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Heimatfilm „Märzengrund“ im Kino: Vierzig Jahre Einsamkeit

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Von: Daniel Kothenschulte

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Elias (Jakob Mader) mit seiner Schwester Rosi (Iris Unterberger). Foto: 2022 Prokino Filmverleih/Metafilm
Elias (Jakob Mader) mit seiner Schwester Rosi (Iris Unterberger). Foto: 2022 Prokino Filmverleih/Metafilm © 2022 Prokino Filmverleih/Metafilm

Adrian Goigingers „Märzengrund“ bringt den Heimatfilm eher glücklos zurück ins Kino – dabei ist er ohnehin allgegenwärtig.

Wer das deutschsprachige Kino von außen betrachtet, hat das Wort „Heimat“ meistens schnell zur Hand. An ihrem zwiespältigen Verhältnis zu Tradition, Landschaft und Sentiment lässt sich auch das Dilemma dieser Filmkultur einigermaßen dingfest machen. Der deutsche Heimatfilm der Nachkriegszeit war das Schreckgespenst der jungen Filmemacher, die 1962 mit dem Oberhausener Manifest das Neue Deutsche Kino aus der Taufe hoben. Einer von ihnen war Edgar Reitz, der später mit seinem gleichnamigen Filmwerk auch den Heimatbegriff für die Filmgeschichte umbewerten sollte. Beim nahenden Filmfestival Venedig kann sich der 89-Jährige über eine Ehrung freuen und nach 30 Jahren eine restaurierte Fassung von „Heimat 2“ vorstellen.

Und heute? Im Fernsehen ist der Heimatfilm wieder eine Marke, ungebrochen in sentimentalen Bergbauern-Romanzen. Die deutschen Kinocharts führt derzeit – fast unbemerkt im Rest der Republik – die bayrische Mundartkomödie „Gugelhupfgeschwader“ an, schon der achte Teil der Serie. Nicht totzukriegen ist der Heimatfilm und doch nur selten auch lebendig.

Adrian Goigingers „Märzengrund“, eine österreichisch-deutsche Koproduktion, möchte alles auf einmal sein, Autoren- und Publikumsfilm, Almbauerndrama und Aussteigerporträt. Zunächst aber ist er aber ein Heimatfilm, wie er einmal im Buche stand: In den sechziger Jahren wächst in einem Tiroler Dorf der Grundbesitzerssohn Elias (Jakob Mader, dann Johannes Krisch) heran, doch allen Wohlstand schlägt er aus, als ihm die dominante Mutter (Gerti Drassl) sein wahres Glück verwehrt. Unfähig, die Heirat mit einer geschiedenen Frau vor den erzkonservativen Eltern durchzusetzen, wählt er vierzig Jahre Einsamkeit und zieht in eine Almhütte. „Aber da oben ist doch nichts“, gibt ein Freund zu bedenken. „Doch, ich!“.

Eine Rückblendenstruktur setzt diesen Zeitrahmen gleich zu Beginn, womit sich dieser Film gleichsam selbst anpflockt wie eine Almziege. Alles hat einen Rahmen in einer Geschichte, die doch eigentlich eine Ausbruchsutopie erzählen möchte: Die Liebesgeschichte bleibt nur Miniatur, die schlagerselige Dorfdisco Kulisse, die Landschaften Postkarten. Und als sich die Hauptfigur endlich von ihren Fesseln befreit hat, gibt sich die Natur doch überraschend zahm. Wo Platz wäre, für ereignishafte Naturfotografie wie in „Into the Wild“ oder „Die Wand“, meldet sich – verspätet – die verpasste Liebesgeschichte aus der Erinnerung zurück. Nun fallen dem greisen Einsiedler endlich auch die richtigen Worte ein: „Gamsaugen hast du. Almrosenwangen. Lippen rot wie Brunellen. Selig bist du.“

Sein anspruchsvolles Debüt

Eines muss man dem Heimatfilm der fünfziger Jahre lassen: Er nahm seinen Kitsch wenigstens ernst. In seinen besten Beispielen erreichte er sogar eine märchenhafte Poesie, die diesem Genre tatsächlich einzig war. Goiginger, der mit seinem ersten Spielfilm „Die beste aller Welten“ den seltenen Spagat schaffte, mit einem anspruchsvollen Festivalfilm auch einen der größten Publikumserfolge in Österreich zu feiern, fürchtet diesmal jede Härte. Sein Film scheut die Radikalität, die eine Aussteigergeschichte auch in der Form verlangt – und die etwa das amerikanische Independentkino in Naturdramen oft so leichthändig aus dem Ärmel schütteln. In der Gegenwartsgeschichte – der Einsiedler muss wegen einer Tumoroperation in die verhasste Zivilisation zurück – könnte dann jederzeit der TV-Bergdoktor zur Tür reinkommen.

Was wäre dagegen zu sagen, das Klischee zu suchen – Genrekino lebt davon. Aber eine aus so grobem Holz geschnitzte Figur wie die hexenhafte Mutter verlangt natürlich auch nach einem gewissen Expressionismus in ihrer Umgebung. Man kann Karikaturen schlecht in einem handzahmen Realismus platzieren – auch da war das deutsche Unterhaltungskino der Fünfziger weiter: Es beließ es einfach bei der Holzschnitthaftigkeit, die ja in Waldkulissen gut aufgehoben sein kann.

Ein Fall für die Coen-Brüder

Aber wäre so ein Kino heute überhaupt noch möglich? Könnte man die Wahrheit des Falschen, die der „Förster vom Silberwald“ für sich so souverän behauptete, heute noch auf die Leinwand bringen? Vielleicht wäre es eine gute Herausforderung für Todd Haynes oder die Coen-Brüder. Einen Versuch wäre es wert.

Märzengrund. D/A 2022. Regie: Adrian Goiginger. 110 Min.

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