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Hier spricht Berlin heißt die neue Talkshwo in der ARD.

Hier spricht Berlin, ARD

Günther Jauch gefällt sich selbst „als Oberlehrer“

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Bei der ARD-Talkshow „Hier spricht Berlin“ wird die Hauptstadt mit müden Witzen als Provinz entlarvt.

„Die erste Kritik zur Sendung kommt von uns“, behauptete Gastgeberin Eva-Maria Lemke am Ende. Eine Talkshow, die die Kritik an ihr gleich mitliefert? So weit wollte der RBB bei der Premiere von „Hier spricht Berlin“ aber selbstredend dann doch nicht gehen. Die Moderatorin Caro Korneli verlas aus der Regie eine kurze Bilanz des Gesendeten und verstieg sich dabei zur Einlassung „Manchmal musste ich richtig nachdenken.“

Sie hat dann leider nicht verraten, worüber. Hätte uns interessiert. Denn als es mal ansatzweise kontrovers wurde, brach Lemkes Kollegin Jessy Wellmer das Gespräch kurzerhand ab. Der Rapper Sido hatte sich dagegen ausgesprochen, den Fall der Mauer zu feiern, weil die ja ein Unding war und man sie deshalb besser vergessen solle. Rateonkel Günther Jauch plädierte für Geschichtsbewusstsein und verwies auf das für Deutschland historisch bedeutsame Datum des 9. November. Seiner Meinung nach sollte auch jede(r) deutsche Schüler(in) einmal ein Konzentrationslager besucht haben. Sido widersprach. „Warum muss ich das wissen? Wenn’s mich doch nicht interessiert?“ Sänger Thomas Quasthoff fand Erinnerung umso notwendiger, als „heute wieder welche mit erhobenem Arm herumlaufen“. Und da unterbrach Jessy Wellmer mit „Entschuldigung“ und ließ ein Video von Sidos neuer Platte einspielen.

Fauxpas bei Premiere von „Hier spricht Berlin“

Das war ein richtiger Fauxpas der ersten Ausgabe der neuen Talkshow, die künftig im Wechsel mit anderen Dienstag Nacht im Ersten laufen soll. Aber „neu“ ist da bestenfalls das Moderatorinnen-Gespann. Eva-Maria Lemke und Jessy Wellmer eint ihre Erfahrung in diversen TV-Magazinen und die Zugehörigkeit zum rbb sowie die Kindheit in der DDR. Das Datum des sich um 30. Mal jährenden Falls der Mauer machten sie denn auch zum Thema ihrer Erstausgabe.

Hier spricht Berlin Die Moderatorinnen Jessy Wellmer (li.) und Eva-Maria Lemke.

Da durfte dann Petra Schmidt-Schaller erzählen, dass der Mauerfall ihren Wunsch durchkreuzt habe, endlich das rote Halstuch der Thälmann-Pioniere zu tragen. Dass sie kurz vor Ausstrahlung ihres neuen Films „Wendezeit“ eingeladen war – ein Schelm, wer Böses dabei denkt, zumal ja auch die andern Gäste ihre Produkte bewerben durften.

Else Buschheuer liefert bei „Hier spricht Berlin“ das Zitat des Abends

Schriftstellerin Else Buschheuer hat ein Buch mit dem Titel „hier noch wer zu retten“ geschrieben und verriet zum einen, dass sie ein Mandala-Tattoo auf ihrem Rücken trage, und zum anderen lieferte sie das Zitat des Abends, als sie gestand, sie habe schon ihren Grabstein samt Todesanzeige bestellt, nämlich: „Scheiße, ich bin tot.“

Thomas Quasthoff hat am 9. November 1989 30. Geburtstag gefeiert und deshalb vom Mauerfall nichts mitbekommen und sich am Morgan danach über vermeintlich schräge Fernsehbilder gewundert, die Menschen auf der Mauer zeigten. Günther Jauch, mit leiser Ironie als „Kurfürst von Potsdam“ angekündigt, gab ebenfalls eine Mauerfall-Anekdote zum Besten. Und ihm war immerhin das Bekenntnis zu entlocken, dass er sich „zuweilen in der Rolle des Oberlehrers gefällt“.

Ex-Punks, Gäste aus dem Off und Sido - alle zusammen bei „Hier spricht Berlin“

Tattoo-Künstler David Krause, damals Punk, hatte schon zwei Jahre zuvor bei einem David-Bowie-Konzert zum ersten Mal in der DDR den Ruf „Die Mauer muss weg“ gehört und berichtete von der Schlafentzugs-Folter im Stasi-Knast. Beklemmend war für ihn, als er seine ehemalige Zelle jetzt als modernes Apartment wiedersah. Und Sido, damals ein Achtjähriger, gestand, dass er recht schnell den Verlockungen des Kapitalismus erlag. Das Überraschungs-Ei sei für ihn geradezu heilig gewesen...

„Hart aber fair“:  Der zusehends auf Populismus setzende Frank Plasberg nahm sich ein besonders dankbares Opfer vor: die Deutsche Bahn.

Vorgestellt wurden die Gäste aus dem Off von einem „Sicherheitsbeauftragten“ namens „Herr Mangold“ im typischen Berliner Tonfall, der die Moderatorinnen dann aufforderte, ihre Gesprächspartner im Auge zu behalten. Es ist nicht zuletzt diese Art von müdem Scherz, der die Hauptstadt dann doch immer wieder mal als Provinz entlarvt...

Aber ob es dafür einer weiteren Talkshow bedurfte, ist dann doch fraglich.

von Daland Segler

„Hier spricht Berlin, ARD, von Dienstag, 1. Oktober, 23 Uhr. Im Netz: ARD Mediathek

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