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Dirk Neubauer bei Frank Plasberg
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Bürgermeister Dirk Neubauer bei Frank Plasberg: „Endlich mal über die Mehrheit im Osten reden“

TV-Kritik

„Hart aber fair“: Bürgermeister aus Sachsen nutzt die Bühne, CSU-Mann nicht

  • VonMirko Schmid
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Frank Plasberg lädt zu „Hart aber fair“ in die ARD, ein Bürgermeister aus Sachsen und ein Welt-Journalist nutzen die Bühne. CSU-Generalsekretär Blume nicht. Die TV-Kritik.

Na bitte, es geht doch. Wahlen gewinnen, die AfD im Zaum halten, den Grünen die Blütenträume austreiben – all das hat dieser Armin Laschet bei der Bundestagswahl geschafft. Sagt Frank Plasberg. Und verbessert sich, getreu dem Titel seiner Sendung, „Hart aber fair“. Ups, kleine Verwechslung, sagt Plasberg, Haseloff heißt der Mann – und sein Land Sachsen-Anhalt. Der Plot ist gesetzt: hier der strahlende Held Reiner Haseloff, da der blasse Trittbrettfahrer Laschet.

Und, so viel sei verraten, trotz eingespielten Schlagzeilen wie „Wahlgeschenk für Laschet, Laschet besteht Feuerprobe und Rückenwind für Armin Laschet“ bleibt irgendwie nichts des Erfolgs des sachsen-anhaltinischen Landesvaters am Kanzlerkandidat der CDU hängen. Grundsätzlich nicht und auch in keinem der Redebeiträge bei „Hart aber fair“. Was auch daran liegen mag, dass die Union ausgerechnet von Markus Blume vertreten wird. Der ist qua Amt als CSU-Generalsekretär zweibeiniges Sprachrohr des selbsternannten Kanzlerkandidaten der Herzen namens Markus Söder.

Allerdings schält sich schnell heraus, dass weder der Längenvergleich zwischen Söder und Laschet noch die Frage, ob Haseloff dank oder einfach nur trotz seines Bundesparteivorsitzenden die ungeliebte AfD (gemessen an den schlimmsten Befürchtungen) klein halten konnte an diesem Abend in der ARD zentral verhandelt wird.

„Hart aber fair“ (ARD): Bürgermeister Neubauer hat bei Frank Plasberg einiges zu sagen

Stattdessen beginnt die Einkreisung des Elefanten im Raum: Warum eigentlich wählen so viele Menschen im Osten eine Partei, die als extremistischer Verdachtsfall vom Verfassungsschutz beobachtet wird? Sind das alles Nazis? Oder nur falsch verstandene Seelchen, die sich abgehängt fühlen? Wie es nun einmal so ist im Leben – und gerade in postfaktischen Zeiten – gibt es auf diese Frage mehrere Antworten.

Da ist die Meinung von Dirk Neubauer. Der ist Bürgermeister im sächsischen Städtchen Augustusburg, parteilos und mit rund 70 Prozent dort wiedergewählt, wo die AfD besonders stark ist. Außerdem war er kurz in der SPD, um sich schnell wieder in die Parteilosigkeit zu flüchten. Grund dafür? Verbiegen will er sich nicht lassen, keine „hohen Preise für Regierungsbeteiligungen“ zahlen, sich nicht verkaufen. Das klingt so knackig, dass „der Bürgermeister“, wie ihn CSU-General Blume beharrlich nennt, glaubhaft bleibt. Und das, obwohl ihm seine Augenbraue auffällig oft in zur Schau getragener Skepsis in höhere Regionen entgleist.

„Hart aber fair“: Sascha Lobo und Robin Alexander überzeugen in der Diskussion

Denn er hat durchaus einiges zu sagen, dem eine gewisse Plausibilität innewohnt. Erklären kann er, warum so viele junge Menschen im Osten der qua Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt und Thüringen zum extremistischen Verdachtsfall für Deutschland erklärten Partei der Höckes und Kirchners folgen. „Vererbte Verletzungen“ nämlich trieben die jungen, zumeist männlichen Ostdeutschen in die Arme der Partei mit den einfachen Antworten auf komplexe Problemstellungen und das Gefühl des Abgehängtseins.

Dirk Neubauer bei „hart aber fair“ (ARD): „Ich gehe halt hin, um meine Position klarzumachen“

Was man dagegen tun könne? Bürgermeister Neubauer skizziert seine Lösung: Bodenkontakt wahren und in klaren, verständlichen Hauptsätzen zu und vor allem mit den Menschen reden. Auch mit Querdenkenden. Weit weg wäre er von deren Meinung, sagt Neubauer, aber trotzdem gehe er halt hin. Überrascht seien die Leute dann: „Der redet ja mit uns“. Griffig fasst der Augustusburger zusammen: „Ich geh da ja nicht hin, und versuche denen irgendwie einzureden, dass wir jetzt eine große Familiy sind. Aber ich gehe da hin, um meine Position klarzumachen und um klarzumachen, dass ich sie wahr- und ernst nehme.“

Klingt fast schon gut, CSU-Blume will aufs Trittbrett und lobt seine Partei völlig frei von Scham dafür, sich ja das Motto „näher bei den Menschen“ ans Logo geheftet zu haben. Volksnähe CSU-Edition quasi. Es klingt durch: Wir, die Wichtigen, gehen zwar nicht hin zu den Menschen, aber wir sagen, dass uns das eigentlich doch wichtig ist. Okay.

„Hart aber fair“: Sascha Lobo und Robin Alexander punkten mit Sachlichkeit

Mitten in all diese Wir-sind-das-Volksversteherei platzt Kolumnist Sascha Lobo mit einer einleuchtenden Punchline: Die Taktik mit allen zu reden, so Lobo, mag im Kleinen ja ganz interessant sein, im größeren Zusammenhang aber ziehe er die „Methode Haseloff“ vor. Diese sei „das Gegenteil zu mit allen reden“. Denn: „Das ist an bestimmten Stellen einfach sagen: Wir können bis hierhin diskutieren und ab da diskutieren wir in einer Demokratie eben nicht mehr.“

„Hart aber fair“ mit Frank Plasberg

„Die Union kann noch gewinnen: Was heißt das für den Herbst?“, ARD, von Montag, 7. Juni, ab 21 Uhr. Im Netz: ARD Mediathek.

Hier kommt Robin Alexander, stellvertretender Chefredakteur der Welt und Welt am Sonntag, ins Spiel. Haseloff habe gezeigt, dass beides funktioniere. „Klare Kante“ gegen die AfD bei gleichzeitiger Übernahme von Positionen derer, die sich von der Demokratie abwenden. Gegen das Gendern sein, gegen die Corona-Politik der Bundesregierung. Alexander, der an diesem Abend den coolsten, weil rationalsten Auftritt abliefert, will Haseloff damit weder in Schutz nehmen noch bloßstellen. Vielmehr entblößt er den immer wieder fast schon als Antifaschisten abgefeierten CDU-Ministerpräsidenten auf sachlicher Ebene als knallharten Opportunisten.

Grünen-Vizechefin Ricarda Lang gibt bei Frank Plasberg in der ARD keine gute Figur ab

Immer wieder einmal versucht sich Ricarda Lang darin, eigene Pointen zu setzen. Die stellvertretende Bundesvorsitzende der Grünen verhaspelt sich dabei aber immer wieder in quälend akademisch-verschachtelten Ausschweifungen. Ihre Lieblingsvokabel an diesem Abend: „Daseinsfürsorge“. Das klingt so frisch, jugendlich und nah bei den Menschen, dass sie selbst von Welt-Vizechef Alexander zu hören bekommt: „Sie denken wirklich, dass das Wort Daseinsfürsorge der Bringer bei Jungwählern ist?“ Sascha Lobo sekundiert: Dieses Wort habe er „außerhalb des politischen Betriebs“ noch nie gehört. Also „wirklich noch nie“.

Lang, mit 27 Jahren die jüngste Teilnehmerin der Runde, versucht nun eifrig, ihre gestanzten Worthülsen aus der Mottenkiste politischer Rhetorik zu entstauben – zu spät. Sie hat wahrlich nicht ihren besten Auftritt an diesem Abend. Auch wenn sie einmal nicht zwischen Neubauers Lokalkolorit und Alexanders Souveränität zerrieben wird, kommt sie mit ihren Botschaften nicht durch. Zur Verliererin des Abends wird sie allerdings nicht.

„Hart aber fair“ in der ARD: CSU-Generalsekretär Markus Blume Verlierer des Abends

Denn diesen Titel beansprucht der heute bei Frank Plasberg erschreckend farb- und inhaltslose CSU-Phrasendrescher Blume dann doch für sich. Teilweise bis hart an die Grenze zur Fremdscham leiert er zwischen wenig glaubwürdiger und auch im Ton äußerst schmaler Unterstützung für Armin Laschet und einer nur oberflächlich unterdrückten Enttäuschung darüber herum, in diesen Tagen nicht den Wahlkampf eines Kanzlerkandidaten Söder leiten zu dürfen.

Zu Gast bei Frank PlasbergAusgabe vom 7. Juni 2021
Dirk NeubauerBürgermeister von Augustusburg (Sachsen)
Ricarda LangStv. Bundesvorsitzende die B.'90/Die Grünen
Markus BlumeGeneralsekretär CSU
Robin AlexanderStv. Chefredakteur Welt
Sascha LoboKolumnist und Autor

Hingewiesen darauf, dass seine Union die Grünen für eine Benzinpreiserhöhung um 16 Cent bis 2023 bei gleichzeitigem Ausgleich für weniger gut Verdienende kritisiert, obwohl im eigenen Koalitionsvertrag auf Bundesebene eine Erhöhung von 15,5 Prozent bis 2025 zu finden ist, „kontert“ Blume mit der ja so gänzlich anderen Zeitspanne. Robin Alexander, als Welt-Vizechef wohl eher bei Blume als bei Lang erwartet, stutzt den CSU-General daraufhin komplett zusammen und bescheinigt den Grünen ein glaubwürdigeres und schlüssigeres Benzinpreis-Konzept als der Union.

Dem kann anschließend selbst die Vize-Chefin der Grünen wenig hinzufügen. Gerne wird sie die Feststellung Alexanders vernommen haben, wonach Annalena Baerbocks verspätet gemeldete, aber doch voll versteuerte Nebeneinkünfte eine „Eselei“ gewesen seien. Das sei aber nicht mit der „Korruption“ zu vergleichen, welche von Unionsabgeordneten mit dem Ankauf von Masken getrieben wurde. Vielleicht hätte es Ricarda Lang einfach dabei belassen sollen.

Bürgermeister Neubauer bei „hart aber fair“ entwaffnend: „Endlich über die Mehrheit im Osten reden“

Trotz dieser feinen Vorlage bringt es Lang – die sich schon zuvor zwischen den Zeilen vorwerfen lassen musste, mit dem Politikbetrieb verschmolzen zu sein – nämlich wirklich fertig, völlig schmerzfrei zu sagen: „Lobbyismus ist ein wichtiger Teil der Demokratie.“ Ihre anschließenden Relativierungen dringen nicht mehr wirklich durch, zu falsch klingt dieser Satz aus dem Mund einer Spitzengrünen. Ähnlich falsch: „Natürlich arbeiten wir mit Lobbyisten zusammen. Ich bin gar kein Fan davon, Lobbyismus als etwas Böses darzustellen.“

Besser macht es Bürgermeister Neubauer. Dessen denkwürdigste Passage, noch im ersten Abschnitt dieser Ausgabe von „Hart aber fair“ gefallen, ist so simpel wie entwaffnend: „Es wäre schön, wenn wir mal über die Mehrheit im Osten reden würden. Wir reden immer über die 20 Prozent, die dieses merkwürdige Kreuz machen.“ (Mirko Schmid)

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