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Vor schneebedeckten Bergriesen ist der Junge in "Vaters Vermächtnis" auf dem Weg zum Friedhof des Dorfes.

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Höllische Familie

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Das Filmfestival goEast feiert in seiner 17. Ausgabe vor allem die Regisseurinnen Mittel- und Osteuropas

Es ist das Jahr der Frauen bei goEast. So widmet ihnen das Festival des mittel- und osteuropäischen Films, das in seiner 17. Ausgabe in Wiesbaden und weiteren Städten der Region stattfindet, nicht nur das Symposium unter dem Motto „Feministisch wider Willen“, so ehrt man diesmal die große ungarische Regisseurin Márta Mészáros, und auch in den gelungensten Filmen des Wettbewerbs spielen Frauen die Hauptrollen, getragen von großartigen Darstellerinnen.

Den nachhaltigsten Eindruck hinterließ das Debüt der Slowakin Tereza Nvotová. Sie erzählt in „Schmutzig“ von der traumatischen Erfahrung eines Teenagers. Lena wird von ihrem Nachhilfelehrer vergewaltigt und reagiert mit rigoroser Abschottung. Die Einweisung in die Psychiatrie treibt sie weiter in die Isolation, zumal die Ärztin völlig unfähig ist, mit dem Mädchen umzugehen. Das Bild der Anstalt mit ihren vergitterten Loggien hebt ihre Funktion hervor: Der Einschluss von Patienten als Ausschluss aus der Gesellschaft. Dabei erweist sich die 29-jährige Regisseurin als Meisterin der Reduktion. Nichts wird dramatisiert, vieles nur angedeutet, und die Kamera bleibt hautnah am Gesicht der Darstellerin Dominika Moráková, die sich ihrer Rolle gewachsen zeigt.

Den engen Kontakt zur Protagonistin im Backfisch-Alter sucht auch die Kamera von Jana Pleca?. Marijana (Mia Petricevic) muss die Familie durchbringen und gönnt sich sexuelle Abenteuer, die sie so teilnahmslos durchlebt wie die Schikanen ihrer furchtbar frustrierten Mutter. „Glotz nicht auf meinen Teller“ heißt der Film der Kroatin Hana Ju?ic, die auch das Buch dieser klassischen Coming-of-Age-Geschichte geschrieben hat. Aber der Versuch, quasi-dokumentarisch von Enge und Lieblosigkeit zu erzählen, wirkt bisweilen forciert.

Das Familienleben steht im Focus so einiger Filme des Wettbewerbs, und es hat den Anschein, als habe sich die Verarbeitung der Folgen des Bürgerkriegs und des politischen Gezeitenwechsels vor einer Generation nun auf den Feind im Innern verlagert.

Die Hölle, das sind die anderen, die störrischen Großeltern wie in „My Happy Family“ von Nana Ekvtimishvili und Simon Gross oder in „Requiem für Frau J.“, von Bojan Vuletic, der dem Zuschauer wegen der fast schon penetrant depressiven Hauptfigur (Mirjana Karanovic, die große Dame des serbischen Films) erst Geduld abverlangt, bevor er mit winzigen Zeichen ihre Entwicklung andeutet. Geschickt platzieren Vuletic und seine Kamerafrau Jelena Stankovic die Darstellerin in ein fast ausgestorbenes Belgrad, dessen leere Plätze, verrottete Fabrikhallen und miefigen Bürokabuffs die Trostlosigkeit des Alltags spiegeln.

Voll prallen Lebens ist dagegen das Tiflis in „My Happy Family“, und diese Lebendigkeit hallt auch wider im ununterbrochenen Geplapper, mit dem Vater, Mutter, „Großmutter, Butter und Zimt“ (Heinz Ehrhardt) aneinander vorbeireden – und das Manana, die Mutter zweier erwachsener Kinder zur Flucht aus dem trauten Heim zwingt. Doch ihre Entscheidung hat Besuche von Verwandten und Bekannten samt verstärktem Redeschwall zur Folge, denn alle wollen es besser wissen als die Betroffene. Die Balance zwischen leiser Ironie und der Schilderung einer Emanzipation gegen alle Widerstände gelingt Ekvtimishvili vorzüglich. Die leichthändige Kameraführung, die Lebensnähe der Dialoge und die Choreografie des unprätentiös agierenden Personals erinnern bisweilen an den französischen Meister der Alltagserzählung, Eric Rohmer.

Wie Druck von außen das Familienleben zersetzen kann, zeigt der zweite slowakische Beitrag im Wettbewerb. Jan Hrebejks „Die Lehrerin“ ist eine in den achtziger Jahren angesiedelte Parabel auf Korruption und Opportunismus als zwei Seiten einer Medaille: Eine Pädagogin, Mitglied der Kommunistischen Partei, lässt sich von Schülern oder deren Eltern kleine Gefälligkeiten erweisen, Einkäufe, Reparaturen etwa. Als sich ein Vater gegen diese Art subtiler Erpressung wehrt, kommt es am Elternabend zur exemplarischen Auseinandersetzung zwischen Systemtreuen, Zauderern und Widerständigen. Die haben Erfolg mit ihrer Beschwerde über die Lehrerin – zunächst...
Familiäre Pflicht führt den jungen Azat in „Vaters Vermächtnis“ von den USA nach Kirgisistan: Er will seinen Vater den Sitten gemäß in der Heimat bestatten lassen und dessen Schulden begleichen. Die Vergangenheit seines Erzeugers zwingt ihn zur Rechenschaft gegenüber den Dorfbewohnern, für die Azats Vater ein „Schwindler“ war. Die Regisseure Bakyt Mukul und Dastan Zhapar Uulu erzählen von einem Reifeprozess in Zeitlupe vor der betörenden Kulisse schneebedeckter Bergriesen – und setzen damit auch eine Tradition bei goEast fort, wo die filmischen Schwelgereien aus den europäisch-asiatischen Regionen stets ihren Platz haben und mit romantischer Exotik kleine Kino-Fluchten ermöglichen.

Filmfestival goEast: bis 3. Mai. www.filmfestival-goeast.de

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