1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

Helden und Schurken

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Daniel Kothenschulte

Kommentare

Da sind sie: Dennis Wilson (Kenny Wormald), Al Jardine (Graham Rogers), Carl Wilson (Brett Davern), Mike Love (Jake Abel) und Brian Wilson (Paul Dano) in einer Szene aus dem Film "Love & Mercy".
Da sind sie: Dennis Wilson (Kenny Wormald), Al Jardine (Graham Rogers), Carl Wilson (Brett Davern), Mike Love (Jake Abel) und Brian Wilson (Paul Dano) in einer Szene aus dem Film "Love & Mercy". © dpa

Brian Wilson und die Gnade der zweiten Geburt: Das hervorragende Biopic „Love & Mercy“.

Im Sommer 2012 konnte man sie noch einmal mit eigenen Augen sehen, Brian Wilson und die Beach Boys, oder was von ihnen noch übrig geblieben war. Der lange Rechtsstreit um Musikrechte, den der Sänger und zeitweilige Texter Mike Love mit Wilson, dem kreativen Kopf der Band, begonnen hatte, war zum 50. Jubiläum beigelegt. Eine echte Reunion aber hätte man sich anders vorgestellt.

Während zwei Stunden lang ein Hit den nächsten jagte und Mike Love lässig durch die Show führte, saß Wilson eher unauffällig am Keyboard. Und als er dann endlich einige umjubelte Soli gab, darunter das genialische „Surf’s Up“, schien das sein Jugendfreund eher zu ertragen als zu genießen. Und doch: Wer hätte je gedacht, dass es noch einmal dazu kommen würde? Die lange aber stete Genesung des Brian Wilson gehört zu den wenigen glücklichen Wendungen der an frühen Toden so reichen Geschichte des Rock’n’Roll.

„Love & Mercy“ heißt ein Song, den Wilson über seine Rückkehr unter die Lebenden geschrieben hat. Nun ist es der Titel eines Biopics, das man nur als Liebesdienst an dem möglicherweise bedeutendsten Vokalkomponisten des 20. Jahrhunderts verstehen kann. Erbracht hat ihn der als Produzent von Filmen wie „Brokeback Mountain“ und „Twelve Years a Slave“ bekannte Bill Pohlad. Galt der Erbe des Milliardärs Carl Pohlad bislang eher als engagierter Mäzen des unabhängigen Films, lernt man ihn nun als begabten Regie-Debütanten kennen.

Die ideale Frau aus einem Wilson-Song

John Cusack spielt den zurückgezogen lebenden Brian Wilson, der sich in den achtziger Jahren einen neuen Cadillac zulegen möchte. Im Autohaus verliebt er sich auf den ersten Blick in die Verkäuferin (Elizabeth Banks). Man muss kein großer Beach-Boys-Kenner sein, um zu verstehen, was er wohl an ihr findet: Schön und auf bescheidene Art bezaubernd, ist sie die personifizierte Unschulds-Erotik eines Wilson-Songs. Wilson ist für sie zunächst ein Unbekannter. So kann man nur hoffen, dass sie sich vor dem nächsten Friseur-Besuch wenigstens sein „Caroline No“ anhört – diese Weltschmerz-Arie um abgeschnittenes Langhaar.

Zum wenigen, was man gegen diesen Film vorbringen kann, ist das Auslassen jeder Behandlung von Sexualität in der Zeichnung dieser Liebesgeschichte. Vermutlich wollten die Drehbuchautoren Oren Moverman und Michael A. Lerner den Rollenvorbildern einfach nicht zu nahe treten.

Zwei Geschichten sind hier ineinander verwoben. Die eine spielt in den Achtziger- und frühen Neunzigerjahren und handelt von Wilsons hart erkämpfter Rückkehr unter die Lebenden. Wilson hatte sich in eine zweifelhafte 24-Stunden Psychotherapie des Therapeuten Eugene Landy begeben, die dieser dazu nutzte, kreative Kontrolle über Wilsons Schaffen zu erlangen und sich an den Tantiemen zu bereichern. Paul Giamatti spielt den später als „Dr. Feelgood“ berüchtigten Therapeuten in düsteren Farben. Auch hier mag man die verknappte Erzählung kritisieren. Immerhin war es Landy gelungen, Wilsons früheren Drogenkonsum erheblich zu reduzieren.

Die zweite Erzählebene führt zurück zum Höhepunkt von Brian Wilsons Kreativität. Jeder Popfan weiß um jenen einzigartigen kreativen Wettstreit, den sich die Beach Boys Mitte der Sechziger Jahre mit den Beatles lieferten. 1966 war das meisterhafte Album „Pet Sounds“ der Kalifornier erschienen, von dem Paul McCartney sagte: „Ich glaube, niemand weiß wirklich was über Musik, solange er dieses Album nicht gehört hat.“ Beatles-Produzent George Martin nahm es sich zum Vorbild für das Konzeptalbum „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“.

Wilson hatte alles dafür getan, diesem Album mit seiner bereits zur Veröffentlichung angekündigten Schöpfung „Smile“ zuvorzukommen, und wer heute die meisterhaften Aufnahmen hört, weiß, dass dies die Rockgeschichte erheblich verändert hätte. Doch kurz vor Abschluss der Arbeiten versank er in einem Strudel aus Perfektionismus und Verzweiflung.

In wunderbaren Szenen werden nun diese Sessions nachgestellt. Wie ein spielendes Kind entdeckt Wilson (in den Rückblenden spielt ihn Paul Dano) dabei Kompositionsstrategien eines John Cage ebenso wie Methoden der Performance-Kunst. Manchmal schickt er ein komplettes Studioorchester aber auch – mangels Inspiration – nach Hause. Von den anderen Beach Boys gar nicht zu reden – sie werden nur ab und an als Vokalisten hinzugezogen.

Wie alle besseren Musiker-Biopics der jüngeren Zeit, wie „Walk the Line“, „Liberace“ oder David Mamets Fernsehfilm „Phil Spector“, tut auch „Love & Mercy“ gut daran, sich nicht am ganzen Künstlerleben abzuarbeiten, sondern einzelne Werkphasen heraus zu picken. Gern hätte man mehr gesehen aus Wilsons genialischer Epoche, die endlosen Aufnahmen zum Klassiker „Heroes and Villains“ etwa hätten reichlich Stoff geboten: Nicht weniger als zwanzig Sessions wurden dafür anberaumt.

Anderseits: Gibt es ein besseres Kompliment für einen Film, als dass man gerne „mehr davon“ gesehen hätte? Ebenso hätte man ihm gern ein größeres Budget gewünscht, aber wahrscheinlich kommt dieser Hommage ihre Bescheidenheit dann doch zu Gute. Es ist nicht nötig, Brian Wilson erneut auf einen Sockel zu heben. Jeder, der Musik liebt, weiß schon lange, was er an ihm hat.

Love & Mercy. USA 2014. Regie: Bill Pohlad. 121 Minuten.

Auch interessant

Kommentare