1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

„Die reagieren einfach nicht“: Krankenpflegerin attackiert Politik

Erstellt:

Von: Rolf-Ruediger Hamacher

Kommentare

hart aber fair
Lisa Schlagheck, Krankenpflegerin am Universitätsklinikum Münster, bei „hart aber fair“ am Montagabend. (Screenshot) © ARD

Frank Plasberg lässt in seinem Polittalk „Hart aber fair“ über den Corona-Brennpunkt Krankenhäuser diskutieren. Mit dabei: Karl Lauterbach. Eine TV-Kritik.

Berlin - Während der Corona-Pandemie haben unsere Krankenhäuser am Limit gearbeitet. Aber liegen die Ursachen nicht tiefer, in einem mehr auf Gewinn denn auf Gesundung angelegten System? Wie also werden die Kliniken wieder gesund - die Pfleger und die Klienten? Das ist das Thema bei Frank Plasbergs „Hart aber fair“: „Corona-Brennpunkt Krankenhäuser – zermürbt und angeschlagen wie das ganze Land?“

Zuerst einmal läuft man sich mit einem Blick auf die anstehenden Weihnachtsmärkte warm, wo keinerlei Vorgaben, was Maskenpflicht und Impfnachweis angeht, gelten sollen. „Also, wie beim Oktoberfest?“, fragt Frank Plasberg in die Runde. Ur-Bayer Holetschek und auch der „Streit“-Experte Machowecz verteidigen die Ausrichtung der Münchener Traditions-Gaudi vehement. Selbst unser Chef-Mahner Karl Lauterbach will da kein Spielverderber sein: „Das Oktoberfest stattfinden zu lassen war richtig. Eine Test- und Maskenpflicht auf den Wies´n wären allerdings besser gewesen.“

„Hart aber fair“ (ARD): Corona-Brennpunkt diskutiert die Maßnahmen

Denn die Corona Fall- und Todeszahlen sind während des Oktoberfestes gestiegen. Und auch jetzt sterben mehr Menschen als in „normalen“ Zeiten. Auch Christina Berndt bekennt sich zum Oktoberfest, obwohl sie sich selbst den Besuch verkniffen hat. Generell befürwortet sie aber in Innenräumen weiterhin eine Maskenpflicht oder einen negativen Testnachweis.

Gäste bei Hart aber fair
Karl LauterbachSPD, Bundesgesundheitsminister
Klaus HoletschekCSU, Bayerischer Staatsminister für Gesundheit und Pflege
Lisa SchlagheckKrankenpflegerin am Universitätsklinikum Münster
Christina BerndtWissenschaftsredakteurin bei der Süddeutschen Zeitung
Martin MachoweczLeiter des Zeit-Ressorts „Streit“

Es bleibt dann er einzigen „Unter 30“-Teilnehmerin vorbehalten, die doch so „nötige Achtsamkeit“ einzufordern und zum Kern der Diskussion überzuleiten: „Die Lage in den Krankenhäusern ist auch ohne Corona dramatisch!“ Schon fühlt sich Bayerns CSU-Gesundheitsminister zu einem politischen Ausfallschritt bemüßigt: „Der Grund liegt in einem Systemfehler, den die SPD und Karl Lauterbach mit der Einführung der Fall-Pauschale zu verantworten haben.“

Frank Plasberg lässt bei „Hart aber fair“ über Corona und die Situation in den Krankenhäusern diskutieren.
Frank Plasberg lässt bei „Hart aber fair“ über Corona und die Situation in den Krankenhäusern diskutieren. (Screenshot) © Screenshot_Hart aber fair _ Das Erste

Dass CDU und CSU damals mit in der Regierung saßen, lässt er scheinheiligerweise unter den Tisch fallen, was Lauterbach natürlich süffisant-ironisch kontert. Machowecz, eher die „lahme Ente“ als der „streitbare Geist“ des Abends, macht nochmal einen Schritt zurück und bemängelt in der ARD eine allzu „angstvolle Politik hierzulande, während kein Land in Europa mehr eine Maskenpflicht hat.“

„Hart aber fair“: In der ARD wird über die Situation der Krankenhäuser in Corona-Zeiten diskutiert

Frank Plasbergs Fakten lenken die Diskussion aber wieder in die gewünschte Richtung: Eine Notaufnahme in Schleswig-Holstein zum Beispiel steht täglich vor der Aufgabe, 120 Patient:innen zu behandeln. 20 Zimmer stehen dem Krankenhaus dafür zur Verfügung, von denen aber elf mit Corona-Patient:innen belegt sind. Das führe zu stundenlangen Wartezeiten.

Und bundesweit melden sich 59 % der Notaufnahmen ab, weil sie überbelegt sind. Lisa Schlagheck kann von diesen alltäglichen Zuständen ein trauriges Lied singen: „In den Notaufnahmen stauen sich die Patienten bis zur Intensivstation, müssen teilweise auf dem Gang behandelt werden. Oder sie werden in Krankenhäuser in der Umgebung verlegt.“ Von der Politik fühlt sich die engagierte Krankenschwester schon lange vernachlässigt: „Die reagieren einfach nicht, obwohl die Notaufnahmen völlig unterbesetzt sind. Ich habe 79 Tage dafür gestreikt, dass man im Notdienst nicht alleine arbeiten muss. Erst das hat geholfen.“

„Hart aber fair“ (ARD): Krankenschpflegerin liebäugelt wegen Überlastung mit Ausstieg

Karl Lauterbach muss kleinlaut bei „Hart aber fair“ gestehen, dass die Gewinne der Krankenhäuser auch durch die Überbelastung des Pflegepersonals erwirtschaftet werden und verspricht, dass das System auf den medizinischen Bedarf und nicht auf den Gewinn ausgerichtet werden muss: „Daran arbeiten wir in der Koalition mit Nachdruck und werden bis Ende November eine Beschlußfassung vorlegen.“

Holetschek hofft, mit diesen Aussichten Schlagheck im Beruf zu halten, die schon etwas resigniert mit einem Ausstieg liebäugelt, weil sie befürchtet, dass die Verbesserungen und Veränderungen letztlich nicht dem Pflegepersonal zugute kommen. Plötzlich schwebt der Geist von FDP-Finanzministers Christian Lindner im Raum, der natürlich mitreden will, weil es teuer werden könnte. Doch Lauterbach beruhigt die plötzlich unruhig werdende Runde: „Wie viel Pflegekräfte eingesetzt werden müssen, bestimmt der Bundesgesundheitsminister. Die Frage ist nur: Teilen sich bei 20 % mehr Pflegekräften Steuerzahler und Krankenkassen-Beitragszahler die Kosten oder bleiben sie bei einer Gruppe hängen? Auf jeden Fall bleibt der Zielkonflikt bestehen: Das System wird teurer!

Diskussion bei „Hart aber fair“ (ARD): Das Gesundheitssystem wird teurer

Christian Lindner bekommt dann doch noch eine unerwartete Streicheleinheit vom SPD-Kollegen. Der lobt Lindners Zuverlässigkeit nach abgeschlossenen Verhandlungen: „Wenn etwas gelingt, selbst mit der FDP, muss man das auch loben!“ Heiterkeit in der Runde - und noch einmal leichte Zweifel, aber auch Hoffnung bei Lisa Schlagheck: „Durch Streiks wird mehr erreicht, als durch Politik!“ Und ab gehts in das von Frank Plasberg offerierte Zweibett-Patientenzimmer: Die Talkgäste dürfen wählen, mit wem sie es sich teilen würden. Raten Sie mal, wie es ausgegangen ist!? (Rolf-Ruediger Hamacher)

Auch interessant

Kommentare