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Spielszene aus "Sigmaringen, Hauptstadt Frankreichs": Erinnerungen an eine bizzare Episode während des Zweiten Weltktriegs.

"Sigmaringen, Hauptstadt Frankreichs"

Das Hohenzollern-Schloss als Frankreichs Regierungssitz

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Arte erinnert daran, dass auf dem Fürstensitz der Hohenzollern für kurze Zeit ein Hitler-treues französisches Regime existierte.

Am Ausgang des Donaudurchbruchs durch die Schwäbische Alb liegt Sigmaringen. Über der Stadt thront, auf einem steil zur Donau abfallenden Kalksteinsockel, malerisch das Hohenzollern-Schloss, das in der Endphase des Zweiten Weltkrieges für etwa acht Monate Schauplatz einer gespenstischen Inszenierung war.

Nachdem die Alliierten im Juni 1944 in der Normandie und im August in der Provence gelandet waren, wurde es in Frankreich eng für das Regime der Kollaboration unter Maréchal Pétain. Hitler unterstütze seinen französischen Statthalter, indem er kurzerhand das Schloss der Hohenzollern in Sigmaringen für das Vichy-Régime beschlagnahmen ließ. So wurde Sigmaringen im Spätsommer 1944 zu einer illegitimen externen Hauptstadt Frankreichs, während in Paris ein Generalstreik den Einzug Leclercs und De Gaulles vorbereitete.

Eine Geister-Regierung

Es war eine Geister-Regierung. Sie existierte, weil sie von den Nazis zur französischen Regierung erklärt worden war; der Innenminister hatte kein Landesinneres zu verwalten, der Kriegsminister nur ein paar Mitglieder der Milice française zum Herumkommandieren. Die Exilregierung war nur noch ein Ort der Propaganda und der Intrigen, an dem sich faschistische französische Politiker wie Jacques Doriot und Pierre Laval um Einfluss balgten und Jean Luchaire die wenigen Franzosen im Städtchen mit absurden Parolen vom deutschen Endsieg versorgte.

Serge Moati lässt in seinem Film anhand von dokumentarischem Material, von Experten-Kommentaren und Reenactments dieses ephemere und wenig bekannte Kapitel der westeuropäischen Geschichte noch einmal vorbeiziehen. In bewährter Manier werden Historikerinnen und Historiker um Einschätzungen gebeten und tun korrekt und meinungsfreudig ihre Arbeit. Als Zeitzeuge und deutscher Sympathieträger tritt Fürst Karl Friedrich von Hohenzollern würdig auf, spricht von der verständlichen Entfremdung zwischen deutschem Adel und der Hitlerei nach dem 20. Juni 1944 und sieht dabei ein bisschen wie der späte Curd Jürgens aus.

Moatis dramaturgische Grundidee ist es, einen älteren Herrn als Touristen das Sigmaringer Schloss besuchen zu lassen, der sich erinnert: Als junger Arzt war er zum Dienste als Haus-und Hof-Arzt für Pétain in diese politische Gespensterwelt abkommandiert aus dem elenden Heer der französischen Kriegsgefangenen. Der junge Arzt wird von Pierre Hancisse gespielt und blickt stets sehr ernst und existentialistisch drein, denn er ist, wie alle guten Franzosen, mit dem Herzen natürlich nicht auf der Seite der Kollaborateure.

Trotz einer charmanten und klugen Sekretärin bleibt die Politik unangefochten im Zentrum des Plots, und es gibt eine wunderbar altfranzösische Szene, in der sich zwei sehr unterschiedliche Franzosen beim Rotwein der Wahrheit zu nähern versuchen. Einige unschöne dokumentarische Einblendungen mit Frauen, denen die Haare geschoren und Hakenkreuze auf die Stirn gezeichnet wurden, deuten an, was den Kollaborateuren blühte. Der bis vor einigen Jahren unangefochtene nationale Konsens, der zwischen bösen Kollaborateuren und der guten Résistance unterscheidet, wird von dem Film jedoch nicht weiter in Frage gestellt. Dazu ist das groteske Gebilde der Pétain-Exil-Regierung allerdings auch nicht geeignet.  

„Sigmaringen, Hauptstadt Frankreichs“, Arte, Dienstag, 29. August, 20:15 Uhr.  Im Netz: Arte +7

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