Katastrophe als Kulisse: Steffen Seibert treibt bei der ZDF-Spendengala Geld für Haiti ein.
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Katastrophe als Kulisse: Steffen Seibert treibt bei der ZDF-Spendengala Geld für Haiti ein.

TV-Kritik "Haiti-Spendengala"

Die Hochglanz-Charity-Sause

  • Marie-Sophie Adeoso
    vonMarie-Sophie Adeoso
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Zahllose Prominente und Unternehmer sonnen sich in der ZDF-Spendengala im Glanze ihrer Geldgaben - fast 18 Millionen Euro kommen zusammen. Aber Geld stinkt nicht - und das vom Erdbeben verwüstete Haiti braucht jeden Cent. Von Marie-Sophie Adeoso

Thomas Gottschalk hat mal wieder überzogen. Schlappe 45 Minuten. Doch wer will das kritisieren, es war ja für den guten Zweck. Fast 18 Millionen Euro haben er und Steffen Seibert bei der ZDF-Spendengala "Wir wollen helfen - ein Herz für Kinder" für die Erdbebenopfer in Haiti gesammelt. Damit haben Deutschlands Bürger den Soforthilfe-Betrag der Bundesregierung weit übertroffen. Der lag bei 7,5 Millionen Euro und wurde aktuell noch einmal um 2,5 Millionen Euro für das Welthungerprogramm aufgestockt, wie Kanzlerin Merkel per Videobotschaft mitteilte. Zahlreiche weitere Spendenaktionen und private Überweisungen dürften diese Beträge nochmals deutlich erhöhen.

Das ist äußerst erfreulich, denn in der aktuellen Notsituation und noch weit über diese hinaus braucht Haiti dringend Hilfe. Die emotionalisierte Hochglanz-Charity-Sause im ZDF anzusehen war allerdings eine Qual. Während bei Anne Wills Spendensendung am Sonntag noch Hintergründe zur haitianischen Geschichte, Augenzeugenberichte und der Aspekt der Nachhaltigkeit diskutiert wurden, setzte das ZDF samt Medienpartner BILD voll und ganz auf das Prinzip "Gutes tun und darüber reden". Darüber konnte auch der Minimal-Anteil haitianischer Gesprächspartner nicht hinwegtäuschen. Die Erzählungen hübscher Schauspielerinnen und Sängerinnen von ihrer ganz individuellen Verbindung zu Haiti verkaufen sich einfach besser.

Sechsstellige Summen polieren das Image auf

So wurden am Anfang der Sendung zunächst Dutzende mehr oder weniger Prominente aufgezählt, die abwechselnd die Spendentelefone besetzten. Später gaben die Moderatoren Unternehmern ein Forum, die mit sechsstelligen Summen das Image ihrer Firmen aufpolierten. Sicher kein Zufall, dass auch ein gerne mal in der Bild-Zeitung beworbener Lebensmittel-Discounter sich in den seligen Spendenreigen einreihen durfte.

Es mag tatsächlich die Spendenbereitschaft von TV-Zuschauern anregen, permanent unter die Nase gerieben zu bekommen, welcher Promi wie viel gibt. Aus ethischer Perspektive betrachtet hat die Selbstbeweihräucherung dennoch ein Geschmäckle. Denn selbstlos ist die vor einem Millionenpublikum verkündete Hilfsbereitschaft der deutschen Wirtschaft und Unterhaltungsbranche sicherlich nicht. Wenn eine Supermarktkette ankündigt, von jedem Einkauf einen Cent nach Haiti zu senden, steigert sie damit in erster Linie den eigenen Umsatz. Und Bands, die süßliche Balladen trällern oder Lederjacken versteigern, tragen damit auch zur eigenen Heroisierung und weiteren Fanbildung bei. Da klingt der Titel der Sendung "Wir helfen gern" mit einem Mal seltsam doppeldeutig. Wie schön, dass die Kanzlerin unkomplizierte Wege zum Absetzen von der Steuer ankündigt.

"Haben Sie Nachsicht", mahnt Thomas Gottschalk indes zum Abschluss. "Wenn wir Werbung gemacht haben, dann wurde sie sehr, sehr teuer bezahlt." Na, dann. Haiti wird es uns danken - uns, der ach so selbstlos helfenden westlichen Welt.

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