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Diskussion über die Deutsche Bahn.

TV-Kritik

„Hart aber fair“: Wenn die Schwarze Mamba auch nichts hilft

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Der zusehends auf Populismus setzende Frank Plasberg nahm sich ein besonders dankbares Opfer vor: die Deutsche Bahn.

Es gibt zwei Themen, auf die sich beim Party-Small Talk alle einigen können: Wetter und Bahn-Bashing. Eher erstaunlich also, dass Frank Plasberg mit seinem „Hart aber fair“ erst jetzt auf diesen Zug aufzuspringen versuchte und fragte: „Klimaretter oder Nervenkiller – was kann die Deutsche Bahn?“

Politische Talkshows: Maybrit Illner fragt nach dem Problem der CDU und findet eine Vokabel, die aus dem politischen Wörterbuch gestrichen werden sollte: Volkspartei.

Nichts von dem was sie können sollte, ist die landläufige Meinung, und so durften die Gäste dann erst mal über nicht benutzbare Toiletten und nicht erkennbare Reservierungen herziehen. Öde. Und die Verteidigungsstrategie von Bahnchef Richard Lutz war nicht origineller. Gepaart mit dem Eingeständnis, dass es viele Mängel gebe, wiederholte er sein Mantra: „Wir müssen besser werden.“ 

Auch nicht eben erhebend waren die Dialoge über Statistiken. Nur 42 Prozent der Züge im Fernverkehr seien frei von Mängeln, las Plasberg vor. Nein, widersprach Lutz, 90 Prozent der Kunden hätten es mit „einwandfreien Zügen zu tun“. Eher lustig seine Behauptung, ein ausgefallener Zug könne nicht als „verspätet“ gerechnet werden, weil er ja nicht gefahren sei. Taschenspielericks, urteilte Plasberg, musste später aber immerhin zugeben, dass Lutz’ Angaben zur Pünktlichkeit der Bahn insgesamt mit 94 Prozent korrekt waren. 

„Hart aber fair“. Anton Hofreiter übt scharfe Kritik an Verkehrsministern

Es wurde dann aber etwas differenzierter. So sagte Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender der Grünen/Bündnis 90, völlig zu Recht, dass Lutz der falsche Ansprechpartner sei. Denn seit Jahren betreibe die Bundesregierung nur Mängelverwaltung. Er war so freundlich, die Namen der in unschöner Regelmäßigkeit versagenden CSU-Verkehrsminister nicht zu nennen: Peter Ramsauer, Alexander Dobrindt, Christian Schmidt und derzeit Andreas Scheuer. Stets hätten die Minister verkündet, man packe es jetzt an. Doch das sei „verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre“ gewesen.

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Das passte dem Parteifreund der Genannten, Bernd Althusmann, (CDU) Wirtschaftsminister in Niedersachsen, natürlich nicht. Er versuchte, Hofreiters Kritik als „parteipolitisches Hickhack“ zu diffamieren und ein wenig Schönfärberei zu betreiben. Man habe eben in Deutschland das nach Belgien dichteste Netz in Europa, und es würden doch nun 156 Milliarden Euro investiert. 

Die wird Richard Lutz auch brauchen. Anhand der Beeinträchtigungen durch Folgen von Unwettern, der Verwirklichung der Werbung mit „100 Prozent Ökostrom“ und des Wlan-Ausbaus gab er eine Ahnung davon, wie vielschichtig die Aufgaben für den Konzern in den kommenden Jahren sein werden: „Wir müssen das System robuster machen.“ 

Micky Beisenherz fordert, Bahn müsse das attraktivste Verkehrsmittel werden

Hart aber fair, ARD, von Montag, 7.Oktober, 21 Uhr. Im Netz: ARD Mediathek (verfügbar bis 7.10.2019)

Comedy-Autor und Moderator Micky Beisenherz, der mit seinem Spruch, der IC sei „ein Haufen rollender Scheiße“ auf die Diskussion eingestimmt hatte, berichtete, dass ihm seine „Schwarze Mamba“, eine Bahncard 100 1. Klasse, beim Zugausfall auch nichts genützt habe. Er forderte, dass die Bahn das attraktivste Verkehrsmittel werden müsse. Denn Zeit und Geld sind für viele Pendler das Motiv, sich lieber ins Auto und den Stau zu begeben, wie eine Umfrage zeigte. 

Beisenherz hatte eine einleuchtende Erklärung: Wer sich ans Steuer setze, habe immerhin das Gefühl, er könne bei seiner Fahrt noch etwas selbst beeinflussen. Für Studentin Judith Henke zum Beispiel waren die Wochen, in denen sie ein Auto statt der Bahn nutzen konnte, ein Aha-Erlebnis: Sie habe viel Zeit gespart. 

Apropos sparen: Die vielleicht nachdrücklichste Erkenntnis dieser Sendung war der Nachweis, dass die Benutzung des Autos viele Pendler teurer zu stehen kommt als die Bahnfahrt. Denn beim Auto werden dessen Anschaffungs- und Verschleißkosten oft verdrängt. Doch es ginge auch für die Bahn noch billiger. So konnte Judith Henke mit einem Beispiel aus Italien belegen, dass mehr Wettbewerb zu günstigeren Preisen bei der Bahn geführt habe. 

„Hart aber fair“: Kein Wunder, dass alle abwandern und die AfD wählen

Und nach so viel Gezeter über die Bahn kam noch ein für Richard Lutz fast versöhnlicher – und berechtigter – Kommentar per E-Mail: Über den Wahnsinn auf deutschen Straßen werde nicht so viel berichtet wie über die Malaise der Bahn.

Von Daland Segler

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