Die Menschenrechtsaktivistin und Anwältin Nasrin Sotudeh im Taxi - eine Szene des Films "Taxi Teheran".
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Die Menschenrechtsaktivistin und Anwältin Nasrin Sotudeh im Taxi - eine Szene des Films "Taxi Teheran".

Neu im Kino: "Taxi Teheran"

Hinreißendes Plädoyer für die Freiheit

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Der iranische Regisseur Jafar Panahi steht unter Hausarrest - und eine Begnadigung ist nicht in Sicht. Jetzt kommt sein Berlinale-Gewinner „Taxi Teheran“ ins Kino – es ist ein Befreiungsschlag mit ansteckender Wirkung.

Seit dem Amtsantritt von Hassan Ruhani wächst im Iran nicht nur die Hoffnung. Auch die Zahl der Hinrichtungen steigt exorbitant: 852 zählte der UN-Menschenrechtsrat zwischen Juli 2013 und Juni 2014, mehr denn je seit der Revolution. Natürlich hat das eine nicht unbedingt etwas mit dem anderen zu tun. Doch etwas unheimlich ist die Sache schon, denn es sieht nicht so aus, als würden die Besuche deutscher Spitzenpolitiker an der Situation im Lande irgendetwas ändern.

Und möglicherweise steht ja auch eine Mehrheit hinter diesen drakonischen Strafen, während die liberalen Tendenzen der weltweit bewunderten Filmkultur des Landes doch eher Minderheitspositionen repräsentieren. Eine Begnadigung für Jafar Panahi ist jedenfalls noch lange nicht in Sicht. Noch immer steht er offiziell unter Hausarrest, doch wie man ihn in „Taxi Teheran“ erlebt, legt nahe, dass er zumindest keine allzu strenge Bewachung fürchten muss.

Den ganzen Film in einem Taxi gedreht – und das nicht wie im alten Hollywood im Studio vor einer Leinwand, die Stadtkulissen abgespult hätte. Ein paar fest montierte Kameras reichen aus für einen professionell anmutenden und abwechslungsreich gefilmten, semi-dokumentarischen Spielfilm. Der mit einem künstlerischen Arbeitsverbot belegte Regisseur spielt selbst den Chauffeur eines Sammeltaxis, der mit seinen Fahrgästen über das Leben debattiert.

Da lobt jemand eben jene aktuelle Hinrichtungswelle an Kleinkriminellen, während ein ehemaliger Nachbar Panahis ganz im Gegenteil eine andere Geschichte zu erzählen weiß: Er zieht es vor, von ihm selbst überführte Räuber nicht einmal anzuzeigen – aus Mitleid über ihre erbärmlichen Lebensumstände. Eine Anwältin, die offenbar Panahi persönlich zu ihren Klienten zählt, ist auf dem Weg zu einer jungen Frau im Hungerstreik.

Ins Gefängnis brachte diese der – für Frauen verbotene – Besuch eines Volleyballspiels. Sofort ist die Verbindung hergestellt zu Panahis herrlichem Fußballdrama „Offside“ über einen mutigen weiblichen Fan im Stadion. Aus dem unterhaltsamen Publikumsfilm, der bei der Berlinale 2006 seine Erfolgsgeschichte antrat, ist bittere Wirklichkeit geworden. Nur Panahi selbst wirkt nicht verbittert. Unerschütterlich wirbt er für die Freiheit der Kunst in einer Diktatur.

Der von ihm verkörperte Taxifahrer ist keineswegs die Antithese eines Regisseurs. Ganz im Gegenteil ist er immer ein Regisseur des Lebens, gleichermaßen Beobachter wie Lenker. In den schönsten Szenen ist er sogar als Filmlehrer gefragt, seine kleine Nichte soll für die Grundschule einen Videofilm herstellen. Gelehrig liest sie Panahi eine Liste ihrer Lehrerin vor mit allen erdenklichen Tabus für einen „vorzeigbaren Film“. Kurz zusammengefasst steht da alles drauf, was unangenehm sein könnte. Dass Panahi nun über die Geißeln seines Berufsstands einen gleichwohl aufbauenden Film gedreht hat, ist nicht nur verboten, sondern es ist fast unglaublich.

Als dieses ästhetisch minimalistische, aber in seiner Wirkung gewaltige Lebensbild aus dem gegenwärtigen Iran im Februar den Berlinale-Wettbewerb anschob, hatten manche Beobachter schon eine Preisverleihung in Abwesenheit vor Augen. Sie sollten recht behalten. Jafar Panahi, wohl neben dem Chinesen Ai Weiwei der berühmteste von Staats wegen drangsalierte Künstler der Welt, hatte den Zensoren schon wieder ein Schnippchen geschlagen. Vor allem aber hat er zu der populären und warmherzigen Form seiner großen Erfolge „Der weiße Ballon“ und „Offside“ zurückgefunden.

Die Bitterkeit seines Monologs aus der erzwungenen Wohn-Haft, „This is not a Film“ ist Vergangenheit. Nun ist Panahi selbst zu einer Panahi-Figur geworden, ist vom gleichen trotzigen Optimismus wie das Mädchen, das in „Der weiße Ballon“ für die Neujahrsfeier nach einem perfekten Goldfisch suchte. Sein Meisterwerk hat er nun selbst in einer der schönsten Episoden des Films parodiert: Zwei abergläubische alte Frauen kommen mit einem Goldfischglas ins Taxi, wenn sie es nicht Punkt 12 Uhr in einer heiligen Quelle entleeren, so sind sie überzeugt, werde ein Unglück geschehen.

Nach Panahis letzten filmischen Lebenszeichen wirkt „Taxi Teheran“ wie ein Befreiungsschlag von geradezu ansteckender Wirkung. Wie mag wohl die Teheraner Regierung diesen Welterfolg finden? Von Repressalien gegenüber den mutigen Mitwirkenden wie jener Filmkritikerin, die in der Rolle einer Anwältin die politische Justiz beklagt, hat man jedenfalls nichts gehört. Viel spricht inzwischen im Gegenteil dafür, dass die Offiziellen mit der gegenwärtigen Situation gut leben können.

Und vielleicht ist dieser Film ja auch ganz unabhängig von seiner politischen Lesart ein Bekenntnis zu einer weltweit bedrohten Kultur zwischenmenschlicher Kommunikation. Die digitale Revolution wird uns in Kürze Robotertaxis per App nach Hause schicken, und niemand wird darin sitzen, der uns etwas über das Leben erzählt. Na, für irgendeine Bord-Unterhaltung wird Google schon sorgen…

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