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„Friss oder stirb“: Die Explosion der Lebensmittelpreise ist für die FDP „freie Marktwirtschaft“

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Von: Tina Waldeck

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 „Hart aber fair“ vom 23. Mai 2022 in der ARD
„Hart aber fair“ vom 23. Mai 2022 in der ARD. (Screenshot) © ARD

Frank Plasberg und seine Gäste diskutieren bei „Hart aber fair“ die hohen Lebensmittel- und Spritpreise, die Inflation – und was dagegen getan werden kann und muss. Die TV-Kritik.

Berlin – Frank Plasberg schaut sich bei „Hart aber fair“ (ARD) das liebe Geld „durch das Brennglas“ an: „Tank und Einkaufswagen voll – Können sich das nur noch die Reichen leisten“? Anja Kohl (ARD-Börsenexpertin) findet dazu klare (wenn auch harte) Worte, während sich Gitta Connemann, (CDU-Bundestagsabgeordnete sowie Bundesvorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion) und Christian Dürr (FDP-Fraktionsvorsitzender) gegenseitig die Schuld in die Schuhe schieben.

Bodenständige Einblicke geben dagegen Jürgen Hinkelmann (Geschäftsführer einer Bäckereikette sowie Vizepräsident des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks) und Jens Diezinger (Erzieher und Vater von fünf Kindern): „Es ist hart, wenn am Ende des Geldes noch so viel Monat übrig ist.“

Hart aber fair (ARD): „Hier sind die neuen Preise: friss oder stirb“

Bei Brötchen wird Mehl, Öl und Butter gebraucht, Gas für die Öfen und Sprit, um sie auszuliefern, zählt Frank Plasberg bei „Hart aber fair“ auf. „Besonders die Molkereiprodukte sind deutlich unter die Decke gegangen“, fügt Jürgen Hinkelmann hinzu. Sie können oft gar nicht mehr nach besseren Preis im Einkauf fragen, sondern sind „einfach nur froh, wenn sie die Produkte überhaupt bekommen.“ Und wenn die Nachfrage für Produkte steigen, dann gehen auch die Preise hoch, erläutert Christian Dürr: „Das ist freie Marktwirtschaft“. Die zerstörten Lieferketten aus der Ukraine, der „Kornkammer von Europa“, sind gerade ein großes Problem. Wie teuer kann es noch werden?

„Hart aber fair“ mit Frank Plasberg (ARD)Die Gäste der Sendung
Christian DürrFDP-Fraktionsvorsitzender
Anja KohlARD-Börsenexpertin
Jens DiezingerErzieher, Vater von fünf Kindern
Gitta ConnemannCDU-Bundestagsabgeordnete
Jürgen HinkelmannBäckermeister, Vizepräsident des deutschen Bäckerhandwerks

Wir gehen in eine Dekade der Inflation“, beschönigt Anja Kohl die Situation nicht. Es kann nur der Versuch unternommen werden, „sie auf ein erträgliches Maß zurückzudrängen.“ In der Not muss der Staat den Menschen zur Seite stehen, plädiert Gitta Connemann bei „Hart aber fair“ (ARD) für „strukturelle, nicht nur punktuelle“ Entlastungen. Aber die Union redet da wie üblich nur und „leistet nichts“, findet Christian Dürr. Ihm ist es lieber, dass sie das Geld nehmen, das sie auch haben und dieses gezielt einsetzen, um kleine und mittlere Einkommen zu entlasten. Er wäre sofort dabei, „bei allem mehr zu machen“, aber „zur Verantwortung gehört eben auch, dass es bezahlbar ist.“ Überhaupt hatte die CDU „16 Jahre Zeit, jede Steuerreform der Welt zu machen“ und sie haben „null Komma nichts“ gemacht, wettert Anja Kohl und zustimmender Applaus kommt aus dem Publikum.

Hart aber fair (ARD): „Wir haben eine komplette Schieflage“

Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen strampeln sich ab, leisten viel und am Ende bleibt nichts davon in der Tasche: Jens Diezinger arbeitet Vollzeit als Erzieher in einer verantwortungsvollen Position, seine Frau in Teilzeit und sie haben beide noch einen Nebenjob (zusätzlich zu ihren fünf Kindern). Mit den Einnahmen kommen sie mit Einschränkungen gerade so über die Runden. Vor ein paar Jahren haben sie für einen Wocheneinkauf noch um die 90 Euro bezahlt: Aktuell sind es 140 Euro, erklärt er bei „Hart aber fair“ (ARD). In den Supermärkten beobachtet Jens Diezinger schon länger, wie ein Markt die Preise hoch setzt und alle anderen nachziehen.

„Hart aber fair“ vom 23. Mai 2022 in der ARD

Die Sendung in der Mediathek

Fakt ist: Der ganze Lebensmittelbereich wird von Discountern und Handelsketten kontrolliert, bringt es Anja Kohl bei „Hart aber fair“ (ARD) erneut auf den Punkt. Preiserhöhungsrunden, die von diesen angetrieben werden, dabei verdient der Bäckermeister nichts mehr am Brötchen und der Erzieher kann sich die Produkte nicht mehr leisten. Da fragt nicht nur sie sich: „Was passiert da eigentlich?“ Den Konzernen muss ihrer Ansicht nach viel mehr auf die Finger geschaut werden. Zudem kann es nicht sein, dass die Preise steigen, die Löhne aber nicht.

Wenn Deutschland das durchziehen würde, könnten sich alle auf eine „soziale Verelendung“ einstellen. Nach zwei Jahren einer Pandemie, die in China nach wie vor nicht im Griff ist, und einem Krieg in direkter Nähe sowie „einer Zentralbank, die komplett das Falsche tut“ und das unterlässt, was eigentlich ihre Aufgabe wäre: Nämlich die Preise stabil zu halten, redet sich Anja Kohl in Rage. Da fällt ihr Frank Plasberg kritisch ins Wort: Das mache die EZB ja nicht aus Bosheit, „sondern sie versuchen einen Spagat hinzukriegen zwischen den reichen und armen Ländern in Europa.“ Für eine Schuldenpolitik, die „momentan überhaupt kein Thema“ ist, lässt sich Anja Kohl nicht umstimmen, denn „die Gefahr einer Weltwirtschaftskrise“ ist doch schon deutlich in Sicht.

Hart aber fair (ARD): Was muss da schnell geschehen?

Jens Diezinger spricht sich deutlich für Lohnerhöhungen aus, um die Inflation wenigstens etwas auszugleichen und Christian Dürr würde gerne bei der Einkommensteuer ein „Tarif auf Rädern“ einführen, das sich der Inflation flexibel anpassen könnte: „Das wäre schon fast eine Revolution in Deutschland“. Anja Kohl wäre dafür, die Mehrwertsteuer auf Nahrungsmittel aussetzen, damit lebensnotwendige Dinge erschwinglich bleiben und schon alleine eine Senkung der Mehrwertsteuer würde zumindest Jürgen Hinkelmann gerne „eins zu eins“ an seine Kunden weiter geben.

Studenten, Rentner, große Familien: „Es werden die Falschen jetzt noch mal mehr belastet.“ Er hat über 600 Beschäftigte in seinen Betrieben: Im Juni wird er da die Löhne ein Stück erhöhen, so weit es für sie aktuell tragbar ist. „Sonst geht die soziale Schere auseinander“ und das ist seiner Meinung nach „der komplett falsche Weg.“ Und nicht nur Frank Plasberg lässt diese soziale Aussage widerstandslos als Schlusswort stehen. (Tina Waldeck)

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