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Der schöne Junge mit den dunklen Locken: Luis Silva als Elder.

Caracas

Was heißt hier Liebe?

In seinem auf Langsamkeit und sparsame Dialoge setzenden Regiedebüt stellt der Venezolaner Lorenzo Vigas die Frage nach dem Wesen dieses Gefühls

Von Susanne Lenz

Dies ist eine Liebesgeschichte. Aber eine, in der sich die beiden, um die es geht – als Paar mag man sie gar nicht bezeichnen –, bei einem Ausflug am Strand auf dem Gischt-umsprühten Felsvorsprung nicht etwa aneinanderkuscheln. Dabei wäre dies die perfekte Kulisse für derart romantische Handlungen. Stattdessen sitzen sie zwei Meter voneinander entfernt und noch dazu hintereinander. Trotzdem ist das die intimste Szene dieses Spielfilmdebüts des venezolanischen Regisseurs Lorenzo Vigas, das 2015 beim Festival in Venedig überraschend mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde.

Armando (Alfredo Castro, einer der Priester im chilenischen Film „El Club“) steht auf Männer oder eher auf Jungs; er hat sich aber wohl nie ganz geoutet, nicht einmal sich selbst gegenüber. Wie hypnotisiert wirkt er, wenn beim Cruisen durch die Stadt jemand sein Begehren weckt. Er bezahlt dafür, sich beim Anblick des halb entblößten Hinterns eines Jungen, den er an einer Bushaltestelle angesprochen hat, einen runterholen zu dürfen. Körperkontakt gibt es nicht. Die Kamera bietet in diesem Moment ein Spiel mit Schärfe und Unschärfe. Die beiden Männer sind nur abwechselnd deutlich zu sehen, so als ob sie sich nicht in derselben Sphäre befänden.

Armando kommt wirklich aus einer anderen Welt als die Jungs, die er begehrt. Seine holzvertäfelte Wohnung mit den Bücherregalen und Porzellannippes spricht von einer bürgerlichen Mittelklasse-Existenz. Alles an ihm ist grau, sein Haar, seine Haut, seine Windjacke, selbst das Labor für Zahntechnik, in dem er arbeitet. Sein Gesicht wirkt müde, nicht nur wegen der Falten. Die Objekte seiner Begierde dagegen sind jung und schön; sie entstammen der Unterschicht: Hier sind Männer Machos. Dieser äußerliche Kontrast macht aus „Caracas, eine Liebe“ auch einen unerbittlichen Film über das Älterwerden.

Beim Essen schlingen diese Jungs wie Raubtiere. Sie trinken Dosenbier, Armando hat ein Glas Wein vor sich. Sie reden Slang und strahlen etwas Animalisches aus. Man beobachtet sie mit einer Mischung aus Faszination und Widerwillen, dem Blick Armandos vielleicht nicht unähnlich. Eines Tages nimmt er wieder eines dieser Wesen mit nach Hause, doch diesmal läuft es nicht nach Schema F. Der schöne Junge mit den dunklen Locken und den vollen Lippen (Luis Silva) schlägt ihn mit einem schweren Aschenbecher nieder und nimmt dem Bewusstlosen die Brieftasche ab, nicht ohne ihn vorher als Schwuchtel beschimpft zu haben. Das ist der Beginn ihrer Verbindung zueinander.

 „Caracas, eine Liebe“ ist ein langsamer Film, mit sparsamen Dialogen und einem Drehbuch, das vieles auslässt. Dem Betrachter wird einiges an Gedankenarbeit zugemutet, vieles bleibt Spekulation. Dass Armandos Schwester ein Kind adoptiert, erfährt man nebenbei. Und warum er seinen Vater so hasst, dass er ihn am liebsten tot sähe, wie er seinem Liebsten am Strand gesteht, bleibt im Dunkeln.

Der Liebste ist unwahrscheinlicherweise dieser gewalttätige, homophobe Kleinkriminelle geworden, der ihn niedergeschlagen hat. Liebster – das Wort führt in die Irre, denn die Beziehung zwischen den beiden passt in keine Ordnung. Und doch ist es zutreffend, ist „Caracas, eine Liebe“ ein intensives Kammerspiel über das Wesen dieses Gefühls.

Die Beziehung zwischen Elder und Armando ist so zwiespältig, fluide und so unscharf wie oft die Kamerabilder. Da ist Begehren, aber da ist auch die Sehnsucht nach einem Vater oder einem Sohn. Da ist ein Kampf um Macht und gegen das, was die verinnerlichte Moral einem zu tun erlaubt. Doch wer sagt, dass konventioneller erscheinende Liebesbeziehungen so viel weniger komplex und auch kompliziert sind. Beim Betrachter schärfen diese Unklarheiten den Sinn für das, was in einer solchen Beziehung Bedeutung hat, was sie erschafft: Begehren ja, aber mehr noch Respekt, Vertrauen, für einander sorgen, von einander wissen, so gut das eben geht. Und nicht immer muss all dies gleichermaßen verteilt sein. Dass der Regisseur, Drehbuchautor einiger Filme von Alejandro González Iñárritu, gegen Ende hin diesen Ausgleich zu schaffen versucht, ist ebenso unnötig wie unglaubwürdig.

Caracas, eine Liebe. Venezuela, Mexiko 2015.
Drehbuch & Regie: Lorenzo Vigas. 93 Min.

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