . D, DK, F, Schweden 2022. Regie: Ali Abbasi. 119 Min.

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