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Freudiges Ministerinnen-Bashing bei „Hart aber fair“

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Von: Teresa Schomburg

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Bei Frank Plasberg geht es ausnahmsweise mal nicht um den Krieg in der Ukraine.

Berlin – Den „Beginn eines schwarz-grünen Jahrzehnts“ ist Frank Plasberg versucht anzukündigen angesichts des Wahlergebnisses in NRW. Die fünf Debattierenden in seiner ARD-Runde wirken erleichtert, endlich wieder einmal über etwas anderes als über den Ukraine-Krieg reden zu können.

Da wird gewitzelt, gelacht, doch im Hintergrund schwingt die Frage mit: Wie angebracht ist es zur Zeit, ausführlich über Lokalpolitik zu reden? Schon schnell stellt sich allerdings heraus, dass es an diesem Abend um etwas anderes geht: Um die Frage nach dem richtigen Stil in der Politik nämlich.

„Hart aber fair“ (ARD): Frank Plasberg nennt Kevin Kühnert einen „stinknormalen Generalsekretär“

Den soll Kevin Kühnert jedenfalls ordentlich verpatzt haben, als er am Wahlabend sagte, auch die SPD könne trotz deutlicher Niederlage durchaus noch die Regierung stellen, Umfragen hätten immerhin gezeigt, dass eigentlich Rot-Grün die Wunschkoalition sei. „Was war falsch an diesen Aussagen?“, will der genervt und wenig einsichtig wirkende SPD-Generalsekretär von der empörten Runde wissen. Aber warum reitet die auf diesem Punkt eigentlich so lange herum? Frank Plasberg poltert, er habe am Wahlabend einen „stinknormalen Generalsekretär“ gesehen, aber „kein prägendes Element für einen neuen Politikstil“. Journalist Michael Bröcker, Chefredakteur der Media Pioneer GmbH, stimmt mit ein, das sei „die alte Schublade Politik“ und „das wollen wir nicht mehr hören“. Wobei man sich spätestens hier fragt, ob auch ein neuer Journalismus-Stil dazu beitragen könnte, dieses Ziel zu erreichen.

Die Talkrunde bei Frank Plasberg vom 16. Mai 2022.
Die Talkrunde bei Frank Plasberg vom 16. Mai 2022. (Screenshot) © ARD

Frank Plasberg schwenkt nun mit Hilfe eines Einspielers zum Thema Bundespolitik über: Olaf Scholz verspricht nach der gewonnenen Wahl zur künftigen Arbeit der Ampel-Koalition: „Es wird nicht knallen. Das wird eine andere Regierung sein.“ Wohin der „Zauber“ dieses Anfangs verschwunden sei, fragt der ARD-Moderator bei „Hart aber fair“? Doch auch das ist offenbar keine gute Einladung zu einer gehaltvollen Debatte „Ich weiß gar nicht, was so falsch ist an dem, was Olaf Scholz damals gesagt hat“, ist jetzt der Grünen-Bundesvorsitzende Omid Nouripour an der Reihe, den Satz von Kevin Kühnert in abgewandelter Form aufzugreifen. Schließlich habe man hier vor zwei Monaten nach der Saarland-Wahl gesessen und Friedrich Merz für erledigt erklärt. „Dann können wir jetzt alle nach Hause gehen, oder?“ fasst Melanie Amann, Journalistin und Leiterin des Spiegel-Hauptstadtbüros, die immer wieder mit klaren Analysen aus der Diskussionsrunde heraussticht, die bis dahin fruchtlose Debatte sarkastisch zusammen.

„Hart aber fair“ (ARD): Krieg als Diskussionstreiber?

Nun muss Frank Plasberg also doch den Krieg als Diskussionstreiber bemühen: „Lassen Sie Krisen wie den Krieg aktuell als mildernde Umstände durchgehen?“ Will er vom stellvertretenden Parteivorsitzenden der CDU Carsten Linnemann wissen, der geschickt ablenkt, auf diverse Krisen der vergangenen Zeit hinweist und sich und seine Partei immerhin nicht als großer Wahlsieger aufspielt, stattdessen einräumt: „Wir bräuchten eine große Staatsreform, das meine ich auch ganz selbstkritisch“. Da das Geplänkel um Spitzenpolitiker nicht viele Erkenntnisse bringt, wirft er zudem noch einen wichtigen Punkt in die Runde: Die desaströs niedrige Wahlbeteiligung von 55 Prozent. „Die Leute in Russland wären dankbar, wenn sie ein Wahlsystem wie unseres hätten“ konstatiert Carsten Linnemann und lädt Kevin Kühnert ein, gemeinsam gegen die Politikverdrossenheit anzuarbeiten. Ist das nur taktisch klug, weil es sympathisch wirkt, oder wirklich schon ein Zeichen für den so sehr herbei gewünschten neuen Stil?

„Hart aber fair“ (ARD): Verteidigungsministerin Christine Lambrecht in der Kritik

Frank Plasberg sieht es offenbar anders und will weiter über Personalfragen reden. Dafür sucht er sich den als vorgeschoben verschrienen Hubschrauberflug von Verteidigungsministerin Christine Lambprecht aus, die von einem Truppenbesuch nahe der dänischen Grenze mit ihrem Sohn gleich weiter in den Osterurlaub nach Sylt schwebte. Ins Ministerinnen-Bashing stimmt freudig vor allem Michael Bröcker ein, der auf diverse andere Peinlichkeiten und Instinktlosigkeiten Christine Lambprechts hinweist und fragt: „Wie kann Olaf Scholz eine solche Ministerin im Amt lassen?“ Damit liefert er eine Steilvorlage für Kevin Kühnert, der sich über Journalisten aufregt, die lange Artikel über „Äußerlichkeiten“ verfassten, ohne sich überhaupt dafür zu interessieren, an welchen Projekten eigentlich im Ministerium gearbeitet werde.

Peinlicher Namens-Fauxpax: Frank Plasberg nennt den Grünen-Bundesvorsitzenden „Herr Omnipour“

Als der ARD-Moderator nun Omid Nouripour dazu auffordern will, sich zur Position der Grünen mit Blick auf Waffenlieferungen und den grundsätzlichen Haltungswandel in diesem Punkt zu äußern, unterläuft nun ihm selbst ein peinlicher Fauxpas, in dem er den Grünen-Bundesvorsitzenden mit „Herr Omnipour“ anspricht. Statt sich stilsicher zu entschuldigen, gibt Frank Plasberg nur den flapsigen Kommentar ab: „Das sind sie ja gewohnt, ne?“ Da seien nun mal die Synapsen falsch verdrahtet. Omid Nouripour immerhin nimmt es gelassen, so scheint es wenigstens.

„Hart aber fair“ mit Frank Plasberg (ARD)Die Gäste der Sendung
Kevin KühnertSPD-Generalsekretär
Melanie AmannJournalistin, Mitglied der Spiegel-Chefredaktion
Omid NouripourB‘90/Grüne, Bundesvorsitzender
Carsten LinnemannCDU, stellv. Parteivorsitzender
Michael BröckerJournalist

Retten lassen sich solche Peinlichkeiten nur durch wache Gäste, und die hat Frank Plasberg durchaus in seiner Runde bei „Hart aber fair“. Erneut mit selbstkritischem Unterton weißt Carsten Linnemann auf die privilegierte Position der Spitzenpolitiker hin, die zu solchen Fehlgriffen wie dem der Verteidigungsministerin führen können. „Wir leben in einer Blase, und daher brauchen wir immer wieder Leute von außen, die uns erden“. Und nutzt seine Bemerkung gleich noch, um die eigene Skatrunde zu grüßen. Melanie Amann wiederum schafft es elegant darauf anzuspielen, dass leider niemand von der FDP zugegen sei. Es wäre tatsächlich durchaus spannend gewesen, von FDP-Seite etwas zur deutlichen Wahlniederlage zu hören.

„Hart aber fair“ (ARD): Stehen Baerbock und Habeck für den neuen Politikstil?

Wer könnte denn nun wirklich für einen Politikstil stehen? Ganz klar: Spitzennoten bei der Beliebtheit räumen zur Zeit unangefochten nur Robert Habeck und Annalena Baerbock ein, und das obwohl oder vielleicht gerade, weil sie von ihrer Grünen-Kernlinie abgewichen sind, wenn es um Waffenlieferungen ging oder darum, Flüssiggasterminals ohne Umweltprüfung zu bauen. Die Runde ist sich dabei erstaunlich einig in einer Begeisterung für Robert Habecks Kommunikationsstil. „Er zeigt seine Zerrissenheit“, sagt CDU-Mann Carsten Linnemann anerkennend, Kevin Kühnert räumt allerdings ein: „Ich höre ihm auch gerne zu, aber nach vier Jahren will er nicht den Ingeborg Bachmann-Preis holen“. Dann müsste man sich schon auch die Ergebnisse anschauen.

Zur Sendung

„Hart aber fair“ mit Frank Plasberg in der ARD. Die Sendung vom 16. Mai 2022 in der ARD-Mediathek.

Omid Nouripour leistet sich jetzt noch einen sehr unerwarteten Tipp in puncto Kommunikation: „Donald Trump sprach so, dass die Leute es verstanden haben“. Und weist sofort darauf hin, als sei ihm nun erst aufgefallen, was er da gerade gesagt habe, dass man das so aber natürlich nicht nachahmen solle. Zum Glück ist jetzt aber die Sendezeit fast vorbei, und so erntet Frank Plasberg noch schnell kurze Statements dazu, wie es für den Rest der Legislaturperiode weitergehen könnte mit der Ampel. „Friede Freude Eierkuchen“, findet Kevin Kühnert den passenden Abschluss-Kommentar, der in der mitschwingenden Ironie auch auf den heutigen Abend gemünzt sein könnte. (Teresa Schomburg)

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