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„Das Salz der Erde“: Sebastião Salgado beim Fotografieren.

„Das Salz der Erde“

Der Himmel über dem Leid

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Wim Wenders porträtiert in seinem Dokumentarfilm „Das Salz der Erde“ den Fotografen Sebastião Salgado.

Wie lange kann ein Mensch den Kopf schütteln und so tun als sähe er nichts?“, fragte Bob Dylan in seinen Protestsong „Blowing in the Wind“. Wie kaum eine andere Kunstform arbeitet sich die soziale Fotografie an dieser Frage ab. Wim Wenders, der neben seinen Spielfilmen auf ein beachtliches Werk als Dokumentarfilmer zurückblicken kann, kennt den Konflikt nur zu gut. Auch wenn er seine Kamera dabei nie in Kriegsgebiete trug, sondern lieber Künstler und Städte porträtierte. Spätestens als er eines seiner Idole, den sterbenden Hollywoodregisseur Nicholas Ray vor die Kamera holte, stellte sich die Frage: Wo liegen die Grenzen der Anteilnahme, wo verbietet die Diskretion das Hinsehen im Angesicht des Todes?

Wenders begegnete den Schwarzweiß-Bildern Sebastião Salgados dort, wo man soziale Fotografen sonst eher selten findet – in der Kunstgalerie, versehen mit inzwischen stolzen Preisschildern. Was er damals kaufte, ziert noch heute sein Büro. Aber es verbinden ja auch nicht viele Fotografen Aufklärung und Ästhetisierung so kunstvoll wie der Brasilianer.

Im glasklaren Breitbild des digitalen HD-Formats füllen seine inzwischen ikonischen Panoramen brasilianischer Goldsucher, brennender Ölfelder und inzwischen auch antarktischer Pinguine nun die Kinoleinwand – und erscheinen dabei fast noch überwältigender als im Orginal.

In Cannes wurde der gemeinsam mit dem Fotografensohn Juliano Ribeiro Salgado gedrehte Porträtfilm vom Publikum gefeiert – was den einstigen Palmen-Gewinner (für „Paris Texas“) vielleicht ein wenig damit versöhnte, dass es sein eigener neuer Spielfilm nicht zum Festival geschafft hatte.

„Das Salz der Erde“ haben beide ihren Dokumentarfilm genannt. Der Titel weckt Assoziationen an den gleichnamigen politischen Filmklassiker von Herbert J. Biberman, der 1954 von der Kommunistenhatz verfolgten Regisseuren ein Forum gab. Das „Salz der Erde“ seien die Menschen, so Salgado. Unermüdlich reiste er in seiner langen Karriere an Orte kaum vorstellbaren Leidens, fotografierte die Orte der Massaker der Hutu an den Tutsi in Ruanda, später die wechselnden Flüchtlingsströme. Irgendwann, so sagt er in imponierender Offenheit, erkrankte dann seine Seele. Heute arbeitet Salgado vorrangig als Naturfotograf und rekultivierte erfolgreich einen abgeholzten Urwald aus dem ehemaligen Familienbesitz.

Bedächtig und druckreif kommentiert er seine Fotoreisen, meist aus dem Off, manchmal aber auch vor einer vom eigenen Werk sichtlich inspirierten Schwarzweißkamera. Doch so verdienstvoll es ist, an all die von der Weltöffentlichkeit ignorierten oder vergessenen Gräueltaten zu erinnern, den seinen Bildern immanenten, künstlerisch-ethischen Konflikt streift Wenders nicht: Warum erreicht menschliches Leid das Auge eher, wenn die Abzüge mit ihren überhöhten Weißwerten an Goya-Radierungen erinnern? Kann man menschliches Leid nur im Gewand der Schönheit ertragen? Das wäre ein ebenso interessantes Thema gewesen, zumal darin auch das Dilemma des politischen Spielfilms verborgen liegt.

Aber vielleicht hat Wenders ja auch schon alles über diesen dem Blick auf das menschliche Leid immanenten Konflikt gesagt. In „Der Himmel über Berlin“ gibt es da zwei Engel, denen das bloße Zusehen sichtlich zu schaffen macht.

Das Salz der Erde. Regie: Wim Wenders und Juliana Ribeiro Salgado. Frankreich / Brasilien 2014. 110 Min.

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