Frau Müller: Gabriela Maria Schmeide.
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Frau Müller: Gabriela Maria Schmeide.

„Frau Müller muss weg“

Hierhin geht also die Kohle aus Brüssel!

Ost-West-Sticheleien und Eltern-Eitelkeiten in der bösen, auch aufs deutsche Schulwesen zielenden Komödie „Frau Müller muss weg“ von Sönke Wortmann.

Von Anke Westphal

Unangenehme Aufgaben übernimmt keiner gern, aber das hier muss einfach getan werden. Die Eltern, die sich zur außerordentlichen Sprechstunde versammelt haben, wollen die Lehrerin ihrer Kinder feuern. Das heißt, sie wollen die Ärmste zum Rücktritt auffordern, denn natürlich sind diese Eltern nicht Frau Müllers Arbeitgeber. Auch wenn sie sich so aufführen; noch ist die Leiterin dieser Übergangsklasse ja nicht anwesend. Die Unzufriedenheit schlägt jedoch schon hohe Wellen: Die Noten haben sich deutlich verschlechtert, seit Frau Müller die Kinder beurteilt. Dabei sind die Sprösslinge doch teils hochbegabt, sozial total kompetent und überhaupt ganz toll. Klar sollen die Kinder aufs Gymnasium und später Karriere machen. Auf diesem Weg ist Frau Müller ein Hindernis, das weg muss.

Als Bühnenstück von Lutz Hübner war „Frau Müller muss weg“ bereits am Grips-Theater in Berlin erfolgreich. Nun legt Sönke Wortmann eine Kinofassung vor, an der Hübner sowie dessen Schreibpartnerin und Frau Sarah Nemitz beteiligt waren. Der Herausforderung des Spiels im geschlossenen Raum begegnet der Regisseur, indem er die Bewegungsabläufe auf die gesamte Schule ausweitet – inklusive Schwimmbad. Diese Grundschule ist neu sowie bestens ausgestattet – und sie liegt in Dresden, was Anlass bietet für etliche scharfe Ost-West-Sticheleien zwischen etwa aus Köln zugezogenen und alteingesessenen Eltern. „Hier geht also die ganze Kohle aus Brüssel hin“, heißt es einmal schnippisch in dem Klassenzimmer, wo die liebenden Erziehungsberechtigten Frau Müller vermitteln wollen, dass sie einfach weg muss.

Sie können nicht ausweichen

Doch dabei tun sich unerwartete Abgründe auf. „Frau Müller muss weg“ ist eine böse Komödie, die sich jene Gruppendynamik zunutze macht, die nun einmal entsteht, wenn sich mehrere Leute an einem Ort befinden und einander nicht ausweichen können. Unterschiedliche Herkünfte, Bildungsniveaus und Vermögensverhältnisse, aber auch Temperamente, Realitätsverständnisse und Konfliktlösungsstrategien ergeben hier bald ein explosives Gemisch, das am Ende nicht Frau Müller schadet, sondern den Intriganten selbst.

Tatsächlich ist unter den fünf Eltern auch eine alleinerziehende Mutter, die schlichten will – vielleicht, weil ihr Sohn die besten Zensuren hat; vielleicht aber auch, weil sie Lehrerin wie Kinder objektiver sieht als die anderen. Und was soll Katja (Alwara Höfels) schon von dünkelhaften Eltern halten, die ihren geltungssüchtigen Nachwuchs nun aggressiv bemitleiden: „Das hier ist doch quasi Ausland, wo unser Junge neben Skinheads sitzen muss!“

Vorurteile, Gemeinheiten, Verletzungen und Eitelkeiten drängen immer stärker auf die Agenda dieses Elternabends. Der Übertragungsdruck im Kessel Klassenzimmer sucht sich Ventile. Bald gehen die werten Erzeuger aufeinander los, hübsch nach Stereotypen geordnet: Da gibt es die aufrichtig Bemühten, die Lässigen, die Aufopfernden, die Normalen und die Kontrolleure – allesamt präzise ausgeführte Charakterstudien. Diese Eltern sind so böse zueinander, dass die Zuschauer im Kinosessel eine große (Schaden-)Freude empfinden dürften, wenn sie ihnen beim Psychogefecht in der Schularena zuschauen.

„Kein Job, kein Geld, keine Meinung“ muss sich etwa der Hartz-IV-Empfänger Wolf (Justus von Dohnányi) anhören. Aber dieser Ossi nervt auch mit seinem ewigen passiv-aggressiven Gehabe. Anke Engelke bildet als smarte Karrieristin die Vorhut des Trupps gegen die ältere Lehrerin (gespielt von Gabriela Maria Schmeide), die indes wehrhaft ist und erstens auf ihren Beamtenstatus verweist sowie zweitens Leistungsbereitschaft und Lernwillen seitens der Schüler fordert. Diese Frau Müller ist wahrlich nicht zu beneiden, muss sie doch mit den fehlsozialisierten Kindern von immens eitlen und sich der Wirklichkeit verweigernden Eltern zurechtkommen. Dass die dann auf ihre eigene Unredlichkeit hereinfallen, ist nur würdig und recht.

Bei allem Lachen sollte man aber nicht übersehen, dass „Frau Müller muss weg“ im Übertragungsdruck der Eltern auch das Schulwesen in Deutschland kritisiert: Gymnasium, Real- oder Hauptschule – mit der weiteren Schullaufbahn werden hierzulande schon früh die Weichen fürs Leben gestellt. Zu früh.

Frau Müller muss weg. D 2014. Regie: Sönke Wortmann. 88 Min.

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