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Das Schwierige, das schwer zu machen ist

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In Theater-Arbeit: Adele Neuhauser als Helene Weigel, Burghart Klaußner als Brecht.
In Theater-Arbeit: Adele Neuhauser als Helene Weigel, Burghart Klaußner als Brecht. © WDR/Michael Praun

Kann man ruhig und gelassen über Brecht sprechen? Durchaus. Heinrich Breloers Doku-Fiktion läuft jetzt im Fernsehen.

Es ist schwierig, gelassen über Brecht zu sprechen, einfacher und üblicher ist es, ihn zu bewundern oder die Nase voll von ihm zu haben. Und doch ist die neue Doku-Fiktion von Heinrich Breloer, auf der Berlinale vorgestellt, am 22. März auf Arte und nächste Woche im Ersten zu sehen, der seltene Fall einer unaufgeregten Annäherung, die trotzdem nicht langweilt und die auch nicht penetrant belehrt, obwohl man permanent etwas lernen könnte, wäre Brecht nicht bereits ein so berühmter Mann und Schriftsteller. Wie die Dinge liegen, lernt man zwar vielleicht nicht mehr ganz so viel, dafür wird aber plastisch und lebendig, was inzwischen lange vorbei und historisch ist.

Am plastischsten und lebendigsten wird erstens die Reihe der Frauen und Geliebten; zweitens ein Mann, der sich mit Frauen und Geliebten umgibt, gerne mit mehreren zugleich, der nicht loslassen will, der ausnutzt und etwas zu bieten hat, aber so viel dann auch wieder nicht; drittens ein Schriftsteller, der ein guter, begieriger, aufnahmefähiger Teamarbeiter ist, wenn man es als Teamarbeit bezeichnen will, dass trotzdem nur einer von allen weltberühmt wird; viertens die politische Situation in den fünfziger Jahren in Ostberlin.

Breloer ergänzt die Spielszenen durch Interviews

Die Frauen: Mal wird Marta Feuchtwangers Vorschlag, das Debüt „Trommeln in der Nacht“ zu nennen, bloß flott von der Seite reingerufen (Brecht darauf vergnügt: Das könnte von mir sein). Mal wird klar, dass ohne Elisabeth Hauptmann keine „Dreigroschenoper“ geschrieben worden wäre, ohnehin nicht von ihr, aber auch nicht von Brecht. Am Ende jedoch steht dann meistens nur sein Name auf dem Titelblatt. Trotzdem ist das gemeinsame Arbeiten sicher eine Lust und „Brecht“ keine Anklage. 

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Von der Jugendliebe Paula Banholzer (Mala Emde) über die Sängerin Marianne Zoff (Friederike Becht), die auch als Sekretärinnen bezeichneten Mitarbeiterinnen Elisabeth Hauptmann (Leonie Benesch) und Ruth Berlau (Trine Dyrholm) bis zur Schauspielerin Isot Kilian (Laura de Boer) sind meinungsstarke Figuren zu erleben. Sie wurden genial ausgesucht, wenn man sich alte Bilder anschaut. Verblüffender ist nur noch die Ähnlichkeit zwischen Adele Neuhauser und Helene Weigel, wobei auch die dezente Knallhärte von Lou Strenger als junger Weigel imposant ist.

Breloer ergänzt die Spielszenen durch Interviews, die er selbst vor Jahrzehnten geführt hat (anlässlich seiner Dokumentation über den jungen Brecht, 1978). „Er war viel zu feige, einen direkt anzusehen“, sagt die Schauspielerin Käthe Reichel freundlich, die meisten Frauen sprechen so abgeklärt wie freundlich von ihm. Abgeklärte Freundlichkeit hat eine vernichtende Seite. Wem das allerdings nicht reicht, wird in „Brecht“ nicht fündig. Breloer skizziert manchmal, was aus den Frauen wurde, die Brecht aus den Augen verlor, skizziert das traurige Schicksal seines ersten unehelichen Sohnes (von Paula Banholzer). Das steht dann im Raum.

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Der Mann und Schriftsteller: Wie Helene Weigel wurde auch Brecht aufgeteilt. Im ersten Teil, „Die Liebe dauert oder dauert nicht“, der im Ersten Weltkrieg einsetzt und 1933 mit der Flucht aus Deutschland endet, spielt Tom Schilling den jungen aufstrebenden Literaten. Er ist begabt, aber auch unverhohlen ehrgeizig. Unterstützer müssen her, Ideengeberinnen sind willkommen. Der zweite Teil, „Das Einfache, das schwer zu machen ist“, setzt im Exil 1944 ein, Burghart Klaußner hat jetzt übernommen, bei dem einem vermutlich nicht klar war, wie ähnlich er Brecht sehen kann. Beim „Faust“- oder „Kreidekreis“-Probieren im Theater am Schiffbauerdamm – alles unheimlich prominent besetzt – sieht man, wie nicht nur Texte, sondern auch Produktionen sich aus gemeinsamen Überlegungen herausarbeiten. Brecht weiß, was er will („sie ist nicht dumm, sie ist nur dick“: über die Rolle der „dicken Nina“), aber die anderen wissen auch, was sie wollen.

Die politische Situation: Dazu gehören die Klemme durch den Bekenntniszwang, aber auch die Einwicklung durch das eigene Theater. Dazu gehören der Stalinpreis 1955 – Klaußner dienert am Telefon, als Anna Seghers anruft und die Nachricht übermittelt –, aber auch Chruschtschows Stalinrede 1956. „Steht da wirklich Folter?“, fragt Brecht Helene Weigel.

Breloer bleibt eng am Personal

Sein Schüler Martin Pohl wird Anfang der fünfziger Jahre wegen windigster Vorwürfe verhaftet und zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt, von denen er zwei Jahre absitzen muss. Im Interview schildert er, wie Helene Weigel ihm am Telefon sagt, er solle doch gleich vorbeikommen. Die Sache sei behandelt worden wie ein langer Krankenhausaufenthalt. Die Spielszene dazu zeigt Brechts Nichtreaktion. Brecht wirkt keineswegs verzweifelt, aber immerhin irgendwie ratlos.

Trotz einiger allgemeiner Stimmungsbilder (tosendes Berlin, Weltwirtschaftskrise) bleibt Breloer wirklich eng am Personal. Auch wenn er manchmal ins Enzyklopädische schwenkt oder Informationen doch zu offensichtlich einflicht, damit sie endlich untergebracht sind, gelingen die Pointierungen durch die ausgespielten Szenen, gerade weil sie nicht auf Sensationen ausgehen.

Vielleicht liegt es an dem Ensemble, dass es nicht bieder wirkt. Vermutlich liegt es aber noch mehr an einer Inszenierung, die scharfe Wertungen nicht aus Unentschlossenheit weglässt, sondern aus einem Zutrauen gegenüber dem Publikum. Das ist nicht ganz Brechtisch, könnte es aber sein.

„Brecht“, Arte, Freitag, 22. März, 20.15 und 21.45 Uhr. Im Ersten am 27. März, ebenfalls 20.15 Uhr, nach den beiden Filmteilen folgt um 23.45 Uhr Breloers Dokumentation „Brecht und das Berliner Ensemble“.

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