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„Hart aber fair“: Einsam und krank? Putin als unberechenbare Gefahr im Russland-Ukraine-Konflikt

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Von: Tim Vincent Dicke

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In der ARD-Sendung „Hart aber fair“ vom 21.02.2022 diskutierten die Gäste über die Ukraine-Krise.
In der ARD-Sendung „Hart aber fair“ vom 21.02.2022 diskutierten die Gäste über die Ukraine-Krise. © Screenshot ARD

Beim ARD-Talk „Hart aber fair“ sprechen Frank Plasbergs Gäste über die Ukraine, Russland – und natürlich Präsident Wladimir Putin.

Köln – Eigentlich wollte Frank Plasberg bei „Hart aber Fair“ am Montag (21.02.2022) über die explodierenden Preise in Deutschland sprechen. Doch am Abend grätschte dem Moderator der russische Präsident Wladimir Putin dazwischen und verkündete, die ostukrainischen Regionen Luhansk und Donezk im Osten der Ukraine als unabhängige „Volksrepubliken“ anzuerkennen – ein Schritt, der für den Westen eine extreme Provokation ist.

So fragte Plasberg am Abend seine Gäste: „Putin macht Ernst – beginnt jetzt ein Krieg um die Ukraine?“ CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen äußerte sich direkt zum Anfang des ARD-Talks deutlich. Er bezeichnete den Schritt von Putin als „eklatanten Bruch des Völkerrechts“ und eine „Verletzung der Souveränität der Ukraine“. Mit mahnendem Tonfall sagte Röttgen zum Auftritt Putins, bei dem er die Anerkennung verkündete: „Diese Rede ist eine Kriegsrede.“

ARD-Talk „Hart aber fair“: Dem FDP-Mann fällt nur wenig ein

Russland-Expertin Sarah Pagung pflichtete dem CDU-Politiker bei, der 2021 und 2022 erfolglos für das Amt des Parteivorsitzenden kandidierte. „Was folgt jetzt weiter? Und ich glaube, wir müssen der Tatsache ins Gesicht sehen, dass die Kriegsgefahr enorm hoch ist“, warnte die Politikwissenschaftlerin eindringlich. Dem FDP-Fraktionsvorsitzenden Christian Dürr fiel daraufhin nur eine alte Floskel ein: Der Westen müsse geschlossen bleiben. Konkret wurde er allerdings nicht.

Lässt Putin die Situation in der Ukraine wirklich weiter eskalieren? Röttgen konnte darauf keine konkrete Antwort geben. „Wir haben keine wirkliche Erkenntnis und Einschätzung des aller innersten Machtzirkels. Das hört irgendwann mal auf.“ Selbst die Geheimdienste könnten keine adäquaten Informationen liefern. Putin sei „sehr abgeschottet“ und verstehe sich als „historische Wirkmacht“, so Röttgen.

Journalist und Kreml-Kenner Udo Lielischkies, der von 2014 bis 2018 das ARD-Studio in Moskau leitete, wies auf eine unberechenbare Gefahr im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine hin. Er brachte die Option einer möglichen schweren Krankheit von Putin ins Spiel. Lielischkies beschrieb den russischen Präsidenten als einsamen Mann, auf den die meisten Personen in seinem Umfeld kaum noch Einfluss hätten.

ARD: Spekulationen über Putins Gesundheitszustand bei „Hart aber fair“

Ob an diesen Spekulationen etwas dran ist, kann mit Gewissheit nicht gesagt werden. Gerüchte über den Gesundheitszustand von Putin gibt es in regelmäßigen Abständen alle Jahre wieder. Der Russland-Experte fasste folgerichtig zusammen: „Das ist das Problem unserer Debatte hier. Das System ist so intransparent, dass wir da einfach nur spekulieren können und so kleine Anzeichen heraussuchen. Aber wir kommen nicht wirklich ganz nah ran.“ In die Glaskugel wollte er wie Röttgen nicht schauen.

Vassili Golod, der ebenfalls als Journalist arbeitet und Familie in Russland und der Ukraine hat, ragte aus der sehr nüchternen Talk-Runde heraus. Er zeigte sich sichtlich mitgenommen von dem eskalierenden Konflikt, lieferte zugleich aber auch eine glasklare Analyse zur russischen Bevölkerung.

„Hart aber fair“ (ARD)Die Gäste der Sendung vom 21.02.2022
Udo LielischkiesEhemaliger ARD-Studioleiter in Moskau
Norbert RöttgenCDU, Außenpolitiker
Vassili GolodDeutsch-ukrainischer Journalist
Christian DürrFDP, Fraktionsvorsitzender im Bundestag
Sarah PagungPolitikwissenschaftlerin
Hermann Josef TenhagenChefredakteur von Finanztip

Seit Jahren bewege er sich in zwei Parallelwelten. Von seiner Familie in Russland höre er ständig Anschuldigungen gegen den Westen und die Nato. „Wenn ich mich selbst mit den Fakten beschäftige, dann sehe ich, dass die Krim annektiert wurde, dann sehe ich, dass seit acht Jahren dieser Krieg läuft im Osten der Ukraine und dann sehe ich heute diesen krassen Schritt der Anerkennung dieser sogenannten Volksrepubliken“, führte Golod aus. Zwar liegen die Fakten auf dem Tisch, trotzdem kommen sie bei den meisten Menschen in Russland überhaupt nicht an. Golod versuche Überzeugungsarbeit zu leisten, „das ist aber unfassbar schwer.“

Röttgen beschreibt System Putin bei „Hart aber fair“ in der ARD treffend

Während die Propaganda-Maschine die Bevölkerung täglich manipuliert, liegt die Wirtschaft in Russland am Boden. Es gibt zwar herausragende Köpfe, die an modernen Technologien arbeiten – so hat Russland im Gegensatz zu Europa viele eigene erfolgreiche Internetkonzerne und soziale Netzwerke hervorbracht. Der Industrie werden von der Zensur, den Sanktionen und der generellen Unfreiheit allerdings große Steine in den Weg gelegt. Zudem sind nach dem Ende der Sowjetunion viele traditionelle Sektoren in sich zusammengebrochen.

„Das Kernproblem Russlands ist seine Schwäche“, sagte Röttgen. Putin sei verzweifelt und „unfähig, dieses Land zu modernisieren. Weil, wenn man das Land wirtschaftlich modernisiert, würde man die Machtfrage stellen.“ Der russische Präsident befinde sich in einer Sackgasse, in die er immer weiter hineinlaufe. Hier lag der CDU-Mann absolut richtig, denn das Versprechen von Wladimir Putin, den Grundstein für eine florierende Wirtschaft zu legen, ging nicht auf. Und nun muss für den Präsidenten eben Plan B her, um ihn im Amt politisch zu legitimieren: das Streben nach einem großen, militärisch starken Russland, verbunden mit viel Nationalismus. Erreicht er auch dieses Ziel nicht, geht ihm die eigene Bevölkerung an den Kragen – Putins größte Angst.

Zur Sendung

Die Sendung „Hart aber Fair“ vom Montag (21.02.2022) finden Sie in der ARD-Mediathek.

Als Experte ging Hermann Josef Tenhagen, Chefredakteur des Verbraucher-Magazins „Finanztip“, in einem kurzen Abschnitt auf die Inflationsrisiken im Zuge der Ukraine-Krise ein, er spielte in der Sendung jedoch eine untergeordnete Rolle. Der Finanzexperte war eigentlich in die kurzfristig verschobene „Hart aber fair“-Sendung zur Inflation eingeladen worden.

Ukraine-Konflikt sorgt bei „Hart aber fair“ (ARD) nicht für Krawall

Zum Schluss präsentierte Moderator Frank Plasberg seinen Gästen einen Zuschauerkommentar nach dem Motto „Mir doch egal, was in der Ukraine passiert. Deutschland soll sich raushalten, sonst hat das nur Nachteile.“ Auf diese Aussage reagierte Vassili Golod völlig zu Recht fassungslos. „Es tut mir weh, das zu hören“, so der Berichterstatter mit ukrainisch-russischen Wurzeln. „Die Ukraine ist ein demokratisches Land, ein unabhängiges Land, das unseren Werten (...) viel näher steht, als dass es Russland tut.“ Er höre solche Kommentare immer wieder in Deutschland.

Kontrovers oder gar krawallig ging es im ARD-Talk zu keinem Zeitpunkt zu – dafür war das Thema zu ernst und kein Gast kam mit einfachen, plumpen Antworten aus der Deckung hervor. Wenige Minuten nach Ende der Sendung kündigte Putin an, Truppen in die Ostukraine zu schicken. (tvd)

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