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Nicht nur ProSiebenSat1 hofft auf die Richtung: hinauf.

TV-Strategien

Hauen und Stechen

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Beim Fernsehen der Zukunft bahnt sich ein Verdrängungswettbewerb an. Nun rüsten sich zwei vermeintliche Lokalgrößen gegen internationale Giganten.

Großes Aufrüsten auch beim Fernsehen der Zukunft. Das wird mehr als deutlich, wenn dieser Tage führende Vertreter von TV- und Bezahlsendern von Sky über ProSiebenSat1 bis zu RTL und US-Medienkonzernen zusammenkommen. Vor allem digital buhlen sie zunehmend um die Zuschauergunst. So verschieden dabei die Strategien sein mögen, in einem Punkt herrscht Einigkeit. „Eigenproduktionen sind der Weg zum Glück“, sagt Jan Wachtel. Er ist bei der RTL-Gruppe für digitale Medien zuständig. Wenn er das sagt, richten sich seine Augen vor allem auf die RTL-Plattform TV Now. „Wir wollen damit in Deutschland der Local Hero sein“, sagt Wachtel. Streamingportale machen derzeit anderen Formen des TV-Konsums das Leben schwer und hängen auch traditionelles Bezahlfernsehen ab.

Das zeigen Statistiken des Branchenverbands privater Medien Vaunet. Demnach stagnieren die Umsätze mit klassischem Pay-TV in Deutschland. 2018 waren es wie im Vorjahr rund 2,3 Milliarden Euro. 2019 sollen es mit 2,4 Milliarden Euro kaum mehr werden, schätzt Vaunet-Manager Frank Giersberg. Ganz anders sieht es bei Streamingangeboten aus. Deren Umsätze haben voriges Jahr um eine halbe Milliarde Euro auf branchenweit 1,2 Milliarden Euro zugelegt. 2019 sollen es 1,6 Milliarden Euro werden. Wer genau davon profitiert, ist unklar.

Denn in die Zahlen eingerechnet sind die Streamingumsätze klassischer Sender wie RTL und ProSieben oder von Bezahlsendern wie Sky aber auch Erlöse reiner Online-Plattformen wie Netflix und Amazon. Alle Gruppen würden vergleichbar vom Streamingtrend profitieren, sagt Giersberg. Mit aufgeschlüsselten Zahlen untermauern will er das nicht. Gefühlt geben Netflix & Co den Ton an.

Nun kündigt sich verschärfter Wettbewerb an. Aus Deutschland angeheizt wird er durch die beiden Lokalgrößen RTL mit TV Now und dem ProSiebenSat1-Konzern mit der neuen Streamingplattform Joyn, die als Sammelbecken nicht nur alle hauseigenen Sendern, sondern auch ARD, ZDF und anderen Kooperationspartnern ein Dach bietet. Nur RTL macht nicht mit.

Der eigentliche Konkurrenzkampf sei nicht der mit internationalen Plattformen wie Netflix, sondern der lokale mit Joyn, sagt Wachtel. Dafür fühle sich RTL gut gerüstet. Immerhin stünde jährlich eine Milliarde Euro für Eigenproduktionen zur Verfügung. Das klingt nach ansehnlichen Reserven. Aber allein bei Netflix ist es ein Vielfaches davon. Dazu investieren weitere finanzkräftige US-Riesen wie HBO („Game of Thrones“), Disney, Apple oder Warner Media für den Streamingmarkt. 15 Millionen Dollar Produktionskosten pro Folge einer Serie sind keine Seltenheit mehr. Das relativiert die eine Milliarde Euro, die RTL zur Verfügung steht.

Auch Sky rüstet auf. Vorigen Herbst ist der Bezahlsender inklusive deutschem Ableger an den US-Konzern Comcast verkauft worden, zu dem auch das US-Medienunternehmen NBC gehört. Mit vereinter Finanzkraft soll die Anzahl an selbstproduzierten Sky-Serien für Deutschland mittelfristig auf acht jährlich verdoppelt werden, sagt NBC-Europachefin Katharina Behrends. Der Kampf um Drehbuchautoren und andere Kreativtalente sei groß. Schon jetzt übersteige die Nachfrage das Angebot. Eigenproduktionen würden deshalb immer teurer.

Für Fernsehzuschauer klingt das nach goldenen Zeiten, aber auch nach wucherndem Angebotsdschungel. Im Schnitt verfüge jeder deutsche TV-Haushalt heute über drei Abos, weiß ProSiebenSat1-Managerin Nicol Agudo Berbel. Ob Zeit und Geld von Konsumenten ausreichen, das auszuweiten, ist fraglich. Es läuft wohl eher auf einen Verdrängungswettbewerb hinaus. „Der Kunde wird entscheiden und weiß, was sein Geldbeutel hergibt“, räumt Berbel ein. Manche Anbieter werden die Segel streichen müssen.

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