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„Hart aber fair“ (ARD): Sascha Lobo stellt Lebensleistung der Queen infrage

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Von: Rolf-Ruediger Hamacher

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Sascha Lobo, Katarina Barley, Mareile Höppner und James Hawes in der ARD-Talkshow „Hart aber fair“ am 19. September 2022.
Sascha Lobo, Katarina Barley, Mareile Höppner und James Hawes in der ARD-Talkshow „Hart aber fair“ am 19. September 2022. © IMAGO/Thomas Bartilla

Die Beerdigung der Queen ist auch Thema bei Frank Plasbergs „Hart aber fair“ (ARD). Doch nicht alle Gäste sind Fans der Royals.

Berlin – Es war vorauszusehen, dass das tagesaktuelle Thema bei „Hart aber fair“ - „Der Queen-Abschied: Warum immer noch der Kult um Königshäuser?“ - angesichts der Millionen letzter, trauernder Wegbebleiter:innen in London und der weltweit vier Milliarden TV-ZuschauerInnen des Königin-Begräbnisses nicht gerade zu einem unversöhnlichen Schlagaustausch der Talk-Gäste im Studio führen würde.

Aber wenn Frank Plasberg (ARD) einen unbequemen Geist wie Sascha Lobo („Meine emotionale Beziehung zur Queen liegt bei minimal über Null“), der gerne mal den Finger schmerzhaft in die Wunde legt, in die Runde setzt, liefert der auch die von ihm erwartete Provokation: „Was ich nicht mag, ist, wenn man sich, auch medial, dem Phänomen Monarchie so unkritisch nähert, so als hätte es nichts zu tun mit Sklaverei, Kolonialismus und Rassismus. Und dass sie es nicht geschafft hat, sich in 70 Jahren für die Verbrechen zu entschuldigen, die von dem System begangen wurden, das sie repräsentiert, dann halte ich das nicht für eine Lebensleistung, die man feiern kann, sondern für eines der größten Versäumnisse überhaupt.“

„Hart aber fair“ (ARD): Welche Lebensleistung hatte die Queen, fragt Sascha Lobo

Das der aus einem alten schwäbischen Adelsgeschlecht stammende Bertram Graf von Quadt zu Wykradt und Isny da seiner Adelsgenossin zur Seite springen muss und seinen Respekt vor ihrer Lebensleistung bekundet, war klar - und was das Entschuldigen angeht, verwies er auf ihre Rede in Irland 2011, als sie sich für die Gräueltaten der englischen Besatzer entschuldigte.

Als Lobo konkret beim Grafen nach ihrer Lebensleistung nachfragt, wird er von Frank Plasberg (ARD) gestoppt, auf später vertröstet - und James Hawes darf die Queen ins Reich der Fantasiefiguren ansiedeln, in das sie sich durch ihre Film-Auftritte mit James Bond und der Animationsfigur des Bär Paddington, durchaus selbstironisch, begeben hatte. Ansonsten sieht er den Hype um die verstorbene Königin auch als Zeichen einer Sehnsucht der Briten nach Übereinstimmung in Zeiten, wo sie in nichts übereinstimmen.

„Hart aber fair“ (ARD): Queen leistete keinen Brexit-Widerstand

Mareile Höppner traut diesem Wir-Gefühl in der ARD bei Plasberg nicht so ganz über den Weg, findet sich mehr in einer „Soap“ wieder, bewundert aber den Brückenschlag, den Elisabeth II. nach dem Zweiten Weltkrieg zu Deutschland gewagt hat. Die Halb-Britin, Katarina Barley, deren Vater Engländer ist, hätte sich von der Queen in den letzten Jahren mehr Widerstand beim Brexit gewünscht. Der kam, sehr subtil, bei einem offiziellen Anlass durch einen blauen Hut mit aufgenähten gelben Blumen, den man durchaus als Europa-Flagge interpretieren konnte. Aber die Strafe folgte auf dem Fuß: Die Sun veröffentlichte alte Aufnahmen aus den 1930er Jahren von ihr, wo sie den Hitlergruss zeigte.

Während unser Graf das Zaudern der Queen, sich politisch einzumischen, immer wieder mit den parlamentarischen Vorgaben entschuldigt, fragt sich Lobo, wie es dann möglich war, dass sie 160 Gesetze zu ihren Gunsten beeinflussen konnte und weder die Erbschaftssteuer noch Umweltgesetze für die Royals gelten. Und schon ist der Bogen in der ARD zum neuen König Charles III. gespannt, bei dem bisher auf seinen repräsentativen Auftritten immer die meisten Bediensteten mit reisten. Nun soll der als arroganter aber auch zugänglicher als seine Mutter geltende und mit dem Ruf eines grünen Vordenkers behaftete Thronerbe nach dänischem Vorbild das Königshaus abspecken.

Zur Sendung

„Hart aber fair“ mit Frank Plasberg. Die Sendung vom 19. September 2022, 21.15 Uhr in der ARD-Meditahek

„Hart aber fair“ (ARD): Briten werden nach Queen-Beerdigung mit Kater aufwachen

Die britische Presse („Erster fester Job mit 73“) ist da wenig euphorisch, immerhin kann man ihm eins nicht nehmen, so Graf von und zu, Charles III. bleibt König von Schottland, egal wie das beabsichtigte Referendum zum Austritt aus dem Empire ausgeht. Auf jeden Fall werden die Briten aus der gegenwärtigen Überhöhung der glorreichen Vergangenheit mit einem Kater aufwachen, so das gemeinsame Fazit der Talkrunde: denn der Export und Import ist nach dem Brexit um 15 Prozent zurückgegangen, 10.000ende LKW-Fahrer fehlen und es hat eine regelrechte Zahnarzt-Flucht auf das Festland stattgefunden. England entwickelt sich immer mehr zu einem der ungleichsten, ungerechtesten - und bald auch zu einem der ärmsten ? - Länder der Welt.

Da ist Charles Ausrasten wegen eines kleckernden Füllers bei einer offiziellen Unterschrift - wie ein Einspieler süffisant dokumentiert - nur der Tropfen auf einen heißen Stein, den es mit Bescheidenheit und Umsicht „herunterzukühlen“ gilt. Damit es der Monarchie in England nicht so geht, wie in der Fußgängerzone in Bochum, wo die befragten Passanten bei einer Blitzumfrage von „Hart aber fair“ so gar keine Empathie für diese Gesellschaftsform aufbrachten. (Rolf-Ruediger Hamacher)

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