1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

Neuanfang im Polizeiruf 110 aus Rostock: „Seine Familie kann man sich nicht aussuchen“

Erstellt:

Von: Judith von Sternburg

Kommentare

Lina Beckmann und Anneke Kim Sarnau auf Annäherungskurs im Polizeiruf „Seine Familie kann man sich nicht aussuchen“. Foto: Christine Schroeder/NDR
Lina Beckmann und Anneke Kim Sarnau auf Annäherungskurs im Polizeiruf „Seine Familie kann man sich nicht aussuchen“. © NDR/Christine Schroeder

Im heutigen Polizeiruf 110 in der ARD mit dem Namen „Seine Familie kann man sich nicht aussuchen“ nimmt Schauspieler Charly Hübner Abschied von der Krimi-Reihe.

Rostock - Wer Abschiede ablehnt, ist noch nicht damit fertig, dass der Rostocker Ermittler Bukow, gespielt von Charly Hübner, sich eines Tages (in der traurigen Januar-Folge „Keiner von uns“) in sein Auto gesetzt und nach zwölf Jahren Polizeiruf 110 auf immer getrollt hat. Seine Kollegin und Lastminuteverlobte König, Anneke Kim Sarnau, zum Beispiel ist überhaupt nicht fertig damit.

Am vielfältigen Anfang der neuen Polizeiruf-Folge in der ARD mit dem pessimistischen Titel „Seine Familie kann man sich nicht aussuchen“ versucht sie, im Ansetzen von Sauerteig Frieden zu finden. Die Sauerteig-Kurs-Stimme im Smartphone erinnert daran, dass das Ansetzen von Sauerteig die perfekte Entspannungstechnik für analytisch denkende Menschen ist, während die durchaus analytisch denkende Frau König – die niemand mehr Frau König nennen wird, wie nur Charly Hübner es tat – mit der unangenehm nachgiebigen Masse im Clinch liegt.

Polizeiruf 110 in der ARD - Gebacken wird zur Musik von Abba

Parallel dazu – und hier muss die ARD-Zuschauerin ein Minimum an Selbstironie aufbringen – backt eine andere Frau mit beiläufigem Blick auf den Fertigmischungskarton und in gemütlicher Atmosphäre zu Abbas „Dancing Queen“ hübsche Muffins und bringt damit gewissermaßen ihre anders strukturierte Persönlichkeit auf den Punkt: gelassen, pragmatisch, unkompliziert. Auch sie mag, ahnt man, beim Backen allerlei kompensieren. Aber lieber stellt sie dabei etwas her, das sie und andere dann auch gleich essen können (ich meine: wie soll es denn dann weitergehen mit dem analytisch angesetzten Sauerteig?). Die Muffins schmecken und haben immer wieder einmal einen Kurzauftritt im Polizeiruf 110 in Rostock.

Denn die Fertigteig-Muffin-Bäckerin ist Melly Böwe. Menschen mit gutem Gedächtnis für Polizeiruf-Vergangenheiten erkennen Bukows Halbschwester aus der Folge „Sabine“ direkt wieder, andere erkennen zuerst die fabelhafte Bühnenschauspielerin Lina Beckmann, aber alle wissen längst aus der Zeitung: Das wird im Rostock-Polizeiruf die neue Frau an Frau Königs Seite sein. Sauerteig-Kampf versus Fertigteig-Muffin-mit-Beerchen-Manufaktur.

Polizeiruf 110 aus Rostock - Die Besetzung in der ARD

NameRolle
Anneke Kim SarnauKatrin König
Lina BeckmannMelly Böwe
Andreas GuentherAnton Pöschel
Josef HeynertVolker Thiesler
Uwe PreussHenning Röder
Susanne BormannJule Genth
Jörn KnebelHolger Genth
Alessandro SchusterMax Wagner

Polizeiruf 110 im Ersten: Eine Frau liegt ermordet in ihrem Haus

Beide sind jedoch nicht ganz so leicht festzulegen, lassen sich vorerst kaum in die Karten blicken, treffen sich zudem unter Umständen wieder, die der Drehbuchautor Florian Oeller tüchtig zurechtkonstruiert hat. Melly Böwe, auch sie Polizistin, reist aus Bochum nach Rostock an (nachdem sie sich enorm entspannt von ihrer enorm entspannten Tochter verabschiedet hat), weil sie – noch wissen wir nicht, warum – in einen Fall involviert ist, der ebenfalls im Vorspann begonnen hat. Alles sehr mysteriös.

Im Endresultat liegt eine Frau ermordet in ihrem Haus, ihr nach einem Unfall gelähmter Sohn liegt ebenfalls tot in seinem Bett. Eine schwangere Freundin der Ermordeten kommt früh in den Blick – alles spielt in einer jener Einfamilienhäuschengegenden, die am Sonntagabend verdächtige Scheinidylle vermitteln. Der nach unten und oben durchlässige Mittelstand, aus dessen Mitte Polizeiruf und Tatort kommen, misstraut sich selbst, zu Recht.

Polizeiruf 110 - Man macht es sich nicht leicht im Ersten

„Seine Familie kann man sich nicht aussuchen“ macht es sich nun mit einer großen Zahl an Aspekten nicht leicht. Oeller baut viel ein, und Regisseur Stefan Krohmer glückt zwar die Stimmung der Neusortierung auf dem Kommissariat – man lernt etwa den Pöschel, Andreas Guenther, von einer unerwarteten Seite kennen, gruppendynamisch plausibel. Was aber die Kriminalhandlung betrifft, verzettelt sich das atmosphärisch. Viele Dramen, aber sie werden nicht plastisch. Immerhin geht es in der ARD um das Leben mit einer schweren Behinderung, um Aufopferung, Sterbehilfe, schweren Drogenkonsum, Bedürfnisse in Ehe und Familie, die Lage von Pflegekindern.

Zur Sendung

„Polizeiruf 110: Seine Familie kann man sich nicht aussuchen“, ARD, So., 20.15 Uhr.

Ein Kabinettstück im Polizeiruf 110 aus Rostock hingegen: Der Auftritt einer Reihe verdächtiger One-Night-Stands. Ohnedies sieht man den Frauen neugierig beim Ermitteln zu. Und ist gespannt, wie es der Redaktion gelingt, Melly Böwe wieder nach Rostock zu bekommen. Dass beide achselzuckend zur Kenntnis nehmen, dass Böwes Wagen am Ende nicht anspringt, kann nicht den Ausschlag geben. Es macht bloß klar, dass Frauen hier offensichtlich nichts von Autos verstehen.

Die psychologische Lehre für diesmal: Der Satz „Finde dich damit ab“ bringt nichts. Selbst wenn er stimmt. Denn er stimmt offenbar nicht für die Person, zu der er gesagt wird. Benutzen Sie ihn nicht, wenn Sie sich auf der Höhe der Situation halten wollen. Sagen Sie irgendetwas anderes. Machen Sie irgendetwas anderes.

Daran sieht man allerdings, dass man gegen Ende des Falls dann doch davon gefesselt ist. (Judith von Sternburg)

Auch interessant

Kommentare