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Mit einer absurden Mischung aus Akzenten: Anne Hathaway als Grand Witch.

„Hexen hexen“

Von Mäusen und Hexen

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Robert Zemeckis Neuverfilmung von Roald Dahls Spätwerk „Hexen hexen“ lässt echten Zauber vermissen.

Großartige Kinderbücher und Familienfilme sind unsterblich. Doch mit ihren zeitlosen Qualitäten transportieren sie stets auch etwas vom mitunter überlebten Zeitgeist ihrer Entstehung. Der Umgang mit diesen Werken ist eine der größten Herausforderungen der Kunstvermittlung, der Giftschrank nur selten die richtige Lösung – gerade in einer Zeit, die weniger denn je den Umgang mit älteren Kunstwerken pflegt.

In der vergangenen Woche gab der Disneykonzern bekannt, auch in Deutschland einigen seiner Filme, die rassistische Darstellungen enthalten, eine nicht ausblendbare Warnung voranzustellen. „Diese Stereotype waren damals falsch und sind heute falsch. Anstatt diese Inhalte zu entfernen, wollen wir ihre verletzende Wirkung anerkennen, daraus lernen und das Gespräch darüber anregen, um gemeinsam eine inklusivere Zukunft zu erreichen.“

Das ist fraglos richtig, doch um etwas zu bewirken, wäre es hilfreicher, in den Einführungen diese Stereotypen direkt zu benennen und den Rassismus allgemeinverständlich darzulegen. So klingt es eher wie ein Persilschein. Lieber verfilmen die Studios ohnehin die Klassiker neu. Dabei wird dann zum Beispiel „Susi und Strolch“ in einen vom Rassismus bereinigten US-amerikanischen Süden der Jahrhundertwende verlegt und die ganze Historie gleich mit „weißgewaschen“.

So ging nun auch Robert Zemeckis vor, der Roald Dahls Spätwerk „Hexen hexen“ neu verfilmt hat. Er hat die im Original unter Norwegern in England angesiedelte Geschichte in ein afro-amerikanisches Milieu im Alabama der sechziger Jahre verlegt. Doch als die Protagonisten, der aufgeweckte Waisenjunge und seine erzählfreudige Oma, dort in ein Luxushotel einchecken, bekommen sie keine Schwierigkeiten wegen ihrer Hautfarbe. Der Effekt ist verblüffend: Gern sind wir bereit, für knapp zwei Stunden an die Existenz von Hexen zu glauben – aber nicht an ein Amerika ohne Rassismus.

Es dauert seine Zeit, bis der Junge die Früchte seiner Neugier erntet, in einer Schar perückentragender Kongressteilnehmerinnen Angehörige der von seiner Oma so anschaulich beschriebenen Hexenheit ausmacht und zur Belohnung gleich darauf von ihrer Anführerin in eine Maus verwandelt wird. Auch wenn Spannung und Dahl’sche Ironie in der ersten halben Stunde des Films weitgehend fehlen, ist sie noch der bessere Teil des Films. Behutsam führt Zemeckis ein in das Unglaubliche, angemessen detailverliebt illustriert er Dahls finstere Phantasien – etwa, wenn sich die dickste Henne auf dem Hühnerhof als verwandeltes Kind erweist.

Doch schon beim Auftritt der Überschurkin, der Grand High Witch, fängt die Enttäuschung an. Ann Hathaway agiert gestelzt und farblos; trotz der Expressivität ihres Spiels wirkt ihr Charakter unscharf, was durch die absurde Mischung aus Akzenten noch verstärkt wird, die sie wohl als Hexen-Weltbürgerin charakterisieren soll. Und wann immer das Böse aus ihr funkelt, malt der Computer ihr einen Riesenmund ins Gesicht. Das soll wohl an die Originalillustrationen des Zeichners Quentin Blake erinnern, bleibt aber ein Fremdkörper in einer von Dahl doch auf absurde Weise glaubhaft beschriebenen Figur. Wieviel ähnlicher war ihr Angelica Huston in Nicolas Roegs Erstverfilmung, die 1990, noch zu Lebzeiten des Autors, entstand.

Vielleicht war die Jim-Henson-Produktion ein wenig zu warmherzig im Umgang mit Dahls mitunter sarkastischem Esprit, doch die Kühle, die nun aus Zemeckis Verfilmung spricht, ist kaum erträglich. Der „Roger Rabbit“-Regisseur ist ein Pionier in der Verbindung von Real- und Animationsfilm, doch schon seine Computeranimationen in „Der Tod steht ihr gut“ oder „Der Polarexpress“ degradierten die menschlichen Darsteller mitunter zu leblosen Bildvorlagen. Er ist ein bedingungsloser Realist, der hier nicht müde wird, die Verwandlung von Menschen in Mäuse als gruseliges Spektakel zu zelebrieren: Explosionsartig in die Luft geworfen, verschwinden Köpfe und Arme in der Kleidung, bis ein Nagetier herauskrabbelt. Ja, so sähe das wohl aus, wenn es das gäbe. Aber Poesie steckt nicht darin.

Die zweite Hälfte des Films, in welcher der in eine Maus verwandelte Junge mit zwei Mäuse-Gefährten und der Oma die Hexen mit ihren eigenen Waffen bekämpft, rast vorbei wie eine überlange „Tom und Jerry“-Folge; pompös untermalt von dem Komponisten Alan Silvestri, der schon „Roger Rabbit“ vertonte. Doch anders als im klassischen Animationsfilm gehen dem technischen Aufwand keine visuellen Ideen voraus, die der Mühe wert erscheinen. Es ist eine leidige, lieblose Hexenjagd, die unangenehm zu finden keine Altersfrage ist.

Ursprünglich hatte Guillermo del Toro, der am Drehbuch mitschrieb, diesen Film als Puppen-animation realisieren wollen. Doch dann nahm das Projekt eine andere Richtung; Kenya Barris, Autor der Sitcom „Black-ish“, wurde ins Boot geholt, doch am Steuer war offenbar niemand. Dahl erzählte eine Geschichte von kindlichem Misstrauen gegenüber der Erwachsenwelt. Übrig geblieben ist eine filmische Achterbahnfahrt über eine weit weniger tiefgreifende menschliche Entwicklungsleistung, die Angst vor dem austauschbaren Schreckgespenst, dem Monster in Menschengestalt.

So ungerecht diese Verkürzung gegenüber der Vorlage ist, wirft sie doch, wenn auch unfreiwillig, ein Schlaglicht auf die Schattenseite ihres Autors. Auf die Menschenfeindlichkeit, zu der Roald Dahl, ein bekennender Antisemit, an anderer Stelle fähig war.

Hexen hexen. USA 2020. Regie: Roald Dahl. 105 Min.

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