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In Cannes dabei: Regisseurin Maren Ade.

Filmfestspiele Cannes

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Endlich wieder ein deutscher Wettbewerbsbeitrag bei den Filmfestspielen in Cannes. Doch die Konkurrenz ist groß für Maren Ades „Toni Erdmann“.

Gut Ding will Weile haben. Sieben Jahre hat es gedauert, bis Maren Ade nach ihrem Berlinale-Wettbewerbsbeitrag „Alle anderen“ eine neue Regiearbeit fertig stellen konnte, und offensichtlich hat es sich gelohnt. Im vergangenen Herbst wurde die Berlinerin noch einmal Mutter, zur letzten Berlinale war ihre Tragikomödie „Toni Erdmann“ noch nicht fertig. Nun kommt sie gerade recht für Cannes. Wie das Festival am Donnerstag bei der Programmkonferenz in Paris bekannt gab, wird es erstmals seit 2008 wieder einen deutschen Wettbewerbsbeitrag im renommiertesten Filmfestival der Welt geben. Damals hatte Wim Wenders glücklos mit „Palermo Shooting“ um die Palme konkurriert.

162 Minuten ist Ades „Toni Erdmann“ nun lang geworden, eine solche Länge ist für ein Festival eigentlich eine Bürde, was umso mehr dafür spricht, dass dieser Film alle Aufmerksamkeit verdient. Ades Meisterschaft liegt in der Inszenierung zwischenmenschlicher Konflikte, in deren Ausbrüchen sie etwas Tragikomisches und zutiefst Menschliches entdeckt. Hier geht es um ein ungleiches Vater-Tochter-Paar.

Sandra Hüllers Ines ist eine erfolgreiche Unternehmensberaterin, die sich gerade in Rumänien durch ein Outsourcing-Projekt beißt, als ungebeten ihr Vater aufschlägt. Burgschauspieler Peter Simonischek verkörpert diesen lebensbejahenden Alt-68er, der seine Kapitalismuskritik in laute Scherze kleidet. Auch wenn die Tochter es gut mit ihm meint und ihn sogar mit zu gediegenen Empfängen schleppt, kommen sich die beiden nicht näher. Dann vollzieht der Mann eine radikale Wandlung. Mit falschen Zähnen und einer Perücke verwandelt er sich in sein clowneskes Alter ego „Toni Erdmann“. Mit einer Scherzoffensive geht er aufs Ganze – und Ines lässt sich überraschend auf den Kulturkampf ein.

So wie nun auch Cannes offensichtlich auf Konfrontationskurs geht mit den Erwartungen an ein Festival, das weder für Germanophilie noch für besondere Frauenfreundlichkeit bekannt ist. Auch diesmal haben es nur zwei weitere Filmemacherinnen unter die 20 Wettbewerber geschafft, neben Ade die Britin Andrea Arnold („American Honey“) und die Französin Nicole Garcia („Mal de pierres“), beide schon zum dritten Mal im Wettbewerb vertreten. Wenig im Vergleich zu Ken Loach, der mit „I, Daniel Blake“ nicht nur seine bereits für beendet erklärte Karriere weiterführt, sondern zum 15. Mal im Wettbewerb ist.

Es wimmelt vor Bekannten

Überhaupt wimmelt es vor alten Bekannten. Die belgischen Dardenne-Brüder machen sich Hoffnung auf eine dritte Goldene Palme mit „La fille inconnue“. Adèle Haenel geht darin als junge Ärztin auf die Suche nach der Identität einer Patientin, die nach verweigerter Operation gestorben ist. Auch Pedro Almodóvar porträtiert in seinem neuen Film „Julieta“ eine Suchende. Emma Suárez spielt darin eine Mutter auf der Suche nach ihrer 18-jährigen Tochter. In Spanien ist der Film bereits angelaufen. Nur ungern verzichtet ein großes Festival auf eine Weltpremiere, aber noch weniger wollte man auf Almodóvar verzichten.

Die neuen Arbeiten der rumänischen Meister Christian Mungiu („Bacalaureat“) und Cristi Puiu („Sieranevada“) waren auch von der Berlinale heiß begehrt worden. Nun laufen sie in Cannes, was die Bedeutung dieses Landes für das anspruchsvolle Weltkino belegt – und auch Maren Ades dort angesiedelten Film in gute Gesellschaft rückt. Neben Brillante Mendoza („Ma’Rosa“), Park Chan-Wook („Agassi“), Xavier Dolan („Juste la fin due monde“), Paul Verhoeven („Elle“) darf sich Jim Jarmusch gleich auf ein zweifaches Comeback freuen – im Wettbewerb läuft „Paterson“, in der Mitternachts-Sektion seine Hommage an Iggy Pop und die Stooges, „Gimme Danger“. Doch das wahre Nachtstück wird wohl Nicolas Winding Refns neuester kalifornischer Alptraum „The Neon Demon“ über ein junges Model.

Es sieht so aus, als sollte Cannes diesmal alles bekommen, was es sich wünscht. Inklusive Glanz am roten Teppich, im Wettbewerb mit Sean Penn („The Last Face“), außer Konkurrenz mit Woody Allen („Café Society“), Steven Spielbergs Roald-Dahl-Verfilmung „BFG: Big Friendly Ghost“ und nicht zuletzt Jodie Fosters „Money Monster“ mit einer Traumbesetzung: George Clooney und Julia Roberts, der die Handlung einen kühlen Kopf abverlangt. In der Tat, man wird ihn brauchen. So viel Neugier hat Cannes lange nicht geweckt.

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