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Herzog-Dokumentarfilm: Lektionen in Licht und Finsternis

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Von: Daniel Kothenschulte

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Regisseur Werner Herzog in einer Szene des Films „Radical Dreamer“.
Regisseur Werner Herzog in einer Szene des Films „Radical Dreamer“. © dpa

Ein schwelgerischer Porträtfilm bringt Werner Herzogs gewaltiges Filmwerk unter einen Hut: Thomas von Steinaeckers „Radical Dreamer“.

Als die Bilder laufen lernten“, sagte man früher, etwas herablassend, über die Anfänge der Kinematografie. Tatsächlich wollte es weit mehr als laufen, dieses Kino in den Kinderschuhen. Es wollte vor allem das Staunen lehren. Werner Herzogs Filme, die dem Stummfilm so viel verdanken, haben diesen noblen Anspruch niemals aufgegeben. Im cinephilen Frankreich hat man das dank Lotte Eisner, der großen Kritikerin und Kuratorin, von Anfang an verstanden; in Herzogs kalifornischer Wahlheimat ist er seit langem eine Kultfigur. Und hierzulande?

Thomas von Steinaecker reicht in seinem Porträtfilm „Radical Dreamer“ ein kurzer Blick auf ein unscheinbares Dokument, um das Unverständnis zu belegen, das Herzog oft in Deutschland entgegenschlug. Es ist ein Bescheid der Filmbewertungsstelle, die seinem Film „Aguirre – der Zorn Gottes“ das Prädikat „wertvoll“ verweigerte – mit einer satten Mehrheit von 4:1 Stimmen. Kein Wunder, dass Herzogs Bilder schließlich selbst das Laufen lernten und Deutschland weitgehend den Rücken kehrten.

Es mag sein, dass er den Groll darüber inzwischen begraben hat. Gegenüber dem deutschen Dokumentarfilmer, der wie er selbst auch als Schriftsteller bekannt ist, zeigt er jedenfalls nichts davon. Lieber erzählt er noch einmal, wie wenig er sich die Ablehnung zu Herzen genommen habe, die seinem dokumentarischen Kunstwerk „Lektionen in Finsternis“ bei der Berlinale-Premiere 1992 entgegenschlug. Die brennenden kuwaitischen Ölfelder zu Wagner- und Verdi-Klängen empörten damals eine Saalmehrheit als „Ästhetisierung des Grauens“. Die Antwort des Filmemachers: „Die Zeit ist auf meiner Seite“.

Herzog, der über seine ungebremste Produktivität offensichtlich das Altwerden vergessen hat, flaniert lässig und pointiert entlang der Wegmarken seiner künstlerischen Karriere. Vielleicht ist der Zorn für ihn heute wirklich eher etwas für die Götter. Doch auch wenn Zeitzeuge Wim Wenders bestätigt, er habe sich in fünfzig Jahren kein bisschen verändert (abgesehen vielleicht davon, dass er früher noch nicht so lustig gewesen sei), hätten vielleicht auch Dokumente des zornigen und verletzbaren Künstlers in den Film gehört.

Mit welcher Wut über eine unverständige Filmpresse empfing er mich 2001 zu einem Interview über seinen Film „Invincible“ in Venedig. Dabei hatte ich ihn sogar gelobt – wenn auch vielleicht als einziger. So hatte ich seine Tirade zwar nicht verdient, aber ihn derart verwundbar zu erleben, überraschte und beeindruckte mich zutiefst. Gerade bei einem Mann, der bei dem selben Gespräch selbstbewusst erklärte, niemand außer ihm hätte „Fitzcarraldo“ drehen können, „außer König Ludwig von Bayern, der hätte es gekonnt“.

Zwischen diesen Polen von Verletzlichkeit und unerschütterlichem Selbstvertrauen hat er sein einzigartiges Werk geschaffen – auch wenn er es in diesem Filmporträt bisweilen so geschmeidig präsentiert wie ein Walt Disney der „ekstatischen Wahrheit“.

Wenn sich noch frühere Wunden zeigen, dann im Schatten gegenwärtiger Triumphe. Bescheiden teilt er seine echte Freude über den warmen Empfang, der ihm bei der Premiere der Serie „The Mandalorian“ in einem großen Kino entgegenschlug; im „Mandalorian“ spielt er eine seiner mittlerweile 31 Schauspielerrollen. „Diese Menschen haben gejubelt, als sie meinen Namen auf der Leinwand lasen.“ Nie sei ihm eine ähnliche Begeisterung begegnet.

Kann es sein, dass Herzog, der jährlich Dutzende von Filmemachern und Filmemacherinnen, sämtlich Herzog-Fans, in Workshops und Internet-Seminaren unterrichtet, nicht wissen sollte, wie sehr man ihn verehrt? Ein auf Lanzarote veranstalteter Kurs im Filmemachen bietet auch den Hintergrund einer Sequenz dieses Dokumentarfilms. Wenig beeindruckt zeigt sich der Filmemacher da vom Bemühen der Jungfilmer und -filmerinnen von heute, es ihm gleichzutun – aber umso hilfsbereiter: „Ich sehe meine Aufgabe darin, den Teilnehmern dabei zu helfen, ein paar Fehler zu vermeiden. Schließlich habe ich ihnen zumindest eine gewisse Erfahrung voraus.“

Es gehört zu den Stärken des Films, selbst aufs Didaktische zu verzichten – es sind gut ausgewählte Filmzitate, die ohne Worte seine wiederkehrenden Stilmerkmale erkennen lassen. Ebenso charmant ist der aus Herzogs Filmografie kaum abzuleitende Auftritt von Patti Smith: Von Steinaecker lud die Singer-Songwriterin in den Film ein, weil er um ihre Herzog-Verehrung wusste. Tatsächlich erklärt die Bewunderung und echte Liebe, die Herzog als Maverick und self-made legend in den USA entgegenschlägt, auch fundamentale kulturelle Unterschiede. Dort war es der Dokumentarfilm „Grizzly Man“ über die tragische Bärenliebe eines Amateurfilmers, der ihn bekannter machte als all seine früheren deutschen Spielfilme. Doch nach all seinen Porträts von Außenseitern, die nach Übermenschlichem streben, erscheint er selbst als der bewundernswerteste unter ihnen.

Die schönsten Szenen gelingen von Steinaecker in Sachrang, dem bayrischen Dorf von Herzogs Kindheit. Durch die Fenster blickt er etwas verstohlen in die bescheidene Wohnung, wo er mit seiner Mutter und zwei Brüdern lebte – betreten mag er sie hingegen nicht. Einen kleinen Wasserfall in der Nähe zeigt er dagegen als Landschaft der eigenen Seele: „Das bin ich“. In diesem Zufluchtsort seiner Kindheit scheinen die erhabenen Naturkulissen aus „Aguirre“, „Fitzcarraldo“ oder der Chronik des angekündigten Vulkanausbruchs von „La Soufrière“ bereits angelegt. Unter den Träumern des Kinos haben eben auch Riesen klein angefangen.

Werner Herzog – Radical Dreamer . D 2021, Dokumentarfilm. Regie: Thomas von Steinaecker. 102 Min.

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