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Der Herztod als organisiertes Verbrechen

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Die Faktenwand im - Serienmordfall Herzinfarkt - zeigt mehrere Verdächtige: Ist Cholesterin der Killer?
Die Faktenwand im - Serienmordfall Herzinfarkt - zeigt mehrere Verdächtige: Ist Cholesterin der Killer? © ZDF/Derek Rogers

»Man muss das differenziert betrachten« ist fast immer eine gute Antwort. So lässt sich die Aussage der Doku »Die Cholesterinlüge« zusammenfassen, die – auch wenn der vollmundige Titel anderes vermuten lässt – keine eindeutigen Erkenntnisse liefert.

Von Franziska Schuster

Michael McNamara hat einen ziemlich fetzigen Film geliefert, der zur Verdeutlichung seines Themas mit Comic-Illustrationen und spielerischen Videoeffekten arbeitet. Das Schnitttempo ist allerdings so flott geworden, dass bei der Montage offenbar das Material ausgegangen ist, so dass immer und immer wieder die gleichen Bildschleifen auftauchen. Das gleiche passiert auf der dramaturgischen Ebene: Offenbar als Service für Zuschauer, die erst später zugeschaltet haben, wiederholt der Kommentartext Hintergrundinformationen zu einzelnen Protagonisten fast wortgleich an mehreren Stellen. 

Dieses repetitive Schema gibt der Doku die rastlose Anmutung einer Person, die beim Reden ständig auf der Stelle herumtrippelt. In Kombination mit dem Voice-over kann einem da beim Zuschauen schon einmal der Kopf rauchen. Doch wer angetreten ist, um jahrelang zementierte Fehlurteile umzustoßen, braucht dafür ein bisschen Wirbel. Insofern ist die Entscheidung, ein Thema, das so humorlos klingt wie Cholesterin, auf so lockere Weise anzugehen, auf jeden Fall begrüßenswert. 

McNamara zieht seine Recherche wie die Ermittlung in einem Kriminalfall auf, in dem er nacheinander die Verdächtigen unter die Lupe nimmt. Das Verbrechen: Der Herzinfarkt. Den einen Schuldigen wird er auch am Ende des Films nicht gefunden haben, aus dem einfachen Grund, dass es den wohl nicht gibt. Dass aber, anders als jahrelang angenommen, das Cholesterin nicht der hauptsächliche Risikofaktor für die Verstopfung der Arterien ist, wird schnell klar. 

Irrtum Nummer eins: Der Verzehr cholesterinhaltiger Lebensmittel erhöht nicht den Cholesteringehalt im Blut. Der Verzehr gesättigter Fettsäuren tut das dagegen, aber auch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn es gibt »gutes« Cholesterin (HDL) und »schlechtes« (LDL), ersteres verringert die Konzentration des zweiten, und da beide Pegel durch fetthaltige Ernährung ansteigen, findet ein Ausgleich statt. Trotzdem galt eine fettarme Diät jahrzehntelang als eine der wichtigsten vorbeugenden Maßnahmen gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Der Film schildert, wie die legendäre »Ernährungspyramide«, die aus dieser Idee geboren wurde, die Ernährungsgewohnheiten in den USA nachhaltig in eine falsche Richtung lenkte. Nicht so sehr, weil die Pyramide grundsätzlich falsch ist, sondern weil man sie falsch verstanden hat. Statt Vollkornprodukte und viel Gemüse zu sich zu nehmen, verharrten viele Menschen auf der untersten Stufe und nahmen durch den massenhaften Verzehr von Weißmehlprodukten größere Kalorienmengen und viel raffinierten Zucker (der nebenbei das HDL im Blut verringert) zu sich. Die Folge: Eine Zunahme von Fettleibigkeit, Bluthochdruck und Diabeteserkrankungen. Diese wiederum erhöhen das Herzinfarktrisiko maßgeblich. 

In einer schlüssigen Argumentationskette betrachtet die Doku auf diese Weise einen Risikofaktor nach dem anderen und zeigt, dass viele vermeintliche Durchbrüche in der Erforschung des Krankheitsbildes lediglich als Etappenerfolge betrachtet werden können. Nur soviel ist sicher: Kein Faktor ist allein ausschlaggebend, nur eine Kombination aus verschiedenen ungünstigen Bedingungen in Verbindung mit der individuellen genetischen Disposition löst gegebenenfalls den Herztod aus. Bei soviel Komplexität leuchtet es bald ein, dass es keine einfachen Lösungen geben kann. 

Das aber wird von der Pharma-Industrie gerne suggeriert: Ein längerer Abschnitt widmet sich den cholesterinsenkenden Medikamenten, den sogenannten Statinen – ohne zu einem klaren Ergebnis zu kommen. Die Gegenüberstellung von Gegnern und Befürwortern, die Darstellung der kommerziellen Dimension bei diesem meistverkauften Medikament aller Zeiten bei gleichzeitiger sachlicher Nutzen-Risiko-Abwägung ist aber gerade dadurch sehr aufschlussreich, dass sich der Autor eben nicht für eine Seite entscheidet. 

Interessant auch der Beitrag zu L-Carnitin, das neben seinem Vorkommen in rotem Fleisch in großem Umfang als Nahrungsergänzungsmittel zur Fettverbrennung zum Einsatz kommt. Dem Abbauprodukt Trimethylaminoxid (TMAO) attestiert der interviewte Experte die Eigenschaft, in Kombination mit LDL die Plaque-Bildung in den Arterien zu befördern.

So spektakulär wie die »Lüge« im Titel anklingen lässt, sind die Enthüllungen über das Cholesterin sicherlich nicht, alles in allem bekommt man aber einen guten Überblick über den Stand der Forschung, in Kombination mit einigen praktischen Tipps für die Verbesserung des eigenen Lebensstils. Ein bisschen schade ist es, dass nach der differenzierten Erörterung des Themas anscheinend das Gefühl aufkam, zum Schluss doch noch eine Art Wundermedizin präsentieren zu müssen – die Aufforderung, sich viel zu bewegen, ist sicherlich sinnvoll, als Konsenslösung aber ein etwas lahmer Ausklang.

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