„Hart aber fair“ zum Thema: „Wir Ostdeutsche, wir Westdeutsche: Wie groß ist die Kluft wirklich?“
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„Hart aber fair“ zum Thema: „Wir Ostdeutsche, wir Westdeutsche: Wie groß ist die Kluft wirklich?“

TV-Kritik

„Hart aber fair“ (ARD): Diskussion über Neonazis im Osten -Frank Plasberg kontert die AfD

  • Tina Waldeck
    vonTina Waldeck
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Dreißig Jahre deutsche Einheit: Frank Plasberg diskutiert bei „Hart aber fair“ (ARD) zusammen mit seinen Gästen das Thema „Wir Ostdeutsche, wir Westdeutsche: Wie groß ist die Kluft wirklich?“

  • Bei „Hart aber fair“ mit Frank Plasberg (ARD) geht es um das Thema Ost und West.
  • Moderator Frank Plasberg diskutiert in der ARD: „Wir Ostdeutsche, wir Westdeutsche: Wie groß ist die Kluft wirklich?“
  • Eine Kluft zeigt sich auch in den Ansichten der Diskussionrunde bei Frank Plasberg.

Frankfurt - Beim Thema der Sendung „Wir Ostdeutsche, wir Westdeutsche: Wie groß ist die Kluft wirklich?“ kommt der Diskurs bei Frank Plasberg mehr als einmal vom Weg ab und bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen den Problemen der Vergangenheit und der Gegenwart.

„Hart aber fair“ (ARD): Hubertus Heil möchte bei Frank Plasberg in die Zukunft blicken

Nikolaus Blome, Leiter des Ressorts für Politik und Gesellschaft bei RTL Deutschland, zeigt sich überrascht, wo dieser Unmut und die negative Sicht eigentlich herkommen. An sich ist die Einheitsgeschichte doch ein Glücksfall und eine Erfolgsgeschichte an sich. Der Blick eines Westdeutschen? Angela Brockmann ist Geschäftsführerin eines Unternehmens für Blockheizkraftwerke in Magdeburg, also eine erfolgreiche ostdeutsche Geschäftsfrau, die ebenfalls in dem 03. Oktober 2020 einen Tag zum Feiern sieht. Die Kluft zwischen West und Ost wird aus ihrer Sicht immer kleiner. Sie selbst hat eine beeindruckende Karriere im Kapitalismus gemacht und viele Ideen erfolgreich umgesetzt.

Es mag hart gewesen sein, aber man kann auf diesem Weg auch stolzer auf sich sein, als wenn es leicht gewesen wäre. Viele Menschen haben sich so glücklich ihre Freiheit in Ostdeutschland erkämpft, stimmt auch Hubertus Heil, Bundesminister für Arbeit und Soziales aus der SPD, ihr bei Frank Plasberg zu. Aber viele sind auch immer noch geprägt von der Zeit nach der deutschen Einheit, wo sie eine grundlegende Verunsicherung erlebt haben. Ganze Industrien lagen damals brach und mussten neu ausgerichtet sowie Dinge anders erlernt werden. Trotzdem möchte er den Blick weg von der Vergangenheit und mehr auf die Gegenwart richten, wie zum Beispiel auf die jüngeren Generationen, die erfolgreich sind, weil sie gerade durch die Situation gelernt haben, flexibler zu sein.

„Hart aber fair“ (ARD): Hubertus Heil und Katja Kipping sind sich einig

Von Frank Plasberg wird hier die Kluft bei den Löhnen angesprochen. Warum verdienen die Beschäftigten in Ostdeutschland immer noch weniger? Trägt das zu dem Frust bei? Hier sind sich Hubertus Heil und Katja Kipping, Parteivorsitzende der Partei DIE LINKE, einig: Man sollte solche sozialen Barrieren einreisen und sich mit den andauernden aktuellen Tarifkämpfen im Osten des Landes solidarisch zeigen: Bei dreißig Jahren nach der Wiedervereinigung kann man fordern, das im Osten und im Westen Deutschlands – wenigstens annähernd! – die gleichen Löhne gezahlt werden.

Eigentlich sollte es als Selbstverständlichkeit angesehen werden, so Katja Kipping, alles, auch dies, zu vereinheitlichen. Und auch nicht mehr in der Kommunikation einen Unterschied zwischen Ost und West zu machen, denn dies allein baut Grenzen wieder auf. Gegenseitiger Respekt für die Arbeit des anderen: Alle sollten die gleichen Löhne bei gleicher Eignung und Leistung bekommen und keine Unterschiede gemacht werden, nur weil der Standort innerhalb von Deutschland ein anderer ist. Auch René Springer, AfD Bundestagsabgeordneter aus dem Land Brandenburg, stimmt hier zu: Vernünftige Qualifikation sollten auch vernünftig bezahlt werden.

Immer noch sind auch nur wenige Ostdeutsche in Führungspositionen. Frank Plasberg führt Statistiken und Quoten auf und muss dazwischen immer wieder private Gefühle, Befindlichkeiten und Auseinandersetzungen unterbrechen, damit die Diskussion nicht ganz den Fokus verliert. Nikolaus Blome bringt ins Spiel, ob die Herkunft und solche Statistiken denn wirklich noch so wichtig sind: Oft merkt man es in den jüngeren Generationen doch fast gar nicht mehr. Wer wird denn da überhaupt noch als „Ossi“ oder als „Wessi“ geführt? Wenn man im Osten geboren ist, dann umzieht und 20 Jahre im Westen wohnt, wechselt der Mensch dann vom „Ossi“ zum „Wessi“? Auch René Springer hält solche Statistiken generell nicht für sinnvoll: Damit will man nur die Seele der Ostdeutschen streicheln, um zu zeigen, dass es besser wird. Aber Probleme lösen sich damit auch nicht.

„Hart aber fair“ (ARD) mit Frank Plasberg: Neonazis gibt es auch im Westen

Auch die Statistik der AfD-Wählerschaft, die im Osten aktuell höher ist, wird von Frank Plasberg ins Spiel gebracht. Baut dies in den Köpfen wieder eine Mauer und damit neue Grenzen auf? Das Wahlverhalten liegt oft an der Infrastruktur, so Nikolaus Blome. Wie gut man sich versorgt fühlt: Es gibt in vielen Gegenden Menschen, die aus solchen Gründen die AFD wählen. Für eine Veränderung. Aber dies passiert nicht nur in Ost-, sondern auch in Westdeutschland. Und auch in den Neunzigerjahren gab es schon viele Neonazis im Osten, erklärt Katja Kipping.

Abstiegsängste und soziale Verunsicherungen machen anfälliger für das Treten nach unten, um die eigene Position zu gewährleisten. Verdrängte Sorgen kommen irgendwann als Traumata wieder nach oben, die versucht werden zu verarbeiten. Das macht sich erst nach Jahren bemerkbar. Auch René Springer stimmt zu, das solche strukturellen Probleme nicht nur im Osten, sondern auch im Westen ihre Kreise ziehen und somit zu einem flächendeckenden Problem werden. Gerade der Mittelstand erlebt massive Einbußen und so sei es verständlich, dass sich die Menschen Sorgen machen. Auch Angela Brockmann unterstreicht dies. Es ist ein Problem, das ganz Deutschland betrifft und aus den jeweiligen individuellen Situationen begründet ist: Habe ich keinen Job und bin generell unzufrieden mit meinem Leben, ist der Nährboden für eine Veränderung, wie auch immer ausgerichtet, größer.

„Hart aber fair“ (ARD): Der Fall Christian Lüth wiederholt sich bei Frank Plasberg regelmäßig

Auf die fristlose Kündigung des ehemaligen AfD-Pressesprechers Christian Lüth muss Frank Plasberg mit dessen Aussage „Je schlechter es Deutschland geht, desto besser für die AfD“, ebenfalls noch eingehen. René Springer reagiert hier, wie aktuell viele der Parteimitglieder, energisch: Menschen, die sich so wie Lüth äußern, haben auch bei ihnen nichts zu suchen. Irrläufer gibt es immer. Fast schon zynisch kontert Frank Plasberg, das in der AfD solche Einzelfälle in einem regelmäßigen Rhythmus auftreten. Auf den Punkt bringt es dabei Hubertus Heil, als er es schade findet, dass man bei dem Thema über die dreißigjährige Einheit auch so viel über die AfD sprechen muss. Aber man könne so etwas auch nicht verniedlichen, denn in dieser Aussage stecke viel Hass gegen Deutschland insgesamt. Ein weiterer Versuch, gesellschaftliche Gruppen aufzustacheln und das Negative hervorzuheben, anstatt sich in der Kommunikation an einen Tisch zu setzen und gemeinsam daran zu arbeiten, dass es in Deutschland allen gut gehen kann.

Vielleicht hätte man sich diese Aussage als Schlusswort bei „Hart aber fair“ gewünscht und fragt sich, warum Frank Plasberg seinen Gästen zum Abschluss noch die Aufgabe erteilt, mit einer Person aus der Runde die Rollen zu tauschen. Um in den Schuhen des jeweiligen anderen den individuellen Blick auf die Einheit, auf Ost oder West, noch mehr zu verstehen? Auch hier sind die Ausrichtungen interessant, denn nicht alle seine Gäste entscheiden sich mit ihren jeweiligen Interessen aus der Motivation heraus, von dem anderen zum Beispiel etwas zu lernen, sondern teils auch, um den anderen damit zu diskreditieren – und das zeigt am Ende noch einmal schön das Problem mit den Kluften per se.

Zur Sendung: Hart aber fair, Thema: „Wir Ostdeutsche, wir Westdeutsche: Wie groß ist die Kluft wirklich?“ 28.09.2020 (ARD). Die Sendung in der ARD-Mediathek.

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