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Michel Friedman,  Gastronom Uwe Dziuballa und Janine Wissler bei „Hart aber fair“. 

Hart aber fair, ARD

Michel Friedman: „Es gibt einen strukturellen Judenhass im Land“

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Die Republik nach den Morden von Halle: Frank Plasberg fragt im „Hart aber fair“-Talk nach dem alltäglichen Judenhass.

Als ob es Hoyerswerda, Mölln und Rostock nicht gegeben hätte, als ob der NSU nicht über zehn Jahre gemordet hätte: Erst nach den Morden in Halle, erst nach einem Mordanschlag auf eine Synagoge scheinen viele in diesem Land begriffen zu haben, zu welcher Gewalt die Rechtsextremen fähig sind. So dass nun Frank Plasberg bei „Hart aber fair“ fragte: „Wieder da oder nie wirklich weg: Wie stark ist der Judenhass in Deutschland?“ 

Jüdisches Leben in Deutschland nicht mehr sicher

Zur Beantwortung dieser nicht genau zu beantwortenden Frage wollte der Moderator vor allem auf den jüdischen Alltag abheben und hatte als Gast den Chemnitzer Gastronom Uwe Dziuballa geladen. Und der konnte den Stoff liefern, aus dem die Albträume sind. Täglich haben er und seine Familie Beschimpfungen, Drohungen und schließlich Übergriffe erlebt. Wer er nicht erfahren durfte: Reaktionen oder gar Hilfe von Polizei oder Justiz. Stattdessen Beschwichtigungen oder abgewiesene oder ignorierte Beschwerden. Irgendwann, so Dziuballa, habe er „nicht mehr an die Gewaltenteilung geglaubt“. 

Und es war an Michel Friedman, Publizist und CDU-Politiker, das Schreckensbild zu ergänzen, indem er an häufige Szenen auf bundesdeutschen Fußballplätzen erinnerte, wo dann gegnerische Mannschaften nicht selten als „Juden“ bepöbelt werden. Es gebe einen „strukturellen Judenhass im Land“, folgerte Friedman, fast acht Jahrzehnte nach dem Holocaust sei jüdisches Leben in Deutschland nicht mehr sicher. 

Mörder von Halle orientierte sich im Internet an Christchurch

Dziuballas Erfahrungen nach hat es diesen Hass immer schon gegeben, aber die Verrohung habe zugenommen. Journalist Georg Mascolo bestätigte, dass „wir zu lange nicht gesehen haben“. Nachdem der Mörder von Halle sich im Internet am Täter von Christchurch orientiert habe, müsse nun allen klar sein, dass es sich um eine weltweite terroristische Bedrohung handle. 

Janine Wissler, hessische Politikerin der Linken, forderte dementsprechend, Schluss zu machen mit der Verharmlosung, die sich auch darin äußere, dass immer wieder vom „Einzeltäter“ die Rede gewesen sei. Es handele sich um „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“, die sich eben auch gegen Personen anderer Hautfarbe und anderer Religion wende. Dass man bei vielen Opfern von Beleidigungen oder Gewalt statt Juden auch Muslime hätte nennen können, blieb seltsam ausgespart. 

Doch betonte Friedman immerhin, es gehe um das Zusammenleben von allen Menschen in der Gesellschaft. Und gegen deren Grundverständnis verstießen die geistigen Brandstifter, die er in der AfD ausmachte. Das sei eine Partei des Hasses. Plasberg fühlte sich bemüßigt zu erklären, warum kein AfD-Politiker in der Runde saß: Die Gäste hätten sich sonst auf die Auseinandersetzung mit der Partei fixiert statt auf die Erfahrungen von Juden im Alltag. Aber dann spielte er doch ein paar Sätze von AfD-Chef Jörg Meuthen ein, der sich vom Anschlag in Halle distanzierte.

Talkrunde ohne AfD-Beteiligung  

Das hätte er auch lassen können. Denn wie seine Gäste klar machten, ist solchen Bekundungen nicht zu trauen. Die Partei habe sich nicht entschieden, wo sie die Grenze zum Rechtsextremismus ziehen solle, formulierte Mascolo fast diplomatisch. Friedman dagegen nahm den „Vogelschiss“-Vergleich von AfD-Mann Alexander Gauland zum Anlass festzustellen, dass der greise Fraktionschef nicht mehr Teil der „Grundeinstellung“ der Republik sei. 

Frankfurt: Möllner Rede im Exil unter Polizeischutz

Plasberg zitierte den Rat des Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung Felix Klein an die Juden, nicht überall und zu jeder Zeit die Kippa zu tragen. Der Widerspruch in der Runde war einhellig. Georg Mascolo fand, diese Aussage zieme sich nicht für den Mann. Friedman nannte das einen Offenbarungseid, Klein solle doch gerade dafür sorgen, dass alle Juden überall die Kippa tragen könnten. Uwe Dziuballa hat dagegen ein Projekt entwickelt: „Die Kippa bleibt“. Beim Auftritt in der Öffentlichkeit war er dann über die massive Polizeipräsenz „irritiert“. 

Womit die Rolle von Polizei und Justiz nochmal aufs Tapet kam. Mascolo wunderte sich, dass Kommentare auf Youtube nicht gelöscht würden, und mit Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius sprach endlich einmal ein namhafter Politiker aus, was längst klar ist. Die Schützer unserer Verfassung hätten eine „partielle Sehschwäche“ auf de rechten Auge, und der Verfassungsschutz unter seinem ehemaligen Leiter Hans-Georg Maaßen habe „keine Sensibilität für rechts“ gehabt. Kein Wunder, dass der NSU so lange morden konnte. 

Und weil sie die Rolle der Staatsschützer im Untersuchungsausschuss studieren durfte, will Janine Wissler auch das V-Mann-Wesen abschaffen und die Landesämter für Verfassungsschutz auflösen. Da wurde Frank Plasberg ganz nervös. Dabei bekam seine Sendung durch die Kommentare im Netz noch die – zum Teil unerfreuliche – Bestätigung: Denn dort demonstrierten einige selbst mit Klarnamen ihren Judenhass... 

Hart aber fair, ARD, von Montag, 14. Oktober, 21 Uhr. Im Netz: ARD Mediathek.

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