Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Auch die leeren Stuhlreihen des Olympiastadions tastet die Kamera von Sarah Morris ab.
+
Auch die leeren Stuhlreihen des Olympiastadions tastet die Kamera von Sarah Morris ab.

Film

Die heiteren Spiele

Sarah Morris' Film "1972" in München enthüllt Erstaunliches über das Olympia-Drama. Von Elke Buhr

Von ELKE BUHR

Heiter sollten sie werden, die Olympischen Spiele von 1972 in München. Gut ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wollte sich ein neues (West-)Deutschland der Welt präsentieren: demokratisch, weltoffen, freundlich. Und, Willy Brandts Kniefall in Warschau hatte es gezeigt: zur Versöhnung bereit. Vom Design her war die neuen Corporate Identity durchaus gelungen. Frei Ottos Olympiastadion mit seiner Vielfalt an geschwungenen Zeltdächern, dazu Otl Aichers freundlich abstrahierende Piktogramme: Noch heute sieht man in diesen Formen den Traum einer nicht-faschistischen Moderne.

Auch die Kamera der amerikanischen Künstlerin Sarah Morris gleitet in ihrem neuen Film "1972" wohlgefällig und nicht ohne Nostalgie über die grünen Wiesen des Münchner Olympiaparkes und tastet die heute leeren Stuhlreihen ab, gebaut für den Jubel der Völker. Zerplatzt war der Traum von den heiteren Spielen schon damals, als die palästinensische Terrorgruppe "Schwarzer September" das olympische Dorf überfiel und 11 israelische Sportler gefangen nahm. Nach einem dilettantisch durchgeführten Befreiungsversuch waren alle Geiseln tot.

Die Schuld an dem Desaster wird gemeinhin der deutschen Polizei gegeben, die mit zu wenig und mangelhaft ausgerüsteten Scharfschützen ans Werk ging. Sarah Morris jedoch stellt mit dem Psychologen Georg Sieber einen Zeitzeugen in den Mittelpunkt ihres Films, der in einer Serie von ruhigen Interviewtakes eine komplett andere Version der Ereignisse liefert.

Sieber war Polizeipsychologe der Stadt München gewesen - ein ehemaliges Mitglied des Sozialistischen Studentenbundes, der der deutschen Polizei erstmals Deeskalations-Strategien beibrachte. Auch für Olympia 1972 hatte er eine Reihe von Szenarios möglicher Zwischenfälle entwickelt, darunter sogar eines, das recht exakt dem der Geiselnahme der PLO entsprach.

Als er jedoch an dem Morgen der Geiselnahme zum Tatort fuhr, erfuhr er, dass die operative Leitung des Einsatzes in Israel sein sollte und die deutschen Behörden nur ausführen durften, was aus der Ferne angeordnet wurde. Was dann zu absurden Fehlern führte: Zum Beispiel sah der israelische Plan Scharfschützen vor, die die deutsche Polizei nicht hatte, so dass am Ende einige Hobbyjäger unter den Polizisten mit ihnen unbekannten Gewehren in ein aussichtsloses Scharmützel geschickt wurden.

"Ich habe dann sehr schnell gesagt, wenn wir sowieso nichts zu sagen haben, dann werde ich nicht mehr gebraucht", sagt Sieber im Film - er quittierte seinen Job, in Erwartung des Blutbades, das dann auch kam. Hätte man ihnen die Einsatzleitung zugestanden, hätten die Deutschen alles vollkommen anders gemacht, sagt Siebert: "Ich möchte nicht sagen, wir hätten alles besser gemacht und alle Geiseln gerettet, aber ein so schlechtes Ergebnis - dazu hätten wir keinen Rat aus Israel gebraucht", sagt Siebert.

Es ist eine einigermaßen spektakuläre Information, die der bedächtige deutsche Psychologe Siebert in diesem Film einer amerikanischen Künstlerin liefert, und die Zeithistoriker werden sich sicherlich an deren Überprüfung machen - wobei die Behörden auf israelischer wie auf deutscher Seite bei diesem Thema immer noch wenig auskunftsbereit sind. Im Münchner Lenbachhaus, das den Sarah-Morris-Film als Weltpremiere zeigt, liegt der Fokus jedoch natürlich auch auf dessen Status als Kunstwerk.

Als Malerin ist Morris ist bekannt geworden durch ihre glatten Raster-Bilder, in denen sie moderne Architektur in Abstraktion überführt - dieser Aspekt ihres Werkes bekommt in München einen schönen Resonanzraum durch eine begleitende Überblicksausstellung über abstrakte Malerei, die Kurator Matthias Mühling aus der Sammlung zusammengestellt hat.

Neben der Malerei gehören mehre Filme zu Morris' Werk. In "Los Angeles" oder "Miami" Morris, die aus der Familie des bekannten Zigarettenherstellers stammt, die Gesellschaft der Reichen und Schönen mit der sie umgebenden Architektur zu Zeitporträts aus dem Spätkapitalismus verschmolzen - immer mit ruhigem Bilderfluss, die Oberflächen abtastend, mit einem scharfen Blick für die Verknüpfung von Design, Architektur und gesellschaftlichen Strukturen.

Auch "1972" hat diese Qualität: Morris Bilder der Schauplätze von damals sind, untermalt von der Musik ihres Mannes, des britischen Künstlers Liam Gillick, mit historischem Material zu einer Phänomenologie der siebziger Jahre montiert. Im Zentrum steht zwar das Interview mit dem betagten Psychologen. Aber auch er wird unter Sarah Morris Blick zu einer Art Exponat, mit seinem Romy-Schneider-Foto im Büro und der Lord-Extra-Schachtel auf dem Tisch.

Wäre dies ein normaler Dokumentarfilm geworden, hätte er vielleicht mehr politische Sprengkraft gehabt. Doch was Sarah Morris hier bietet, ist Interpretation des Politischen mit den Mitteln der Ästhetik. Architektur und Design sind gesellschaftliche Codes - genau das war Thema gewesen in Deutschland 1972.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare