+
Johann Friedrich von Allmen (Heino Ferch) gerät in höchste Gefahr.

TV-Kritik

Heino Ferch im dritten Allmen-Krimi: Bilderjagd am Zürichsee

  • schließen

Mit klotzigem Charme: Heino Ferch im Krimi „Allmen und das Geheimnis der Dahlien“ nach einer Vorlage von Martin Suter.

Eigentlich ist das Adjektiv „sehenswert“ ein Fall für die Floskelsirene. Aber, um den großen Sprachkünstler Harry Rowohlt heranzuziehen, „man soll auch nicht allzu rigide sein“. Also darf die Sehenswertigkeit hier ausnahmsweise einmal herhalten. Denn der von der ARD Degeto veranlasste dritte Film um die Figur des Hochstaplers Johann Friedrich von Allmen (Heino Ferch) ist so bildschön geraten, dass man ihn keinesfalls auf den Mini-Mattscheiben eines Tablets oder gar Smartphones anschauen sollte. Der wahre Genuss entfaltet sich erst auf einem breiten Bildschirm. 

Der Schweizer Allmen ist hochverschuldet, lebt aber auf großem Fuß. Mit dem Guatemalteken Carlos (Samuel Finzi) hat er einen treuen und multifunktional einsetzbaren Domestiken an seiner Seite. Wenn Allmen seine Herzensdame Joelle „Jojo“ Hirt (Andrea Osvárt) ausführt, dann in die ersten Etablissements am Orte. Den Weg dorthin legt man im Luxusboot zurück. In vornehme Häuser gelangt Allmen zudem von Berufs wegen, da er sich vom Kunstdieb zum Kunstdetektiv gemausert hat und seither in dem ihm eigenen großspurigen Stil unter der Firma „Allmen International Inquiries“ fungiert.

Prangender Wohlstand

Die Ausstatter des Films konnten aus dem Vollen schöpfen und die Wohnverhältnisse der begüterten Kreise in ihrer ganzen Pracht gestalten, mal im barocken Stil eines traditionsreichen Luxushotels, mal im zeitgenössischen Wohnstil der kunstvollen, nicht minder teuren Verknappung. 

Den rechten Reiz erfährt all das aber erst durch die Fotografie des Kameramanns Frank Küpper. Die Lichtsetzung ist exquisit, die Kamerabewegungen sind geschmeidig und werden in ausgewogenem Maß abgelöst durch sorgfältig, oft symmetrisch austarierte statische Einstellungen. 

Diese außerordentliche visuelle Brillanz ist allerdings auch nötig – sie hilft, die zahlreichen Schwächen der Produktion zu überspielen.

Champagner zur Erfrischung

Mit Allmen entwarfen der Romancier Martin Suter und Martin Rauhaus als Drehbuchautor der Verfilmung einen Lebenskünstler jener Art, die man in früheren Jahren einen Playboy nannte. Nur ist Allmen ständig verschuldet und muss seinen Reichtum vortäuschen. Der Erzählung zufolge gelingt ihm das perfekt. Dank seiner gewinnenden Art soll sich der Filou in jeder Situation behaupten, natürlich erliegen ihm die Damen ohne nennenswerte Gegenwehr. Zudem ist er hochgebildet, zitiert geflissentlich Dichter und Denker, fachsimpelt über weißen Kaviar und beraubt seine telefonierende Begleiterin ihres Handys, weil: „Ein gut gekühlter Champagner duldet keinen Aufschub.“

„Allmen und das Geheimnis der Dahlien“, Samstag, 13.7., 20.15 Uhr, Das Erste

In solchen Momenten münden die stellenweise amüsanten, bisweilen aber auch arg papierenen Dialoge in parvenühafte Angeberei. Das will zu der gemeinten Figur nicht passen, ebensowenig wie das lächerliche Toupet mit Seitensträhne, das Heino Ferch zu tragen gezwungen ist. Mit diesem Skalp erinnert er eher an die Karikatur eines tumben Neo-Nazi-Schlägers als an einen jener schlitzohrigen Charmeure, die ihm in diesem Rollenfach vorausgegangen sind. Thomas Lieven kommt einem da in den Sinn, die Hauptfigur aus Johannes Mario Simmels „Es muss nicht immer Kaviar“ sein, in zwei Kinofilmen dargestellt von O. W. Fischer, im Fernsehen von Siegfried Rauch. Ganz zu schweigen von David Niven und Charles Boyer im Serienklassiker „Gauner gegen Gauner“ oder Robert Wagner und Fred Astaire als Meisterdiebe in „Ihr Auftritt, Al Mundy“. Von all jenen ist Ferchs Fernseh-Allmen weit, allzu weit entfernt. Zu steif serviert er seine Bonmots, zu hölzern rudert er über das gesellschaftliche Parkett. Sein Charme bleibt Behauptung, zu sehen ist er nicht.

Der Kunstraub

Im aktuellen Fall wird Allmen während eines Tête-à-Têtes in einem Züricher Hotel in einen Kunstdiebstahl verwickelt. Gleich darauf bezeugen sein Diener Carlos und dessen Freundin Maria Moreno (Isabella Parkinson) während eines Spaziergangs den Mord am Komplizen des Räubers. Womit ein weiteres Manko des Films sichtbar wird: Der Handlung mangelt es an jeglicher Raffinesse, sie baut allein auf Zufällen auf. Allmen, der im Auftrag der Besitzerin das gestohlene Gemälde wiederbeschaffen soll, hält sich nicht mit detektivischen Recherchen auf, die Erkenntnisse fliegen ihm bedarfsweise zu. Er trifft immer gerade die richtige Person, die ihm entscheidend weiterhilft, oder er wird von Dritten in die nötige Richtung geschubst.

Lesen Sie auch: „Unit 42“ will an Stieg Larsson erinnern, bleibt aber Salander light

Die Konstruktion ist zu ersichtlich, als dass der Film wirklich für Spannung sorgen und Spaß machen würde, zu groß zugleich die Zahl der Unstimmigkeiten. Wenn sich Allmen als französischer Kunstfreund ausgeben möchte, dann klebt er sich einen Oberlippenbart an und setzt eine Baskenmütze auf. Derart karnevalesk würde sich ein Bonvivant reinsten Blutes nie verhalten.

Branchenkollegen

Die temporeiche Inszenierung durch Regisseur Thomas Berger kann über diese Defizite nicht hinwegtäuschen. Unterstützt wird das elegante Erscheinungsbild vom sanft groovenden Funkjazz der Filmkomponisten Fabian Römer und Matthias Hillebrand-Gonzalez, deren Musik das Geschehen nicht nur untermalt, sondern im besten Fall im Sinne der Theorie von der „musivisuellen Sprache“ des spanischen Komponisten Alejandro Román im Wechselspiel mit dem Bild eine eigene Aussage trifft.

Dieser Stil, der unter anderem an bestimmte Film- und Fernseharbeiten Lalo Schifrins erinnert, ebenso wie die direkte Ansprache des Publikums durch Allmen und dessen Erscheinen im Geschehen einer Rückblende, bei dem er ursprünglich gar nicht zugegen war, gleicht auffällig dem Muster der britischen Gaunerserie „Hustle – Unehrlich währt am längsten“. Passenderweise ergibt sich noch an diesem Wochenende die Möglichkeit zum Vergleich: Am Sonntag um 23.15 Uhr zeigt ARD One eine Folge aus der sechsten Staffel der BBC-Produktion. Noch bis zur achten Staffel muss man warten, um die Episode „Fingerfarben-Picasso“ zu schauen. Auch die, 2012 erstausgestrahlt, dreht sich um den Raub eines teuren Gemäldes, der die Helden in lebensbedrohliche Schwierigkeiten bringt …

Lesen Sie dazu

TV-Kritik zum Krimi „Endabrechnung“: Die Rache eines dunklen Ritters

TV-Kritik zum Krimi „Undercover“: Endlich Tiefgang im Krimi

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion