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Quer durch Deutschland sammelt „hart aber fair“ vor der Bundestagswahl die Fragen der Menschen zum Thema Klima.
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Quer durch Deutschland sammelt „hart aber fair“ vor der Bundestagswahl die Fragen der Menschen zum Thema Klima.

TV-Kritik

Hart aber fair (ARD): Hitzige Debatte über Lastenfahrräder und Klimawandel

  • Tina Waldeck
    VonTina Waldeck
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Frank Plasberg meldet sich aus der Sommerpause zurück mit dem Thema: Klimaschutz im Bürger-Check: Welcher Partei kann man vertrauen?

Berlin - Der Klimawandel war lange abstrakt und weit entfernt. Doch nun haben die Überschwemmungen in den deutschen Regionen betroffen gemacht. Ist es etwas anderes, wenn die Unglücke in der Nachbarschaft passieren? Svenja Schulze, Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (SPD) war selbst vor Ort und hat das Leid der Menschen gesehen, die ihr Hab und Gut verloren haben. In den nächsten Jahren muss sich unbedingt etwas ändern, damit solche Geschehnisse nicht öfters vorkommen.

Pauline Brünger, Klimaaktivistin sowie Studentin der Politikwissenschaften, Philosophie und Volkswirtschaftslehre, wirft ein, dass die regierenden Parteien da in den letzten Jahren nicht besonders viel erreicht haben. Es wird gerne verschwiegen, wie groß die Krise eigentlich ist und wie hoch die Opfer eigentlich sein müssten: Was wird es am Ende jeden einzelnen Menschen kosten und wäre der Preis einer bedachten Rücksichtnahme auf die Natur im Vorfeld nicht geringer? Wie können Veränderungen hier so gestaltet werden, dass Menschen sie nicht als Verzicht empfinden?

Hart aber fair (ARD): „Klimawandel kann doch auch Spaß machen“

Die einzelne Person darf kein Steak mehr essen, nicht mehr in Urlaub fahren, kein Plastik mehr kaufen, zählt Pauline Brünger auf. Das sind alles Einschränkungen in der individuellen Gestaltung des Lebens, die in den Köpfen nicht viel außer Trotz bewirken. Es bringt nichts, den Menschen mit Verzicht Angst zu machen, stimmt auch Markus Blume, Generalsekretär der CSU, zu. Der Klimawandel ist da und bei allen, die das Verleugnen ist, – auf gut Bayrisch – Hopfen und Malz verloren. Eine andere Welt wird kommen. Aber muss das mit Askese einhergehen? Klimawandel kann doch auch Spaß machen. Da unterbricht ihn Pauline Brünger schnell: Es muss ein ernsthafter Wandel sein, – das hat nun auch nichts mit Spaß zu tun!

Cem Özdemir, Vorsitzender im Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur (Bündnis 90/Die Grünen) ist mit 17 Jahren Vegetarier geworden, drängt aber niemanden den Verzicht von Fleisch auf. Trotzdem kann er eine Politik machen, die danach ausgerichtet ist, dass im Laden Fleisch liegt, welches von artgerecht gehaltenen Tieren kommt und die Bauern angemessen bezahlt werden. Als Politiker führt er den Job aus, während sich die Bürgerinnen und Bürger mit ihren individuellen Entscheidungen dafür oder dagegen entscheiden können. Wenn das Thema Klimaschutz schon ernst genommen werden soll, dann würde er sich einen parteiübergreifenden Konsens wünschen. Also ehrlich sagen: Alle Parteien wollen eigentlich den CO2-Preis erhöhen.

Hart aber fair (ARD): Sprit wird (noch) teurer werden

Anders geht es auch gar nicht. Doch die Menschen können sich jetzt schon kaum den Sprit leisten. Auch wenn Autofahren damit unattraktiver werden soll, sollen die Systeme natürlich trotzdem weiter funktionieren. Daher gilt es nun für die Politikerinnen und Politiker, den Klimaschutz so zu gestalten, dass es sozial vonstattengehen kann, bekräftigt Svenja Schulte bei „hart aber fair“ (ARD). Eine langsame Steigerung soll es also werden, damit sich alle darauf einrichten können: Sprit wird (noch) teurer werden. Also wird es sich lohnen, sich für die Zukunft ein sparsames Auto zu kaufen. Es wird sich lohnen, auf Elektromobilität umzusteigen.

Genau solche Fragen der Weiterentwicklung muss die Politik sich stellen, stimmt auch Michael Hüther, Wirtschaftswissenschaftler sowie Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln zu. Welche alternativen Lösungen kann es geben? Ein Ausbau der Zugverbindungen sowie die Überprüfung, ob stillgelegte Strecken wieder reaktiviert werden können? Cem Özdemir ist in Bad Urach in der Schwäbischen Alb geboren worden, zu einer Zeit, wo die Eisenbahnstrecke gerade still gelegt wurde, weil die Menschen mit dem Auto fahren sollten. Eine politisch fatale Entscheidung. Mittlerweile ist die Eisenbahn wieder in Betrieb, weil verrückte Leute wie er sich dafür eingesetzt haben. Die Politik muss den Rahmen eben anders setzen.

Hart aber fair (ARD): 1.000 Euro für ein Lastenfahrrad

Aber auch in Zukunft muss Platz sein für eine individuelle Mobilität, erklärt Markus Blume. Wie soll aus dem ländlichen Raum eine Krankenschwester sonst zu ihrer Arbeit in die Stadt kommen, wenn keine andere Option da ist? Sind hier E-Autos und E-Bikes eine Option? Er hat auch die aktuelle Diskussion über die Pläne von Zuschüssen über 1.000 Euro innerhalb der nächsten vier Jahre für Lasten-Fahrräder in Privathaushalten aufmerksam verfolgt. Ist dies nur etwas für die grüne Boheme in den Großstädten? Und es kommt auch darauf an, wo der Strom für die E-Bikes am Ende herkommt, bringt sich Michael Hüther wieder ein.

Es können noch so viele Elektroautos gefahren werden, wenn der Strom so bleibt hat die Menschheit nicht viel gewonnen. Dann ist vielleicht unsere Moral beruhigt, aber das Klima am Ende nicht geschützt. 80 % der Energieproduktion in der ganzen Welt generieren sich immer noch aus fossiler Energie. Die Stromproduktion muss sich schneller auf erneuerbaren Energien ausrichten. In der Wüste große Solaranlagen bauen? Zumindest soll ein guter Innovationswettbewerb entstehen, um geeignete Systeme zu finden und ein gutes Vorbild für andere Länder zu werden.

Hart aber fair vom 23. August 2021 im ErstenDie Gäste
Svenja Schulze, SPDBundesumweltministerin
Markus Blume, CSUGeneralsekretär
Cem Özdemir, B‘90/GrüneBundestagsabgeordneter, Ausschussvorsitzender Verkehr und digitale Infrastruktur
Pauline BrüngerSprecherin von Fridays For Future
Michael HütherWirtschaftswissenschaftler, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln)

Nicht so einfach, denn Deutschland wird in diesem Jahr die gesetzten Klimaziele verfehlen. Und auch im letzten Jahr sind sie nur wegen der Corona-Pandemie eingehalten worden, rechnet Pauline Brünger vor. Der Weltklimarat fasst hier regelmäßig den aktuellsten Stand zusammen. Für diese Bilanz hat keine der Parteien ein gelungenes Konzept, befindet sie und würde sich wünschen, das jede Partei speziell ein eigenes Klimawahlprogramm vorlegen würde.

Die Parteien haben ja bereits Konzepte, die Menschen müssen nur dafür gewonnen und davon überzeugt werden, befindet wiederum Michael Hüther. Viele wollen sich zwar für den Klimaschutz engagieren, aber auf dem Weg nicht ihre Arbeit, ihr Einkommen oder ihre Sicherheit verlieren. Da spielen noch mehr Faktoren hinein, die sich alle gegenseitig beeinflussen und die keine Partei außer Acht lassen sollte. Warum hat sie selbst eigentlich keine Partei gegründet, fragt er die 19-Jährige fast provozierend, dann hätte sie doch genau diese Forderungen in die Wege leiten können.

Hart aber fair (ARD): Kann ein Tempolimit helfen?

Doch Pauline Brünger setzt lieber auf demokratische Proteste und Demonstrationen: Der große Wandel passierte schon immer auf der Straße. Am 24. September, zwei Tage vor der Bundestagswahl 2021, wollen sie mit Fridays for Future wieder in die Öffentlichkeit. Es gibt hier viele, die überhaupt noch keine Wahlberechtigung haben, aber das, was die Bundesregierung in der nächsten Periode entscheidet, wird auch über ihre Zukunft entscheiden.

Cem Özdemir kommt ihr bei „Hart aber fair“ (ARD) zur Hilfe: Eigentlich sollten sie alle stolz sein, dass in diesem Land Jugendliche sind, die sich aktiv für ihre Zukunft einsetzen. Die Jugend fordert die Politik auf, ihren Job zu machen. Und sein Job als Parlamentarier ist es, dafür zu sorgen, so viel wie möglich mit bestem Wissen und Gewissen umzusetzen. Leider wird es dabei immer Kompromisse geben, wie mit der CDU/CSU, wo Markus Blume dagegen hält, dass Klimaschutz auf dem Weg zwar extrem wichtig, aber doch eben nicht das einzige Thema ist und schon gar nicht um den Preis einer Deindustrialisierung. Sie können die Arbeitsplätze erhalten durch Innovation, dann haben sie vielleicht ein Modell für die ganze Welt und einen Exportschlager, aber nicht auf Kosten der sozialen Stabilität oder um Millionen Arbeitsplätze zu riskieren.

Kann nicht auch das Tempolimit auf einfachem Wege zum Klimaschutz beitragen? Erneut erklärt Markus Blume ganz klar, dass es auch hier für ihn und seine Partei ganz andere Dinge gibt, die es zu stärken gilt. Sie wollen das nicht durchsetzen: Der Beitrag, den ein Tempolimit zum Klima leisten kann, ist minimal. Zwei Millionen Tonnen CO2 könnten dadurch eingespart werden, das entspricht dem kompletten innerdeutschen Flugverkehr, regt sich Cem Özdemir auf. Das könnte man sofort machen und dadurch auch den Verkehr flüssiger gestalten. Die Gewerkschaft der Polizei in NRW wäre dafür. Selbst der ADAC. Das ist ein kostenloses und gut anwendbares Hilfsmittel und dann blockieren sie das, versteht es auch Pauline Brünger nicht.

Zur Sendung

Hart aber fair vom 23. August 2021. Zur Sendung in der ARD-Mediathek.

Nicht nur CDU/CSU, sondern auch bei der SPD sieht sie keine guten Konzepte, sondern nur Plattitüden, als wäre das alles kein Problem und würde sich schon wieder in gewohnte Bahnen lenken. Klimaschutz ist preiswerter als die Auswirkungen des Klimawandels. Wir sehen doch gerade die Auswirkungen der Flutkatastrophe, kommt Cem Özdemir darauf zurück. Das CO2 in der Atmosphäre bleibt, egal wie sich alle in den nächsten Jahren anstrengen: Der Unterschied wird sein, wie engagiert sie vorgehen, um es halbwegs beherrschbar zu machen. Nicht nur in Deutschland: Auch Flutkatastrophen, Ernteausfälle und Dürren in der ganzen Welt sind ein Thema und welche Auswirkungen das auch auf die Immigration haben wird. Es ergibt Sinn, alle Möglichkeiten einzusetzen, um die Wirtschaft zu dekarbonisieren, also runter mit dem CO2 und dafür zu Sorgen, das gleichzeitig ein starker Industriestandpunkt bleibt.

In den letzten Jahren wurde hier viel verpennt und jedes weitere Jahr bedeutet, das es später mehr kosten wird. Da rät er als Schwabe absolut nicht dazu und sein Gesicht verdeutlicht, das er dies auch genauso ernst meint, wie es sich Pauline Brünger zuvor gewünscht hat. Im Vorfeld zu investieren erspart einen die höheren Kosten hinterher zum Ausgleichen der Schäden, bekräftigt diese. Wir sind die Menschen, wir müssen von der Politik einfordern, was wir erwarten. Diese Erwartungen können die Bürgerinnen und Bürger am 26. September zum Ausdruck bringen: Ob nun dem original grün, dem neu-grün oder dem immergrün, wie Frank Plasberg es bei „hart aber fair“ (ARD) so schön am Ende philosophisch formuliert. Welche Partei bis dahin genug grüne Authentizität aufgebaut hat, um das Vertrauen der Wählerinnen und Wähler zu bekommen, wird sich zeigen. (Tina Waldeck)

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