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Lauren Bacall bestach durch ihre Eleganz und Lässigkeit, gepaart mit untergründiger Erotik und provozierendem Witz.

Nachruf auf Lauren Bacall

Herb strahlend

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Ihre Karriere umfasste sieben Jahrzehnte: Im Jahr 1944 spielt sie in ihrer ersten Rolle die Nachtclubsängerin Marie „Slim“ Browning in der Hemingway-Verfilmung „Haben und Nichthaben“. Mit 78 Jahren suchte sie für kleinere Gagen noch nach künstlerischer Erneuerung und unterstützte die Filmkunst. Mit Lauren Bacall starb Hollywoods intelligente Schönheit.

Schönheit vergeht, doch das gewisse Etwas, das aus Lauren Bacall die strahlendste unter den Film-Noir-Schönheiten der Vierziger Jahre machte, blieb ihr treu. Miss Bacall war nie zu übersehen. Bis in ihre späten Jahre erschien sie auf eine geheimnisvolle Weise größer als das Leben, das sie umgab.

Wer mit ihr zu tun hatte, etwa die Veranstalter einer Retrospektive der Wiener Viennale im Jahr 2004, merkte allerdings schnell, dass sie sehr wohl erwartete, alles in ihrem Umfeld wenigstens versuchsweise auf ihr Niveau zu heben. Selbst Wien konnte da schnell zu klein werden für die letzte Diva Hollywoods und ihre geliebte Labrador-Retriever-Hündin Sophie. Ob sie Lars von Trier wohl wegen ihrer Hundeliebe in einem Film namens „Dogville“ besetzt hatte?

Schön und Kumpelhaft

Was hat sie über die Arbeit geschimpft bei der Premiere in Cannes. In den weiten Totalen der nur aus Kreidestrichen gezogenen Kulisse musste sie auch dann agieren, wenn sie keinen Text zu sagen hatte. Und irgendwo am Bildrand ihren unsichtbaren Laden fegen. Aber natürlich war da ein hoher Prozentsatz Selbstironie in dieser Attitüde.

Niemand hatte sie gezwungen, noch mit 78 Jahren für eine kleine Gage nach künstlerischer Erneuerung zu suchen, und allein, dass sie nach Cannes gekommen war, zeigte, wie ernst es ihr damit war, die Filmkunst zu unterstützen. Wie Lauren Bacall auch in ihren frühen Rollen trotz der überwirklichen Schönheit oft etwas Kumpelhaftes hatte. Nicht umsonst bevorzugte die Tochter jüdischer Emigranten aus Polen und Rumänien ihren wirklichen Vornamen Betty.

Verführerisch und doch verlässlich – jedenfalls wenn sie an den Richtigen geriet: So spielte sie 1944 als 19-jährige in ihrem ersten Filmauftritt die Nachtclubsängerin Marie „Slim“ Browning in der Hemingway-Verfilmung „Haben und Nichthaben“. Man muss nur einmal versuchen, sich den großartigen Auftritt des Musikers Hoagy Carmichaels mit der Jazz-Ballade „Am I Blue“ auf Youtube anzusehen und dabei auf den Sänger und nicht auf Lauren Bacall zu achten. Es ist unmöglich.

Das Filmplakat zeigte sie nach damaliger Konvention geradezu ohnmächtig-ergeben in den Armen ihres Filmpartners Humphrey Bogart. Beide müssen sich trotz des Altersunterschieds von zwanzig Jahren sofort ineinander verliebt haben und heirateten 1945, nachdem sich Bogart von seiner Frau Virginia Mayo hatte scheiden lassen. „Sie ordnete sich ihm nicht unter, aber sie nörgelte auch nicht an ihm herum“, beschrieb Schauspielerkollege David Niven, der das Paar gut kannte, ihre Beziehung in seinem Erinnerungsbuch „Stars, die nicht vom Himmel fielen“: „Vor allem aber bewunderte sie ihn als Mensch und als Schauspieler. Und er verehrte sie und war stolz auf ihre Schönheit, ihre Ehrlichkeit und ihren Geist.“

Selbst der berüchtigte Whisky-Konsum des Schauspielers linderte sich während der knapp 12-jährigen Ehe, was Bogart damit erklärte, dass er nicht gerne alleine tränke. Und Bacall damit, dass er früher wohl unglücklich gewesen sei, nun aber glücklich. Das Paar war beliebt und wurde bewundert wie nur wenige in Hollywood – auch dafür, dass sich beide gemeinsam gegen die Hetzkampagne des Senators McCarthy gegen linksorientierte Künstler engagierten. „Ich bin total anti-republikanisch“, charakterisierte Bacall zeitlebens ihr politisches Credo. „Eine Demokratin. Eine Liberale. Das L-Wort.“

Lauren Bacall überlebte Humphrey Bogart um 57 Jahre. Ich erinnere mich, wie sie nach einem ihrer Wiener Shopping-Ausflüge in der Auslage eines Geschäfts ein Bogart-Porträt gesehen hatte. Melancholisch beschrieb sie diesen unwirklichen Augenblick, der für sie ganz alltäglich gewesen sein musste: „Damals war er soviel älter als ich, und jetzt bleibt er immer so jung“.

Lauren Bacalls Filmkarriere spielt in sieben Jahrzehnten. Ihre beste frühe Rolle ist vielleicht die geheimnisvolle junge Schönheit Vivian Rutledge, die Tochter eines reichen Generals, in „Tote schlafen fest“. Filmfans versuchen bis heute Licht in das Dunkel der Handlung von Howard Hawks stimmungsvoller Chandler-Verfilmung zu bringen – das verworrene Drehbuch stammte von William Faulkner. Doch der Zauber des Films liegt in seinem Umgang mit Momenten von fast surrealer Schönheit, wie sie sich für den Detektiv Philip Marlowe in den Begegnungen mit einer Frau auftun, die sich nicht verorten lässt zwischen Unschuld, Ahnung und Erfahrung.

Wie für die meisten weiblichen Stars der „Schwarzen Serie“ waren auch für Lauren Bacall nach dem Ende des Kriminalfilm-Booms der Vierziger Jahre gute Rollen schwer zu finden. Nach John Hustons „Gangster in Key Largo“ – ebenfalls mit Bogart als Partner – spielte sie neben Kirk Douglas und Doris Day im Musikfilm „Der Jazztrompeter“. Es war ein historischer Film über Bix Beiderbecke, das Trompetengenie der Zwanziger Jahre und doch auch deutlich ein Produkt der Gegenwart. Und in die wohlstandsverwöhnten Nachkriegszeit schien die wohlstandsverwöhnte Doris Day als „girl next door“ weit besser zu passen.

Ein seltenes Rollenbild

Immer wieder ist Bacall in den Filmen dieser Jahre eine Hauptdarstellerin unter mehreren – als müsste es zu ihrer herben Schönheit stets noch mindestens eine pflegeleichte Alternative geben. In „Wie angelt man sich einen Millionär“ komplettierten Jane Russell und die noch als dummes Blondchen fehlbesetzte Marilyn Monroe die Besetzungsliste. Es war Vincente Minnelli vorbehalten, dem stilsicheren Star-Regisseur von Metro-Goldwyn-Mayer, Lauren Bacall wieder zum Strahlen zu bringen – und zwar im selteneren Rollenbild einer intelligenten Schönheit.

In „Die Verlorenen“ („The Cobweb“) einem der besten Gesellschaftsdramen der Fünfziger Jahre, spielt sie eine Angestellte einer psychiatrischen Klinik. Ein weiterer Klassiker dieser Jahre ist Douglas Sirks meisterhaftes Melodram „In den Wind geschrieben“: Bacall spielt hier an der Seite Rock Hudsons eindrucksvoll die Geliebte eines Alkoholikers.

Sieht man, wie überzeugend Lauren Bacall in diesen Filmen spielte, kann man kaum verstehen, warum sie von den Autoren-Regisseuren der Sechziger und Siebziger Jahre fast vollständig ignoriert wurde. Obwohl sie weiterhin aktiv war, dauerte es bis in die Neunziger Jahre, bis sie wieder wahrgenommen und besetzt wurde. Barbra Streisand gebührt der Verdienst ihrer Wiederentdeckung mit der Mutterrolle der eigenen Filmfigur im Melodram „Liebe hat zwei Gesichter“. Als eitle, überbehütende Frau drängte nun Bacall in ein Rollenfach, das bis dahin Gena Rowlands dominiert hatte. Und empfahl sich für ähnliche, großartige Rollen.

Die vielleicht eindrucksvollste Verkörperung einer resoluten Oberschichts-Lady gelang ihr in Jonathan Glazers überwirklichem Melodram „Birth“. Trotz solch großartiger Rollen und ihrer politisch-progressiven Einstellungen schwärmte Lauren Bacall gern von den besseren Zeiten in Hollywood, die sie – als eine der letzten sich glücklich schätzen könnend – noch erlebt zu haben. „Wir leben in einer Ära der Mittelmäßigkeit“, sagte sie dann. „Es gibt heute keine Stars mehr von der Statur eines Bogie, James Cagney, Spencer Tracy, Henry Fonda und Jimmy Stewart“. Und Lauren Bacall, ließe sich hinzufügen. 89-jährig starb sie am Dienstag in ihrer New Yorker Wohnung an einem schweren Schlaganfall.

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