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Gertrud Rosa Traud ist die einzige weibliche Chefvolkswirtin in der deutschen Bankenwelt. Die Tochter eines Waldarbeiters schildert Reinhold Beckmann ihren Werdegang.

"#BECKMANN: Aufstieg für alle?"

Herkunft gleich Zukunft

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Reinhold Beckmann rechnet in seiner Dokumentation mit dem Mythos Chancengleichheit ab.

Die Flut, heißt es, hebe alle Boote, doch das Bild stimmt nicht immer. Nicht nur Reinhold Beckmann fragt sich, wie es sich erklären lässt, dass in einem wohlhabenden Land wie Deutschland so viele Menschen auf der Strecke bleiben, weil die seit Jahren brummende Konjunktur eben nicht für alle gilt. Beckmann und Koautor Dominic Egizzi konzentrieren sich in ihrer Dokumentation auf den Aspekt Chancengleichheit. Die Maxime „Aufstieg für alle“ ist Utopie, das ist allseits bekannt; in keiner Industrienation sind die Chancen für Kinder aus prekären Verhältnissen schlechter als hierzulande.

Recht plakativ zeigt der Film, warum das so ist. Nach einem kurzen Einstieg mit der Vorstellung einer ungemein erfolgreichen Bankerin, deren Karriere als Tochter eines Waldarbeiters alles andere als selbstverständlich war, zeigen Beckmann und Egizzi das andere Extrem: In einer Düsseldorfer Kindertagesstätte lernen schon die Kleinsten chinesisch, außerdem gibt es eine naturwissenschaftliche Frühförderung; und zum Ausgleich Yoga. Wie auf Bestellung wirft ein Kleinkind während eines Interviews mit der Mutter chinesische Brocken ins Gespräch. Ein Manager hat den Hort einst gegründet, weil er der Meinung war, im konventionellen Kindergarten bastelten sich die Kinder „zu Tode“.

Der Rest der Dokumentation ist gewissermaßen das Kontrastprogramm zu dieser Einführung, wobei das Autorenduo vor allem die Zustände in NRW ins Visier genommen hat. Dort sind demnächst Landtagswahlen, und weil Ministerpräsidentin Hannelore Kraft vor allem mit Bildung punkten und „kein Kind zurücklassen“ will, sorgt der Film dafür, dass das Thema der rotgrünen Koalition in Düsseldorf auf die Füße fällt. Geradezu genüsslich führen Beckmann und Egizzi die Missstände an einer Essener Gesamtschule vor Augen; die Direktorin hat Sorge, dass ihr das Gebäude „unterm Hintern wegfault“. Tatsächlich sind ganze Bereiche der Schule nicht mehr benutzbar. Für die Schüler – 70 Prozent Migrationshintergrund, 60 Prozent Hartz IV – sei dieser Zustand ein klares Signal: „Wir sind der Gesellschaft egal.“ Ein Gespräch mit Bildungsministerin Sylvia Löhrmann ist erwartungsgemäß unergiebig.

Weil die Autoren aber keinen Wahlkampf und nicht alles schlecht machen wollen, stellen sie Personen vor, die es den widrigen Umständen zum Trotz geschafft haben oder aller Voraussicht nach schaffen werden. Rainer Hank zum Beispiel, Leiter des Wirtschaftsressorts der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und Sohn eines Hausmeisters findet Ungleichheit gut, weil sie die Wurzel der Produktivität und das Schmiermittel der Gesellschaft sei; der Soziologe Suat Yilmaz vom NRW-Zentrum für Talentförderung ist ein ehemaliger Hauptschüler, der vielversprechende Kinder aus wenig begüterten Elternhäusern unterstützt. Der Hausbesuch bei Schülerin Lara und ihren Großeltern soll diese Initiative anhand eines konkreten Falls verdeutlichen, ist jedoch herzlich unergiebig und wirkt im Rahmen des Films wie Folklore.

Bei der Bankerin vom Auftakt fühlt sich Beckmann sichtlich wohler, aber auch dieses Gespräch kommt kaum über Floskeln hinaus. Die Volkswirtin versichert zwar, sie sei „ohne Netz und doppelten Boden“ aufgewachsen und empfiehlt, früh Verantwortung zu übernehmen, aber praktischen Nutzen haben die Parolen nicht. Dass die Interviews angesichts der Brisanz des Themas nicht sonderlich tiefschürfend wirken, ist nicht zuletzt eine Frage der Komplexität, aber womöglich haben die Autoren auch einfach zu viel gewollt.

Hier ein Fußballprojekt für Mädchen mit Migrationshintergrund, dort ein Besuch bei Thomas Krüger, dem Präsidenten des Kinderhilfswerks, dann das Beispiel einer Berlinerin, die wegen einer Schwangerschaft ihre Ausbildung abbrechen musste, schließlich eine Stippvisite bei Andrea Nahles: Der Facettenreichtum ist zwar löblich, aber schlicht zu umfassend für knapp 45 Minuten, zumal auch noch Aspekte wie Inklusion und das ausdrückliche Bildungskooperationsverbot zwischen Bund und Ländern zur Sprache kommen. Es bleibt das deprimierende Fazit, dass die Schulen jedes Jahr 50.000 Kindern mit leeren Händen ins Leben entlassen; da bleibt Beckmanns Forderung, „jeder einzelne sollte die Chance haben, sein Potenzial auszuschöpfen“, ein frommer Wunsch.

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