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Mario Montez, heute 76, dreht seine ersten Filme 1964 mit Andy Warhol – Titel: „Mario Banana“, Teil 1 und 2. Der Beginn eines Lebenswerks als Travestie-Star, für das Montez nun in Berlin geehrt wird.

Mario Montez

Wie hingegossen

Mario Montez, Trans-Superstar der ersten Stunde, erhält heute einen Special Teddy Award für sein Lebenswerk. Die späte Ehrung könnte ihm gefallen, denn viel Geld hat er in der Warhol’schen Superstar-Rolle nie verdient.

Von Elmar Kraushaar

Das soll ein Star sein? Ein Warhol-Star? Ein ältliches Fräulein sitzt an einem Novemberabend 2009 auf der Bühne des Arsenal-Kinos in Berlins Mitte: Mario Montez. Gekleidet in einen langen schwarzen Rock, das Oberteil voller silberner Pailletten, die künstlichen Haare in Wellen gelegt wie von einem Perückeneisen, und sein Lippenstift so rot wie das Ledersofa, auf dem er sitzt. Er ist nach Berlin gekommen – „Meine erste Reise mit einem Flugzeug!“ – um Jack Smith zu ehren, den Pionier des US-amerikanischen Undergroundfilms. Ihm verdankt Mario Montez seinen ersten Auftritt vor der Kamera.

„Flaming Creatures“, so der Titel von Smith’ Film, wird 1962 gedreht auf dem Dach eines Kinos an der Lower Eastside. Hier sind all jene versammelt, die sich aus New Yorks schwuler Subkultur kennen, Transvestiten, Transsexuelle, Frauen, Schwule. Die Darsteller sind gekleidet vor allem in Weiß, dazwischen die eine oder andere Gestalt ganz in Schwarz, oder ein paar nackte, männliche Oberkörper.

Idol der Schwulen als Patin für seinen Namen

Was auf den ersten Blick aussieht wie ein opulenter Revuefilm aus der Stummfilm-Ära entpuppt sich bei näherem Hinsehen als eine einzige Bilderorgie tanzender und schwankender Körper, maliziöser Münder, blanker Busen und schlaffer Schwänze. „Nur noch zu vergleichen mit den ganz Großen wie von Sternberg“, urteilt der Regisseur Jonas Mekas in der „Village Voice“. Die Polizei dagegen beschlagnahmt den Film bei der Premiere wegen „Obszönität“. Und mittendrin in diesem verbotenen Meisterwerk ist Mario Montez, noch nennt er sich Dolores Flores, eine Erinnerung an seine Herkunft.

Montez wird 1935 als René Rivera in Ponce auf Puerto Rico geboren, im Alter von acht Jahren kommt er mit seiner Familie nach New York. Er macht eine Ausbildung zum Druckgrafiker, jobbt aber als Schreibkraft in diversen Büros. Bis ihn Jack Smith vor die Kamera holt. „Ich konnte nicht schauspielern und habe mir alles abgeguckt aus alten Filmen“, erinnert sich Montez Jahre später. Aus Filmen wie „Cobra Woman“ mit Maria Montez. Das Idol der Schwulen der 1950er Jahre hat ihm besonders gefallen und wird deshalb zur Patin für seinen neuen Künstlernamen: Mario Montez.

Montez gehörte nie zum engeren Warhol-Kreis

„Mario Banana“ Teil I und Teil II, werden die ersten Filme, die Montez 1964 mit Andy Warhol dreht. Aber was heißt „dreht“? Warhol stellt eine Kamera auf, setzt das Licht und überlässt alles andere seinem „Star“.

Das Gesicht kalkweiß geschminkt, blutrot der Mund, mit Perlen um den Hals und einer glitzernden Brosche auf weißem Kunsthaar, liegt Montez wie hingegossen vor der Kamera, schält lasziv eine Banane, beißt rein, kaut, schiebt sich noch einmal das Obst in den Mund, als sei es ein leckerer Penis. Mehr ist nicht. Ganz nach Warhols Credo, dass Film nichts weiter sei als das Registrieren ablaufender Zeit. Montez gehört jetzt zu Warhols Factory, dieses Sammelbecken New Yorker Schwuler und Transvestiten, das Reservoir williger „Stars“, aus dem sich der Künstler über viele Jahre bedient.

Mario Montez ist bei insgesamt zwölf Warhol-Filmen dabei, verkörpert Lana Turner und Hedy Lamarr in den Filmen „More Milk, Yvette“ und „Hedy“. Trotz der vielen Filme gehört Montez nie zum engeren Kreis um Warhol. „Ich hatte nichts mit Drogen am Hut, wie so viele ander in der Factory“, erinnert er sich heute, „schließlich musste ich immer vor Mitternacht zu Hause sein, weil ich ja am nächsten Morgen früh zur Arbeit ging.“ Nur in seinen Rollen tritt Montez in Frauenkleidern auf, zu Hause und bei der Arbeit im Büro kommt er als ganz normaler Mann daher.

Dann, 1977, an einem kalten Januarmorgen, verlässt Mario Montez mit dem Bus die Stadt, auf nach Orlando in Florida: „Dort waren die Mieten niedrig und es gab genügend Jobs.“ Montez arbeitet hier bei einer Versicherung, und von 2006 bis 2010 sitzt er am Empfang eines Walt-Disney-Freizeitparks. Bis ihn die Erinnerungen wieder einholen. Hier und da tritt er wieder auf bei Gedenkveranstaltungen für Jack Smith, wird herumgereicht als Zeitzeuge an Universitäten und in Museen.

Späte Ehrung

Jetzt kommt Mario Montez zur Berlinale wieder nach Deutschland und wird – neben der deutschen Regisseurin Ulrike Ottinger – für sein Lebenswerk mit einem Special Teddy Award geehrt: als „Trans-Superstar der ersten Stunde“, wie es in der Mitteilung zur Preisverleihung heißt.

Die späte Ehrung könnte ihm gefallen, denn viel Geld hat er in der Warhol’schen Superstar-Rolle nie verdient: „Bevor wir anfingen zu arbeiten, mussten wir bei Warhol schriftlich auf unsere Ansprüche verzichten“, hat Mario Montez einmal erzählt. „Wir waren alle sehr naiv und haben unterschrieben.“

Teddy Award Gala

Samstag um 21 Uhr im Flughafen Tempelhof.

Einlass und Empfang ab 18 Uhr, es gibt noch Karten. Ab 23.30 Uhr große Party, die Karten dafür kosten 20 Uhr.

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