Augenzeugen erzählen.
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"Wrong Elements"

Im Herzen der Finsternis

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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"Wrong Elements", das dokumentarische Filmdebüt des Schriftstellers Jonathan Littell beschäftigt sich mit dem grauenvollen Schicksal von Kindersoldaten in Uganda.

Im Dschungel gibt es kein Links oder Rechts“, sagt Jonathan Littell, „man sieht nur ein Oben und ein Unten.“ Schon deshalb habe er seinen ersten Kino-Dokumentarfilm über die Erinnerungen ugandischer Kindersoldaten im alten 4:3-Kinoformat gedreht. Wer dem amerikanisch-französischen Schriftsteller in diesen Tagen bei einer kurzen Kinotour durch Deutschland begegnen konnte, merkte freilich schnell, dass dies kaum der einzige Grund für die fast ausgestorbenen Bildproportionen gewesen sein kann.

Obwohl er das Fach nie studierte und sich die Leinwand mit dem Mut des kompromisslosen Anfängers erobert hat, kennt er die Filmgeschichte wohl besser als die meisten Akademie-Absolventen. Das Debüt des 49-Jährigen macht derart souverän Gebrauch vom Medium Film, wie es für gewöhnlich nur gelingt, wenn jemand sehr lange auf diesen Moment gewartet hat.
Nach dem Erfolg seines Romans „Die Wohlgesinnten“, der fiktiven Autobiografie eines homosexuellen SS-Manns, wurde Littell mit Filmangeboten überschüttet; Adaptionen seines Bestsellers aber lehnte er ab. Stattdessen schlug er vor, einen Dokumentarfilm über die Lord’s Resistance Army (LRA) zu drehen, die Terrormiliz des selbsternannten Rebellenführers Joseph Koney, die geschätzt 66 000 Kinder entführte und für ihre Massenmorde missbrauchte.

Bereits als Journalist hatte Littell, der vor seiner literarischen Karriere für eine NGO etliche Kriegs- und Krisengebiete bereiste, über das Thema publiziert. Doch schon die ersten Minuten des Films, in denen die Kamera förmlich in den Dschungel eintaucht, machen deutlich, dass für ihn die große Kinoleinwand das ideale dokumentarische Medium ist. Man fühlt sich zunächst an die Werke von Werner Herzog oder Michael Glawogger erinnert, in der klaren Präzision der Kamerabilder (Joachim Philippe, Johann Feindt) und der kontrastierenden Barock-Musik. Doch anders als beide appelliert er nicht an das Erhabene, die Musik überhöht die Bilder nicht. „Ich habe den Ton so gemischt, dass die Musik aus den hinteren Lautsprechern kommen, sie ist unser Bildungshintergrund, den wir nicht abschütteln können. Während der ganzen Arbeit an diesem Film bin ich in Uganda ja auch der Weiße aus Europa geblieben.“

Beginnen die Protagonisten dann zu erzählen, was mit ihnen geschehen ist, wie sie versklavt und zu Mördern gemacht wurden, geraten sie dennoch manchmal ins Schwärmen. Die Freunde Geofrey and Mike, die heute als Motorrad-Taxifahrer arbeiten, haben nun einmal hier ihre einzige Jugend erlebt. „Wrong Elements“, „Falsche Elemente“: Nicht umsonst bestimmt das Gegensätzliche bereits den Filmtitel, wenn auch abgeleitet aus einem bitteren Zitat einer anderen Rebellenführerin und Fanatikerin, Alice Auma: „Der Krieg soll alle falschen Elemente einer Gesellschaft beseitigen.“

Die erstaunliche Wirkung von Littells Film liegt im Aufzeigen der konstituierenden Widersprüche seines Themas. Wer als kindliches Opfer zugleich zum Täter geworden ist, wird auch rückblickend nach einer ausgleichenden Betrachtung seines Schicksals suchen. Welche Bedeutung haben positive Erinnerungen innerhalb des Traumas?

„Überall wo Schreckliches geschieht, gibt es nun einmal auch Schönheit“, ist sich Littell sicher. Dass sich in der Erinnerung das Schreckliche wie Gift an das Schöne heften kann, wird dabei immer wieder sichtbar. Ein Junge etwa wurde entführt, als er dabei war, Erbsen aus ihren Schalen zu dreschen. Nun kann er sie nicht mehr sehen, ohne daran zu denken. Eine Mutter hielt das Geräusch, das entstand, als ihre Kinder erschlagen wurden, für das von gehacktem Holz – und dachte sich zunächst nichts dabei.

Man sagt gerne über Verbrechen gegen die Menschlichkeit, sie überstiegen unsere Vorstellungskraft. Tatsächlich aber kann sich der menschliche Geist eine ganze Menge vorstellen und derartige Beschreibungen, montiert zu suggestiven Naturaufnahmen, helfen der Vorstellungskraft ein gutes Stück auf die Sprünge.

Kein Filmemacher hat dies in seiner Arbeit mehr erforscht als Claude Lanzmann, der Chronist der Shoah. Seine Kamerafahrten durch polnische Wälder oder über bewachsene Eisenbahnstrecken erlaubten es dem Zuschauer nicht nur, den Tätern bei ihren schier endlosen Schilderungen zuzuhören; sie machten das Vergangene zugleich gegenwärtig. Genau diesen Weg geht Littell, auch wenn er weitere Stilmittel einsetzt. So ermuntert er seine Protagonisten, das selbst Erlittene und anderen zugefügte Leid für die Kamera nachzustellen. Zweifellos hat Joushua Oppenheimers aktionistischer Dokumenarfilm „The Act of Killing“ hier Eindruck auf den Filmemacher hinterlassen, doch er vermeidet alles Spektakuläre in der Inszenierung.

Doch nicht nur die Protagonisten finden sich in einer Versuchsanordnung wieder. Auch das Publikum wird an Grenzen geführt. Immer wieder gibt es scheinbare Leerstellen in den 133 Filmminuten, etwa Nahaufnahmen von Pflanzen oder Insekten, die Distanz zum Gesehenen schaffen und das Kino in seiner selten genutzten Funktion als Kontemplationsraum nutzen. Es sind Stilmittel des Avantgardefilms, der über Experimente zum Realismus fand.

„Wenn ich eine Retrospektive zusammenstellen könnte, würde sie Boris Kaufmann gelten“, sagt Littell und schwärmt von dem heute noch wenigen Cinephilen bekannten russischen Kameramann, der vom Pariser Avantgardefilm der Dreißiger nach Hollywood kam und sowohl für Elia Kazan wie für Samuel Beckett arbeite. Gern würde man diese Werkschau sehen, gespannter aber noch ist man auf die weitere Filmkarriere des Jonathan Littell.

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