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Alles drehte sich um Kinder und Familien: Anja Karliczek, Thorsten Frühmark, Mareile Höppner, Aladin El-Mafaalani, Susanne Epplée und Frank Plasberg (von links).
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Alles drehte sich um Kinder und Familien: Anja Karliczek, Thorsten Frühmark, Mareile Höppner, Aladin El-Mafaalani, Susanne Epplée und Frank Plasberg (von links). (Screenshot)

TV-Kritik

Hart aber fair (ARD): „Bildungsferne“ Kinder in Corona-Pandemie – 19-Jährige zeigt, wie sie abgehängt werden

  • Peter Hoch
    VonPeter Hoch
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Bei „Hart aber „fair“ (ARD) mit Frank Plasberg geht es am Montag rund um die Frage, wie Familien und Kinder mit Corona umgehen: Probleme gibt es viele.

Berlin/Frankfurt – Kinder und Jugendliche sind in den politischen und medialen Diskussionen oft nur eine Randnotiz, wenn es um aktuelle Belange und zu befürchtende Folgen der Corona-Pandemie und deren Bewältigung geht. Wenn überhaupt, dann dreht es sich meist um Probleme des Lernens, Lehrens und Aufwands für die Eltern, weniger um das seelische Befinden der Schwächsten der Gesellschaft, deren Schutz eigentlich unsere wichtigste Aufgabe sein sollte.

Auch in der dieswöchigen Ausgabe von „Hart aber fair“ mit Frank Plasberg in der ARD zum Thema „Ungeimpft, ungeschützt, unbeschult: Lässt der Staat die Familien im Stich?“ geht es diesmal häufig um schulische Belange, andere Aspekte kommen aber dankenswerterweise ebenfalls zur Sprache. Vor allem die Kinderärztin Susanne Epplée ist sich sicher, dass die Pandemie bei ihren Schützlingen gewaltige Spuren hinterlassen werde, zumal die Wartelisten immer länger würden, weil man die Flut an Fällen gar nicht mehr bewältigen könne. Stresssymptome, Bauchschmerzen, Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen bei Kindern hätten im letzten Jahr massiv zugenommen. Gar nicht zu sprechen von den Infektionen der Kinder mit dem Virus selbst.

„Hart aber fair“ (ARD) – Kinderärztin warnt vor lebenslangen gesundheitlichen Risiken bei Kindern

Bei einigen der kleinen Patienten komme es sogar zu Fehlstellungen und Behinderungen, weil Therapietermine nicht stattfinden könnten. Hinzu käme, dass immer mehr Kinder wegen fehlender Sport- und Spielmöglichkeiten übergewichtig seien. Dies könne mit lebenslangen gesundheitlichen Risiken einhergehen. Ein Einspieler wartet zur Bestätigung mit den harten Zahlen auf: 38 Prozent aller Kinder und Jugendlichen gaben an, sich im letzten Jahr quasi gar nicht bewegt zu haben, vor der Pandemie waren es nur vier Prozent.

Gast bei Hart aber fair mit Frank PlasbergFunktion
Aladin El-MafaalaniSoziologe und Autor
Susanne EppléeKinderärztin
Thorsten FrühmarkRechtsanwalt und Ortsbürgermeister
Mareile HöppnerModeratorin des ARD-Magazins „Brisant“
Anja KarliczekBundesministerin für Bildung und Forschung, CDU

Der Soziologe und Buchautor Aladin El-Mafaalani teilt viele Sorgen und Befürchtungen der Kinderärztin und ergänzt weitere. So würden Kinder und Jugendliche nur gemeinsam mit Gleichaltrigen ihre Persönlichkeit, Durchsetzungskraft und kognitiven Fähigkeiten gut entwickeln können. Viele Kinder mit Migrationshintergrund würden nur in der Schule die deutsche Sprache erlernen und sprechen, nicht wenige von ihnen hätten sie während der Schulschließungen wieder verlernt. Er benennt auch die Problematik suchtkranker Eltern, für deren Kinder es besonders schwierig sei, mit den Corona-Einschränkungen zurechtzukommen und die fast vollständig davon abhingen, an engagierte Lehrer oder Streetworker zu geraten.

„Hart aber fair“ (ARD): Soziologe fordert schnelle Gegenmaßnahmen für die Kinder und Familien

El-Mafaalani ist sich sicher: die Versäumnisse vor und während der Pandemie, nicht in bessere Strukturen investiert zu haben, werden uns noch lange begleiten, wenn die Regierung nicht bald und offensiv gegensteuert. Ganz dringend müsse sie Maßnahmen verabschieden, die die Defizite ausgleichen, die durch entgangene Kita-Besuche, fehlenden regulären Unterricht und ausgesetzte Fördermaßnahmen entstanden seien. Andernfalls werde man noch ein Jahrzehnt lang „Freude“ an diesem Bildungsproblem haben, so der Soziologe, der auch das Missverhältnis zwischen geöffneten Firmen und Büros einerseits und geschlossenen, weil unzureichend ausgestatteten Kitas und Schulen andererseits völlig zu Recht kritisiert.

Stellvertretend für viele Eltern kommen Rechtsanwalt und Ortsbürgermeister Thorsten Frühmark und die zugeschaltete „Brisant“-Moderatorin Mareile Höppner zu Wort. Beide schildern, wie sie und ihre Kinder das Homeschooling meistern und wie man zu Beginn der Pandemie durch mehr gemeinsame Aktivitäten zwar voneinander profitiert habe, mittlerweile aber bei den Kindern die Sehnsucht nach Begegnungen mit Freunden, Sport und einem geregelten Tagesablauf überwiegen würden. Eltern könnten Pädagogen nicht ersetzen, Orte zur Integration würden fehlen und für die Kindesentwicklung bedeutsame Ereignisse wie Feste oder Klassen- und Abschlussfahrten fielen weg – wichtig sei es daher, diese Lücken nun zu schließen, um seelische Schäden zu vermeiden, erklärt Höppner.

Eltern berichten bei „Hart aber fair“ (ARD): Ein großes Hemmnis ist weiterhin die deutsche Bürokratie

Außerdem sei es erschreckend zu sehen, wie Eltern vielerorts zwar aktiv Mittel und Wege fänden, um den Schulen zu helfen, dann aber die nötigen Anträge von offizieller Stelle abgelehnt würden, weil die Maßnahmen den gesetzlichen Standards nicht entsprächen. So würden etwa viele Schulen noch immer auf ausreichend Laptops für Kinder aus sozial schwächeren Familien und auf die Installation brauchbarer Luftfiltersysteme warten, so Ortsbürgermeister Frühmark.

Ihnen allen gegenüber behaupten muss sich Bundesbildungsministerin Anja Karliczek, die die üblichen Politikerfloskeln zu staatlichem Fürsorgeauftrag, Öffnungsabwägungen und Mobilitätsrichtlinien von sich gibt, und so der Frage ausweicht, was schiefgelaufen sei. Selbst sie ist allerdings der Meinung, dass man in Ausnahmesituationen wie in einer Pandemie den Aspekt, ob denn ja alle deutschen TÜV- und DIN-Standards eingehalten würden, auch schon mal beiseiteschieben müsse, egal ob bei Lüftungsanlagen, Digitalisierung oder Datenschutz.

Ministerin Karliczek bei „Hart aber fair“ (ARD): Inspirierte Ideen, um Kindern und Familien zu helfen, fehlen

Die besten Lösungen seien dann auch immer die, die vor Ort entwickelt und idealerweise auf schnellen Wegen kommunal unterstützt würden. Der Staat solle erst bei größeren Investitionen aktiv werden, um zielgerichtet zu helfen. Als ersten Schritt für die nächsten Monate nennt Karliczek die Nachhilfeprogramme, die vom Bund mit einer Milliarde Euro gefördert würden, weiteres müsse man abwarten. Die deutlich üppigeren, schon jetzt feststehenden Zusatz-Bildungsprogramme manch anderer Länder bleiben leider unerwähnt.

Emotional wird es im letzten Drittel der Sendung: ein kurzer Film zeigt die 19-jährige Hanan dabei, wie sie ihren drei jüngeren Geschwistern beim Organisieren des Onlineunterrichts hilft – gleichzeitig auf nur zwei Tablets, während beide Eltern arbeiten müssen – und wie sie selbst nebenbei noch auf einem kleinen Smartphone für ihre eigene Ausbildung zur Sozialassistentin lernt. Frank Plasberg begrüßt die junge Frau, die mit ihrer Familie vor fünf Jahren aus Syrien nach Deutschland geflüchtet ist, anschließend auch im Studio und stellt ihr einige Fragen. Trotz all ihrem Optimismus verdeutlichen Hanans Antworten, wie schwierig die Coronakrise insbesondere diejenigen trifft, die aus weniger privilegierten Verhältnissen wie die übrigen Studiogäste stammen.

„Hart aber fair“-Einspieler: 19-Jährige zeigt, wie abgehängt „bildungsferne“ Kinder wegen Corona werden

Die sind sich nach einem Applaus für Hanan dann auch alle in einem Punkt einig: für sozial schwächer gestellte Familien und Menschen in Brennpunktvierteln sind besonders tragfähige Konzepte vonnöten. Ohne solche würden die Kinder dort in den kommenden Jahren noch weiter vom Rest der Gesellschaft abgehängt, als es ohnehin schon der Fall sei. Allein wie diese Konzepte konkret aussehen sollen, bleiben sie, allen voran die Bundesbildungsministerin, wie so oft schuldig.

Ein letzter Einspieler zu den Corona-Inzidenzen am Beispiel Kölns untermauert noch einmal, was eigentlich schon altbekannt ist: ärmere Stadtviertel, in denen die Menschen auf engem Raum beieinander leben, sind auch in Sachen Erkrankungszahlen am härtesten von der Pandemie getroffen. Und Umfrageschnipsel aus Bochum belegen: dort, wo es Sprach- und Bildungsprobleme gibt, entsteht schnell ein Informationsmangel, der wiederum zu Impf-Ängsten und Misstrauen führt.

Alle richtigen und wichtigen Fragen zum Thema hat ein wie immer gut vorbereiteter Frank Plasberg seinen gut ausgewählten Gästen gestellt. Ob „der Staat die Familien im Stich lässt“, oder er ihnen doch noch ausreichend hilft, wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen. (Peter Hoch)

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