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Lutz van der Horst, Oliver Welke und Fabian Köster: Gegenwart und Zukunft der heute-show.
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Lutz van der Horst, Oliver Welke und Fabian Köster: Gegenwart und Zukunft der Heute-Show.

TV-Kritik

Heute-Show Spezial zur Bundestagswahl: Köster und van der Horst quälen Laschet, Scholz und Baerbock

  • VonMirko Schmid
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Die Heute-Show ist zurück aus der Sommerpause. Eine Woche bevor Oliver Welke wieder kalauert, präsentieren sich Lutz van der Horst und Fabian Köster als Zukunft des Formats.

Köln/Frankfurt – Die Heute-Show ist zurück. Wie, zurück? War die denn weg? Wer sich an dieser Stelle dabei erwischt, gar nicht gemerkt zu haben, dass Oliver Welkes ein wenig angestaubtes ZDF-Schlachtross mal für ein paar Wochen die Seele hat baumeln lassen, darf beruhigt aufatmen. Damit ist niemand allein.

Inmitten von Jan Böhmermann und seinem ZDF Magazin Royale und auch Tommi Schmitts Studio wirkt das einst wegweisende Format inzwischen einfach häufig altbacken. Hier ein Kalauer, da ein gewollt unwitziges Wortspiel. Und mittendrin ein Oli Welke, der auch nicht jünger wird. Klar, die Heute-Show gehört trotzdem irgendwie dazu.

Denn das Wertesystem stimmt. Demokratieverachtende Kräfte, die, sagen wir mal, irgendetwas von erinnerungspolitischen Wenden schwurbeln oder das millionenfache Leid Unschuldiger zynisch relativieren, werden deutlich weniger charmant rangenommen als jene, denen so etwas wie Respekt vor anderen noch ein wenig mehr bedeutet als die intellektuelle Masturbation auf möglichst viele Erwähnungen in den Medien, die man vor einer dumpf johlenden Fanschar ja ach so sehr zu verachten vorgibt.

Heute-Show im ZDF: Van der Horst und Köster als Staubwedel und „Schmand Weg“

Die Heute-Show ist so zu einem der letzten Lagerfeuer in der linearen Fernsehlandschaft geworden, vor denen sich ein Großteil der Gesellschaft versammeln kann. Gut, so richtig witzig ist sie meistens nicht mehr. Aber eben immer noch für einen Schmunzler hier und da gut. Es gibt relevantere, scharfsinnigere, bessere Satire. Aber wohl keine dermaßen anschlussfähige. Trotzdem wünscht man sich ab und an einen Staubwedel, ein Mikrofasertuch oder auch einfach nur einen Bottich „Schmand Weg“, um den fast körperlich spürbaren, zentimeterdicken Film der Bräsigkeit von der Oberfläche der Heute-Show zu schrubben.

Einfach, um das darunter häufig sträflich brach liegende Potenzial des Formats hinter dem Ofen der Selbstzufriedenheit hervorzuholen, hinter dem es sich Welke und Team inzwischen viel zu oft gemütlich machen. Wie gut, dass es Lutz van der Horst und Fabian Köster gibt. Wenn man so will den Staubwedel und den Bottich „Schmand Weg“ der Heute-Show.

Schon van der Horst gab der Heute-Show seit seinem ersten Auftritt einen sich aus der Schablone vorgefertigter, abgeschliffener und harmloser Pointen abhebenden Dreh mit. Fabian Köster, das aktuellere Modell der Baureihe, wirkt wie ein Update mit noch eleganterer Benutzeroberfläche. Van der Horst weiß das und spielt damit. Annalena Baerbock ruft er zu: „Warum haben Sie denn mit dem geredet? Der ist doch nur ne billige Kopie von mir!“ Aber so richtig gut sind beide noch immer, das zeigt sich in diesem kurzweiligen Special eine Woche vor dem Ende der Sommerpause in jedem Moment, vor allem zusammen.

Van der Horst und Köster quälen im Special der Heute-Show im ZDF Laschet, Scholz und Baerbock

Über den Plot gibt es nicht viel zu erzählen. Köster und van der Horst fahren durch Deutschland und belästigen wenige Wochen vor der Bundestagswahl 2021 nacheinander Olaf Scholz (souverän und bieder wie gewohnt), Annalena Baerbock (gut gelaunt und flirrend wie gewohnt) und Armin Laschet (fahrig und linkisch wie gewohnt). Zur Auflockerung plaudern sie mit Wahlkampfstrategen und dem zwischen „hippen“ Formaten umherflippernden SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil (bester Moment: „Hätten die anderen Söder genommen, wäre es natürlich schwieriger geworden, aber die haben sich ja für Laschet entschieden“).

Aber der eigentliche Gag, das sind sie selbst. Köster und van der Horst laufen dann zur Höchstform auf, wenn sie sich kleine, gemeine Bällchen gegenseitig in den Lauf spielen. Beispiel? Befragung eines SPD-Sympathisanten. Köster: „Saskia Esken hat ja gerade eben gesprochen. War das der erste Fehler in diesem ansonsten so erfolgreichen Wahlkampf gewesen?“ SPD-Sympathisant: „Ach, das kann man so nicht sagen.“ Köster: „Doch.“ Van der Horst: „Doch, wir sagen das so. Exakt so.“ Köster: „Kann man schon so sagen.“ SPD-Sympathisant: „Ich tu mich da ein bisschen schwer.“ Van der Horst: „Wir tun uns da gar nicht schwer.“ Köster: „Wir sagen‘s einfach.“ Van der Horst: „Wir hauen‘s raus. So sind wir.“ Kurze Pause. „Wir hauen es einfach raus.“

„Heute-Show Spezial“ mit Lutz van der Horst und Fabian Köster

ZDF, Freitag, 3. September 2021, 22.40 Uhr. Im Netz: ZDF Mediathek

Damit nicht genug. Der SPD-Anhänger versucht sich mit einem Fußball-Vergleich zu retten. Er sei ja schon am Ball defensiver unterwegs gewesen. Köster nimmt die Pille auf und jongliert: „Saskia Esken steht doch eher für Eigentor, oder?“ Der SPD-Mann, durchaus schlagfertig: „Ich habe sie beim Kopfballspielen noch nicht erlebt.“ Köster: „Man könnte auch sagen, sie verursacht die Elfmeter für die andere Mannschaft.“ Auch Köster: „Sie steht im Abseits.“ Stark.

Heute-Show Special mit van der Horst und Köster: Beinhart wie Werner

Und so geht es weiter. Olaf Scholz vor seinem Auftritt. Van der Horst: „Wie ein Tiger im Käfig, der raus will.“ Kurze Pause. „Ein müder Tiger.“ Köster: „Ein Tiger aus Hamburg halt. Ein Norddeutscher Tiger. Ein schlapper Tiger.“ Van der Horst: „Ja, ein schlapper Tiger.“ Wie sie da so auf einem Balkon stehen und Scholz beim Nichtstun kommentieren, fühlt man sich wohlig an das legendäre Fußballspiel auf irgendeinem Marktplatz an der Küste erinnert, mit dem sich Werner „Beinhart“ Wernersen („Ich guck‘ noch mal in die Flasche, wie spät das ist“) als Kommentator in das Langzeitgedächtnis einer ganze Generation fräste.

Die besten Momente haben beide aber immer noch in ihren Interviews von Normalos auf der Straße. Und auch in der Auswahl der besten Antworten. Da ist dieser bärtige, langhaarige Mann, der ein wenig an eine ältere und gelassenere Version von Anton Hofreiter erinnert und am Rande einer Wahlkampfveranstaltung herrlich authentisch sagt: „Ich kann zu diesem inhaltslosen Gedöne im Moment, von diesem Wahlkampf her, kann ich mir nichts mehr ziehen.“ Er hat versucht, sich die Parteiprogramme anzuschauen, sagt er noch, aber die seien ihm einfach zu flach. Total indirekt.

Guter Punkt. Im Gespräch mit den Menschen von der Straße fällt im direkten Kontrast zu den eingeübten Plattitüden von Scholz, Baerbock und Laschet vor allem ins Auge (und vor allem ins Ohr), dass sie eine andere Sprache sprechen. Sie reden: normal. Sie wägen nicht länger ab, als sie sich mitteilen.

Köster und van der Horst zeigen brutale Diskrepanz zwischen Politsprech und echter Sprache auf

Sie sind nahbar, menschlich, echt. Es fällt schwer, sich in diesen Momenten nicht in eine Zeit zurückzuwünschen, in der sich die Fischers, Roths, Kubickis, Gysis und Schröders auch noch herausnahmen, frei Schnautze so zu sprechen, wie es eben alle tun, die nicht in jeder Sekunde nur darauf bedacht sind, nichts Falsches zu sagen – und dafür im Zweifel lieber ausschweifend gar nichts.

Ein wenig aus dieser Schablone heraus bricht, und das ist die Überraschung dieses Specials, ein Politiker der (Sie werden es nie erraten:) CDU: Joe Chialo heißt der, ein ehemaliger Grüner, Manager der Kelly-Family, und jetzt auch Teil von Laschets „Zukunftsteam“. Als einziger Politiker redet er tatsächlich so, wie Leute einfach reden. Er wirkt aufgeschlossen, interaktiv und nicht einmal gekünstelt, wenn er Sachen sagt wie: „Nein, das ist wirklich so. Safe.“

SendungHeute-Show Spezial
SenderZDF
ModeratorenLutz van der Horst, Fabian Köster
Erstaussstrahlung3. September 2021

Und dem man abnimmt, dass er einen jungen Mann, der sich zur Tierschutzpartei bekennt, einfach nicht überreden will, lieber die CDU zu wählen. Und das mit „Okay, alles klar, Respect!“ gutheißt. Und auf van der Horsts Einlassung „Ja nichts hier, ‚Respect‘. Was heißt denn hier ‚Respect‘? Sie müssen ihn überzeugen!“ mal einfach antwortet: „Nein, weil er Haltung hat. Ich finde, man muss wirklich die Meinung des Gegenübers respektieren. Und Tierschutzpartei ist wenigstens kreativ.“ Wer an dieser Stelle nicht denkt „joa, der ist wählbar“, der hat frei nach Winston Churchill kein Herz. Aber wer vergisst, dass er Laschet bekommt, wenn er Chialo wählt, der hat ebenfalls frei nach Churchill eben auch keinen Verstand.

Heute-Show im ZDF: Van der Horst und Köster gehört die Zukunft, in der Gegenwart döst Welke

Der kleine Roadtrip von Staubwedel van der Horst und „Schmand Weg“ Köster endet auf der Couch von Oli Welke. Der sehr, sehr alt wirkt in diesem Moment. Und den beiden Irrwischen genau dieses Bild mit seiner dösenden Pose auch gönnt. Weil Welke, und das muss man ihm lassen, nun einmal ein Meister der Selbstironie ist. Ganz zufällig fängt die Kamera am Ende ein paar der vielen Fernsehpreise ein, die Welke mit seiner Heute-Show gewonnen hat.

Zukünftig werden van der Horst und Köster diese Trophäen auf den Kaminsims stellen. Der Generationenwechsel ist eingeläutet. Von Oliver Welke höchstpersönlich. Noch aber darf er ein bisschen machen. Und gerne noch einmal zur alten Form auflaufen an seinem kleinen Lagerfeuer Heute-Show. Am besten schon nächste Woche. (Mirko Schmid)

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