Das Ehepaar Hitchcock, Alma und Alfred, bei Tisch: Helen Mirren und – mit ausgestopftem Hemd – Anthony Hopkins.
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Das Ehepaar Hitchcock, Alma und Alfred, bei Tisch: Helen Mirren und – mit ausgestopftem Hemd – Anthony Hopkins.

Alfred Hitchcock

Hitchcock, der sonnige Psycho

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Sasha Gervasis schöngefärbtes Biopic „Hitchcock“ mit Anthony Hopkins – der Meister selbst hätte es wohl verachtet.

Sasha Gervasis schöngefärbtes Biopic „Hitchcock“ mit Anthony Hopkins – der Meister selbst hätte es wohl verachtet.

Alfred Hitchcocks Erfolgskarriere hatte ihre eigene Tragik. Unter zwei Dingen litt der Master of Suspense besonders: Dass er sich fühlte wie Cary Grant, aber aussah wie Alfred Hitchcock. Und dass niemand in Hollywood Anstalten machte, ihn als Künstler anzuerkennen. Während das erste der beiden Probleme wohl niemand hätte lindern können, erfuhr er in der zweiten Angelegenheit immerhin spät in seinem Leben Unterstützung: Francois Truffauts 1962 begonnenes Interviewbuch „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht“ trug wesentlich zu seiner Unsterblichkeit bei.

Das Biopic „Hitchcock“ spielt nun kurz vor diesem Augenblick der Anerkennung und widmet sich den Dreharbeiten von Hitchcocks stilbildendem Thriller „Psycho“. Nach seinen großen Studiofilmen erfand sich Alfred Hitchcock neu aus dem Geist scheinbar billiger Exploitation-Filme – und schuf doch ein hochkomplexes Werk, das einem ganzen Genre seinen Namen gab: den Psycho-Thriller.

Filmfans ist das alles wohlbekannt, nicht zuletzt aus Truffauts Buch. Doch ein komplettes Bild wird erst daraus, wenn man auch Hitchcocks Mitarbeiter würdigt: den Grafiker Saul Bass etwa, der die Duschszene in „Psycho“ Bild für Bild entworfen hat. Und, allen voran, Mrs. Hitchcock, geborene Alma Reville: Die Drehbuchautorin war schon vor und hinter der Kamera aktiv, als Alfred noch Zwischentitel malte. Bass hat einen kleinen Platz in Sasha Gervasis Biopic „Hitchcock“, Alma Reville ist sogar die zweite Hauptfigur.

Der britische Regisseur Gervasi setzt Hitchcocks wichtigster Mitarbeiterin und der einzigen Kritikerin, die er respektierte, ein wohlverdientes Denkmal. Man glaubt gern, dass Alma so war, wie Helen Mirren sie nun spielt: Unscheinbar und unkorrumpierbar, stark und doch dienstbar, sich ihres Einflusses aber stets bewusst.

Dunkle Seite? Gibt's hier nicht

Zuerst will Alma ihren Alfred davon abhalten, die verstörende Geschichte des schizophrenen Frauenmörders Norman Bates zu verfilmen. Als er aber Haus und Swimmingpool versetzt, um das Projekt finanzieren zu können, macht sie sich als Dramaturgin unverzichtbar. Aber eine Geschichte wird aus dieser Arbeitsbeziehung noch nicht. Dazu müsste man sich auch für das Konfliktpotenzial interessieren, das sich aus Hitchcocks unerfülltem sexuellen Begehren zu vielen seiner Hauptdarstellerinnen ergeben haben muss. Diese „dunkle Seite des Genies“, wie es der Biograf Donald Spoto formulierte, findet in Gervasis sonnigem Psycho-Film keinen Platz.

Aber es gibt ja noch ein zweites Hitchcock-Biopic, wenn auch zur Zeit nur als Import-DVD: Die neue HBO-Fernsehproduktion „The Girl“ zeichnet am Beispiel der Schauspielerin Tippi Hedren ein tiefschwarzes Bild des Meisterregisseurs. Hedren, der Star aus „Die Vögel“ und „Marnie“, war nirgends sicher vor Hitchcocks sexuellen Belästigungen. Dieser Konkurrenzfilm kommt dem echten Hitchcock trotz des Boulevard-Charakters wohl weit näher als die Hochglanzhuldigung von Gervasi. Vor allem aber kommt sie einem Hitchock-Film weit näher.

Wie sehr muss Alfred Hitchcock derart heroische Filmbiografien verachtet haben! Das Genre gab es schon, als Alma Reville noch Schauspielerin war und 1918 in „The Life Story of David Lloyd George“ ihre erste und letzte Hauptrolle spielte. Doch Hitchcocks Werke kennen keine Heiligenscheine. Sie interessieren sich für die „Schatten des Zweifels“ – die wir jetzt vermissen.

Hopkins kriegt's nicht hin

Die Heroisierung beginnt bei Gervasi mit der Besetzung der Hauptrolle durch jenen Schauspieler, der auch schon Picasso auf der großen Leinwand verkörperte: Anthony Hopkins. Leider sieht er auch mit ausgestopftem Hemd mehr wie Picasso als wie Hitchcock aus. Auch die emotionslose Sprechweise des Meisters bekommt Hopkins nicht hin. Immerhin stolziert er so lässig wie der Meister durch die Kulissen, die Arme eng am Körper angelegt, die Finger abgespreizt wie kleine Flügelchen. Als hätte er schon sein kommendes Meisterwerk, „Die Vögel“, im Kopf. Sasha Gervasis Film erinnert ansonsten an eine „Mad Men“-Folge, nur der Verrückte in seiner Mitte wirkt viel zu harmlos-liebenswert.

Wie man hört, hatte es die Produktion nicht leicht. Sie durfte keine Szene aus „Psycho“ zitieren, und auch die berühmte Filmkulisse von „Mutters Haus“ auf dem Gelände des Studios Universal war für die Filmcrew Tabu. Dennoch gelang ein glaubwürdiges Zeitbild, und das ist schon allerhand.

Noch anmutiger als das Original ist hier Janet Leigh geraten. In der undankbaren Rolle der Schauspielerin, die in „Psycho“ schon früh ermordet wird, glänzt Scarlett Johansson. Und ist, wie so manches an diesem „Hitchcock“, noch hübscher als das Original.

Hitchcock, USA 2013. Regie: Sasha Gervasi, Drehbuch: John McLaughlin, nach der Buchvorlage von Stephen Rebello, Kamera: Jeff Cronenweth, Darsteller: Anthony Hopkins, Helen Mirren, Scarlett Johansson u a.; 98 Minuten, Farbe. FSK ab 12. Ab Donnerstag im Kino.

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