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Josef Ochs in seinem Keller.

Film „Im Keller“

Hitler-Bilder an der Wand

Ulrich Seidl zeigt in dem Dokumentarfilm „Im Keller“ Leute mit gewissen Vorlieben. Herausgekommen ist dabei ein schrecklich unterhaltsamer Film - der für fassungslose Lacher sorgt.

Von Anke Westphal

Herr Lang wollte früher mal Opernsänger werden. Nun ist er fast 70 und betreibt einen Schießstand in den Kellern eines großen Gebäudes. Vor dem Schießen singt er ein wenig, gern „O sole mio“ – er ist stolz auf sein hohes C. Stolz ist er wohl auch auf die Geschmeidigkeit, mit der er immer wieder die Waffe à la James Bond zieht. Peng, peng – mitten in die Pappzielscheibe.

Fritz Lang ist einer der Protagonisten in Ulrich Seidls neuem Dokumentarfilm „Im Keller“. Für ihn hat der österreichische Regisseur erkundet, was seine Landsleute denn so in den Gewölben unter ihren Häusern treiben. Nein, es geht nicht um Hobby-, Bastel-, Fitness-, Wasch- oder Vorratskeller im üblichen Sinn. Wiewohl der Regisseur dies abstreitet im Statement zu diesem Film, favorisiert er doch das Extreme. Und so sehen wir bald eine ältere Frau in einem Keller Babypuppen aus Kartons nehmen, diese dann hätscheln, wiegen und ansprechen, als wären es wirklich ihre eigenen kleinen Kinder. Komisch, seltsam, ja direkt irritierend.

Indes lange nicht so verstörend wie der reich mit Nazi-Devotionalien – Fotos, Waffen, Bilder, Schaufensterpuppen in einschlägigen Uniformen – geschmückte Wohnkeller eines angejahrten Posaunisten. Liebevoll staubt der Mann ein riesiges Hitler-Porträt in Öl ab; dies sei ein Geschenk zu seiner Hochzeit gewesen, sagt Josef Ochs – sein „schönstes Hochzeitsgeschenk“.

Ulrich Seidl schaut dem Sammler und Liebhaber zu, lässt ihn reden und beurteilt ihn nicht – es gibt in diesem Film keine verbalen Kommentare, allenfalls symmetrische Anordnungen in der Szenerie, etwa von Paaren. Das Beurteilen überlässt der Regisseur wohl den Kinozuschauern. Die wenigsten von ihnen werden Hitler-Bilder an der Wand hängen haben und hier wohl die Augen aufreißen vor Erstaunen.

Für ihn sei das Kennenlernen anderer Menschen und Welten eine persönliche Bereicherung, wenn auch nicht immer eine erfreuliche, sagt der 1952 geborene Seidl, Schöpfer unter anderem der „Paradies“-Filmtrilogie mit „Liebe“, „Glaube“, „Hoffnung“. Seine Figuren, ob nun im Spiel- oder Dokumentarfilm, wirken weder schön noch sonderlich klug oder gar angenehm; und dennoch folgt man ihren Wegen gebannt, führen sie einen doch in schlecht oder gar nicht ausleuchtete Gebiete des eigenen Selbst. Oft sind Seidls Regiearbeiten Studien der Sprachlosigkeit und ihrer Folgen. Nicht zufällig ist unter den Protagonisten von „Im Keller“ kaum keiner, den man nicht für einen Grenzfall halten möchte, etwa seelisch. Josef Ochs verständigt sich mit seiner über dem Keller lebenden Frau durch Schläge mit einer Stange auf ein Heizungsrohr. Wie die Leute wurden, was sie jetzt sind, und warum sie nun tun, was sie hier tun, erklärt dieser Film nicht. Ulrich Seidl ist kein Psychologe, und ein Pathologe will er ja nicht sein.

Was aber ist er dann als Regisseur? Vielleicht nur ein Zeuge. Der Keller in seinen vielfältigen Gestalten ist hier natürlich nicht allein Handlungsort, sondern auch Metapher für das Abgründige, Tiefliegende: „In unser aller Unterbewusstsein ist der Keller auch ein Ort der Dunkelheit, ein Ort der Angst, ein Ort der menschlichen Abgründe“, so Seidl. Was Menschen alles auf sich nehmen, um ihre Sehnsüchte zu erfüllen, ihren Pflichten nachzukommen, ihre Unzulänglichkeiten zu sublimieren, ihren Machttrieb auszuleben – das habe ihn interessiert.

Doch dem kritischen Zuschauer wird das einschlägig Ausgesuchte von Seidls Protagonisten seltsam ins Auge stechen – selbstredend stehen Extremfälle im Mittelpunkt seiner „Geschichten von Sexualität und Schussbereitschaft, Fitness und Faschismus, Peitschenschlägen und Puppen“. Von einem Gesellschaftsbild möchte man als Zuschauer schon aus Gründen des Selbstschutzes nicht ausgehen.

Schwierig und langwierig ist es für Seidl gewesen, an diese Menschen, natürlich auch aus der S/M-Szene, heranzukommen, die sich hier einer Kamera darbieten, die sie nicht schont.

Der kleine, unscheinbare Mann im Leder-String-Tanga, der von seinem mächtigen Samenstrahl schwärmt; die fette Verkäuferin, die sich im kurzen Püppchenkleid auf einem Gynäkologenstuhl lecken lässt; die „Herrin“, die ihren nackten Ehemann die Toilette mit der Zunge sauberschlecken lässt; die Masochistin, die bei der Caritas misshandelte Frauen betreut – sie alle stehen ungeschützt vor Seidl und dem fassungslosen Lachen der Zuschauer. „Im Keller“ sagt uns nichts, was wir nicht schon wüssten. Es ist ein schrecklich unterhaltsamer Film.

Im Keller. Österreich 2014. Regie: Ulrich Seidl. 90 Minuten.

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