Zu Gast bei Sandra Maischberger: v.l.n.r. Volker Beck (B &#39 90/Grüne), Necla Kelek (Soziologin und Islamkritikerin), Alfred Grosser (Publizist), Alexander Gauland (AfD) und Carla Amina Baghajati (Islamische Glaubensgemeinschaft Österreich).
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Zu Gast bei Sandra Maischberger: v.l.n.r. Volker Beck (B ' 90/Grüne), Necla Kelek (Soziologin und Islamkritikerin), Alfred Grosser (Publizist), Alexander Gauland (AfD) und Carla Amina Baghajati (Islamische Glaubensgemeinschaft Österreich).

TV-Kritik: Menschen bei Maischberger

„Hitler war auch das Abendland“

Bei Maischberger können sich die Gäste nicht auf eines der vielen Themen festlegen: Islam, Pegida, AfD, Charly Hebdo oder Lügenpresse. In so einer aufgewühlten Zeit ist es für eine Talkshow schwer, neue Informationen aufzuwerfen.

Von Timo Lehmann

Pegida, Terroranschläge in Frankreich – woher kommt die radikale Ablehnung des Anderen? In der ersten Talkshowwoche des Jahres gibt es viel zu besprechen. Zu viel, wie man bei Sandra Maischberger verfolgen konnte: „Religiös verblendet, politisch verirrt: Gefährden Radikale unsere Gesellschaft?“ Mit der schwammigen Frage konnte scheinbar die Moderatorin selbst nur wenig anfangen. Islam, Pegida, AfD, Charly Hebdo, Lügenpresse – so richtig einigen konnten die Gastgeberin und ihre fünf Redner sich nicht, worüber man an diesem Abend sprechen wollte.

Alexander Gauland übernahm seine erwartete Rolle. Der AfD-Vize sieht kein Problem, wenn Christen aus anderen Ländern nach Deutschland kommen, weil jene sich integrieren würden. Und Muslime? „Weiß ich nicht.“ Was Herr Gauland aber weiß: Seine „natürlichen Verbündeten“, wie er die Pegida nennt, haben noch keine Medienerfahrung, das mit der „Lügenpresse“ sei ein Missverständnis und die Grünen wollen insgeheim den Religionsunterricht abschaffen, indem sie einen zusätzlichen für Muslime fordern. Zudem gehört für den Publizisten der Islam nicht zu Deutschland, weil er keinen Platz in der Tradition des Landes habe.

Widerspruch kam nicht nur von Carla Amnia Baghajati. Vor 25 Jahren konvertierte die Österreicherin zum Islam und plädiert nun für eine strikte Trennung zwischen Terror und friedlicher Auslebung ihrer Religion. Der Islamismus sei eine „ideologisierte Form“, die mit dem Islam nichts gemein habe. Auch der Islam habe in der maurischen Phase auf die Entwicklung Europas gewirkt. Nur weniger als ein Prozent der Muslime in Deutschland sind islamistisch eingestellt.

Breite Diskussion anstoßen

Die muslimische Soziologin Necla Kelek hingegen forderte eine dringende Reform für die gesamte Glaubensgemeinschaft. Es müsse eine breite Diskussion in Moscheen und Universitäten angestoßen werden, um freiheitliche Werte und Eigenverantwortung zu vermitteln. Die Reaktionen der deutschen Öffentlichkeit sieht sie eher als Entmündigung. Wieviel Islamismus im Islam stecke, müsse bei Muslimen selbst diskutiert werden.

„Es besteht eine reale Gefahr“, sagte Volker Beck. Der innenpolitische Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen wies darauf hin, dass die Gefahr des islamistischen Terrors bereits seit 2001 bestehe und die Politik viele sicherheitspolitischen Vorkehrungen getroffen habe. Trotzdem gebe es noch Aufgaben. Imame sollten in Deutschland ausgebildet werden und nicht in anderen Ländern. Der Diskurs mit Muslimen muss weiter vorangehen.

Mit historischem Bewusstsein begleitete der Intellektuelle Alfred Grosser die sprunghafte Diskussion. Die meisten Opfer der Islamisten sind Muslime selbst, stellte er fest. Der emeritierte Politikprofessor aus Paris sprach über „die Ketzer“, die es im Christentum gegeben hat und den 43 Angriffen auf islamische Institutionen, die in den letzten Tagen in Frankreich verübt wurden. Von Pegida hält Franzose deutsch-jüdischer Herkunft nichts: „Hitler war auch das Abendland.“

In einer aufgewühlten Zeit, in der eine Thematik so stark in den Mittelpunkt rückt, ist es für eine Talkshow schwer, neue Informationen und Argumente aufzuwerfen. Waren einzelne Wortbeiträge noch so spannend, mehr Fokussierung statt Durcheinandergewirbel hätte den 75 Minuten gut getan. Wer sich in den letzten Tagen nicht auf dem Mond aufhielt, wird in der ARD-Sendung „Menschen bei Maischberger“ am Dienstagabend nur wenig Neues zu Pegida und Islamistischen Terror erfahren haben. Einzig die einzelnen historischen Zusammenhänge von Alfred Grosser und Carla Amnia Baghajati schlüsselten manch neuen Gedanken auf.

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