Anne Will im Studio ihrer Talkshow.
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Anne Will im Studio ihrer Talkshow.

TV-Kritik "Der Fall Harry Wörz“

Himmelschreiendes Unrecht

Die skandalöse Verurteilung von Harry Wörz war Anlass für einen kleinen Themenabend im „Ersten“: Nach dem Film „Unter Anklage“ ließ Anne Will über diesen und andere Justizirrtümer diskutieren. Aber wird sich auch was ändern?

Von Tilmann P. Gangloff

Im Sport wird ja mittlerweile selbst der unwichtigste Aspekt statistisch erfasst. Das sollten die Sender auch mal in eigener Sache einführen. Es wäre zum Beispiel interessant zu erfahren, wie oft die fraglos engagierten ARD-Talkshows schon konkrete Änderungen bewirkt haben.

Natürlich werden die Verantwortlichen einwänden, die Gesprächsrunden trügen vor allem zur Meinungsbildung der Zuschauer bei, was selbstredend richtig ist. Aber wenn die ARD dem Fall Harry Wörz zweieinhalb Stunden widmet, spielt wohl auch die Hoffnung mit, der programmliche Aufwand könne Folgen haben.

Die ehemalige Justizministerin Herta Däubler-Gmelin hat bei „Anne Will“ einen entsprechenden Vorschlag vorgetragen. Es sollte auch bei Gericht Methode werden, was in Krankenhäusern üblich sei: eine Fehlerkontrolle. Gänzlich einig war sich die Runde auch in der Anprangerung der lächerlichen Entschädigungen, mit denen Justizopfer wie Wörz abgespeist werden.

Der Streit um die Anzahl der Justizirrtümer war dagegen wenig zielführend, zumal er schon an fehlenden Definitionen scheitert; außerdem sind Fehlurteile in der Regel selten so offenkundig wie in den Fällen Wörz oder Gustl Mollath. Heinrich Gehrke, ehedem Richter am Frankfurter Landgericht, wies zudem daraufhin, dass sich Angeklagte, die zu Unrecht freigesprochen worden sind, eher selten über Urteile beschweren.

Aus Sicht des juristischen Laien, der noch unter dem Eindruck des vorherigen Spielfilms stand, war die Diskussion naturgemäß immer dann am spannendsten, wenn sich die Beteiligten nicht in rechtliche Haarspaltereien ergingen, sondern über nachvollziehbare Vorfälle sprachen.

Davon abgesehen konnte man dankbar sein, dass in der Runde tatsächlich der echte Harry Wörz saß und nicht etwa der Darsteller Rüdiger Klink, der bis zur akustischen Verwechselbarkeit in dieser Rolle aufgegangen ist; schließlich werden Schauspieler oft genug zu Experten erklärt, bloß weil sie in einem entsprechenden Film mitgewirkt haben.

Trotzdem führte die Regie Wörz immer wieder wie einen Schauspieler vor: Derart extreme Nahaufnahmen, die sein Gesicht regelmäßig bildschirmfüllend zeigten, sind im Film besonders emotionalen Szenen vorbehalten; und bei nichtfiktionalen Produktionen in der Regel ein Beleg für mindere Qualität. Bei den anderen Diskussionsteilnehmern wahrte die Kamera den gebührenden Höflichkeitsabstand.

Hochklassiges TV-Drama

Der Film war dagegen ein hochklassiges TV-Drama, und das lässt sich sicher nicht nur damit erklären, dass Regisseur Till Endemann und sein Koautor bloß die tatsächlichen Ereignisse verdichten mussten. Endemann hat für den SWR vor fünf Jahren schon mit viel Feingefühl die Flugzeugkatastrophe über Überlingen verfilmt („Flug in die Nacht - Das Unglück von Überlingen“).

„Unter Anklage“ konzentrierte sich noch stärker auf die Figuren. Umso wichtiger war die Besetzung; beide Hauptdarsteller machten ihre Sache hervorragend. Felix Klare lieferte als Anwalt Gorka eine der Rolle entsprechende reduzierte, aber ungemein reife Leistung ab. Noch mehr Respekt gebührt Rüdiger Klink. Ihm wie auch dem Drehbuch ist zu verdanken, dass Endemann mit der Titelfigur eine eindrucksvolle Gratwanderung gelungen ist: Der Film schilderte Wörz als einfachen, nicht jedoch als einfältigen Menschen, der angesichts des himmelschreienden Unrechts die Welt nicht mehr versteht.

Dass Endemann ein ausgezeichneter Regisseur ist, bewies „Unter Anklage“ gleich zu Beginn: Drei kühne Minuten brauchte der Film von der Verhaftung bis zur Verurteilung; selten ist der Begriff „kurzer Prozess“ derart schonungslos umgesetzt worden. 

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