1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

Ukraine-Krieg bei „Hart aber fair“ – Steile Thesen und fachfremde Spekulationen dürfen nicht fehlen

Erstellt:

Von: Moritz Post

Kommentare

„Hart aber fair“ (ARD) vom 28.02.2022
„Hart aber fair“ (ARD) vom 28.02.2022. (Screenshot) © ARD

Der ARD-Talk mit Frank Plasberg bietet gewagte Küchenpsychologie, Ferndiagnosen und durchaus sachliche Einordnungen. Die TV-Kritik zu „Hart aber Fair“.

„Gilt nur noch das Recht des Stärkeren? Wie hilflos ist der Westen gegen Wladimir Putin?“ fragt Moderator Frank Plasberg zu Beginn der neuesten Ausgabe des ARD-Talkformats „Hart aber fair“. Er diskutiert mit dem ehemaligen NATO-General Hans-Lothar Dormröse, mit Sabine Fischer, der Osteuropa- und Russland-Expertin bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) und dem Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Michael Roth (SPD). Im Studio mit von der Partie sind der ehemalige Leiter des ARD Studios Moskau Udo Lielischkies und der Journalist Gabor Steingart.

Zugeschaltet äußert sich der ukrainische Botschafter in Deutschland Andrij Melnyk in der Talkrunde, der in seinem ersten Statement des Abends zunächst die Kehrtwende der Bundesregierung in den Punkten der Sanktionen gegen Russland und Putin sowie bei der Lieferung von Waffen an die ukrainische Armee lobt, jedoch auch zu bedenken gibt, dass diese „viel zu spät kommt, aber hoffentlich kann man diese Entscheidung zum Guten drehen“.

Hart aber Fair (ARD): Putin will die Ukraine und Belarus mit Russland wiedervereinigen

Wie es sich für einen echten Plasberg-Talk am Montagabend gehört, dürfen auch in dieser Ausgabe von „Hart aber fair“ steile Thesen und fachfremde Spekulationen nicht fehlen. Im Epizentrum der küchenpsychologischen Hypothesen und Ferndiagnosen, stehen die beiden Journalisten Steingart und Lielischkies, die über die psychische Verfasstheit und Motivation des russischen Präsidenten Wladimir Putin spekulieren und streiten.

Hart aber fair (ARD) vom 28.02.2022Die Gäste der Sendung
Michael RothSPD-Politiker
Udo LielischkiesJournalist
Sabine FischerOsteuropa- und Russland-Expertin
Hans-Lothar Domröseehemaliger Deutscher NATO-General
Gabor SteingartJournalist
Andrij MelnykUkrainischer Botschafter in Deutschland

Für den ehemaligen Moskau-Korrespondenten Lielischkies steht fest, dass Putin sich das Narrativ des aggressiven Westens über Jahre hinweg als notwendiges Phänomen geschaffen habe, um innenpolitisch profitieren zu können. „Dann kam eine Entwicklung der Isolation, in der Putin zum Hobbyhistoriker wurde, die Regierungsgeschäfte sausen ließ und sich nicht mehr um Innenpolitik kümmerte. Seitdem liest er Geschichtsbücher und entwickelt historische Visionen“, berichtet Lielischkies und stellt die Frage: „Gibt es bei Putin noch Fragmente von Rationalität? Oder ist er an einem Punkt, an dem er nur noch in die Geschichtsbücher eingehen will.“ Was das für Putin heißt? Für den ehemaligen ARD-Korrespondenten steht fest: „Dazu gehört für Putin die Wiedervereinigung der drei Staaten Russland, Ukraine und Belarus.“

Spekulation über Putins Gemütszustand bei „Hart aber fair“ (ARD): „Ist er wirklich ein Wahnsinniger?“

Wird zunächst also das Bild des unzurechnungsfähigen russischen Präsidenten gezeichnet, so versucht der langjährige ehemalige Chefredakteur des Handelsblatts Gabor Steingart eine Gegenthese zu entwickeln und berichtet von einer persönlichen Begegnung im Jahr 2013 mit dem russischen Präsidenten: „Putin ist ein sehr gebildeter Mensch. Aber ist er wirklich ein Wahnsinniger, der im Adolf-Hitler-Style sehr, sehr weit gehen würde?“ Die selbst gestellte Frage beantwortet sich Steingart dahingehend wenig originell selbst, dass in diesem Falle ein anderes Vorgehen notwendig sei als jenes, wenn man bei Putin noch von vorhandener Rationalität ausgehen könnte.

Den schwammigen Aussagen Steingarts entgegnet Udo Lielischkies der ein wenig konkreteren Frage, wie ein Ausweg aus der Situation gefunden werden könne: „Wie kommt Putin vom Baum runter? Es muss eine Möglichkeit gefunden werden, wie er gesichtswahrend vom Baum kommt.“ – Diese hat Gabor Steingart sogleich parat: „Das ist ganz einfach“ – der Journalist erntet hierfür erstaunte Blicke – „Die autonomen Gebiete werden eigenständige oder russisch gestützte Staaten und die Ukraine wird eine Art Pufferstaat, wie Putin und der Westen es sich bis vor kurzem auch vorgestellt haben.“ Dabei könne in den Augen Steingarts auch die Rücknahme aller Sanktionen Gesprächsgegenstand mit dem russischen Präsidenten sein. Hobby-Psychologe Steingart greift nochmals tief in die Kiste mit schrägen Vergleichen: „Bei der Tiererziehung spricht man von der positiven Verstärkung: Man könnte von der Freihandelszone sprechen. – Denn was ist das Gegenstück von Krieg? Das sind Wirtschaftsbeziehungen und Dialog.“

Ukraines Botschafter bei „Hart aber fair“ (ARD): „Putin hat sich verkalkuliert“

Dem entgegnet der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk deutlich schärfer in gewähltem Bild und Entschiedenheit: „Sie würden doch auch nicht bei einem Verbrecher, der ein Messer an den Hals seines Opfers gesetzt hat, mit dem Opfer sprechen und es fragen, was es tun kann, damit der Verbrecher sein Gesicht wahren könnte?“, wirft der Botschafter dem Journalisten vor. „Wir sind für Dialog. Aber kein einziges Thema, das bisher aus Moskau angesprochen wurde, war verhandelbar. Auch die Menschen in der Ukraine sind bereit für ihre Freiheit, ihre Werte, ihre Heimat und ihre Staatlichkeit.“ Für Melnyk und die Ukraine stehe fest: „Putin hat sich verkalkuliert und überschätzt. Er wird noch brutaler vorgehen.“

Zur Sendung

„Hart aber fair“ (ARD) vom 28.02.2022 zum Krieg in der Ukraine. Die Sendung in der ARD-Mediathek.

An diesem Punkt präsentiert sich der Montagstalk doch deutlich sachlicher, als bei den Spekulationen um den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Der ehemalige NATO-General Hans-Lothar Domröse fasst das Kriegsgeschehen zusammen: „Putin scheint hängengeblieben zu sein.“ – Auf die Frage, ob das eine gute Nachricht sei, antwortet er aber: „Das weiß ich nicht genau.“ Auf dem offenen Schlachtfeld sei die ukrainische Armee der russischen „High-Tech-Armee“ in jedem Fall unterlegen: „Sie müssen Partisanen-artig Stiche ausführen“, urteilt der ehemalige General der NATO.

Michael Roth (SPD): „Wir erleben die moralische Bankrotterklärung Putins“

Sabine Fischer, die Osteuropa-Expertin der Stiftung Wissenschaft und Politik, zweifelt in diesem Zusammenhang die Ernsthaftigkeit der Friedensgespräche an der Grenze zu Belarus an: „Zwei der russischen Unterhändler sind Hardcore-Nationalisten“. Dennoch sieht sie die Möglichkeit des Beginnes von Waffenstillstandsgesprächen. ARD-Mann Lielischkies pflichtet ihr bei: Auch er sehe nicht, dass Putin wirklich verhandeln wolle. Den Ukrainer:innen schwane jedoch, dass sie der russischen Armee nicht lange werden standhalten können. „Und Putin schreckt nicht davor zurück, den Widerstand zu brechen, indem er eine Stadt dem Erdboden gleich macht.“

So setzt Michael Roth, der Politiker in der Runde, auf die zivilgesellschaftlichen Kräfte in Russland: „Wir erleben die moralische Bankrotterklärung Putins“, sagt Roth (SPD), wonach die Zustimmung für den Krieg in Russland gering sei und russische Präsident die Entschlossenheit und Geschlossenheit des Westens unterschätzt habe. „Putin hat es mit einem Präsidenten der Ukraine zu tun, der sich derart verantwortungsvoll verhält, dass die Fratze von Putin noch abschreckender wirkt. Putin selbst hat vom Brudervolk in der Ukraine gesprochen. Gegen Brüder und Schwestern führt man nicht einen solchen Krieg.“

„Hart aber fair“ (ARD) – Politologin sieht Rechtfertigungspropaganda in Russland

Die Politologin Fischer pflichtet Roth an diesem Punkt bei: „Es geht aktuell nicht um Mobilisierungs-Propaganda, sondern eine Rechtfertigungspropaganda in Russland, weil der Krieg nicht von einer breiten Mehrheit der Bevölkerung mitgetragen wird.“ Die autokratische Tendenz des russischen Regimes habe sich in den vergangenen zwei Jahren verstärkt. So geht Fischer davon aus, dass auch jetzt die Repressionen in Russland noch einmal drastisch zunehmen werden. Ein trüber Ausblick in kriegerischen Tagen. (Moritz Post)

Auch interessant

Kommentare