„Hart aber fair“, ARD

Corona-Ausbruch bei Tönnies: Pfarrer spricht von Sklaverei in Fleischbetrieben

Bei „Hart aber fair“ geht es um die Corona-Infektionen bei Tönnies. Frank Plasberg fragt: „Massenerkrankung in der Fleischfabrik – Gefahr fürs ganze Land?“

  • Bei „Hart aber fair“* geht es um den Corona-Ausbruch in der Fleischfabrik Tönnies
  • Moderator Frank Plasberg hat Gäste aus Politik und Industrie zu Gast
  • Am Ende sind sich (fast) alle einig

Als Vertreter der Lebensmittelindustrie hat man es in deutschen Talkshows zurzeit nicht leicht. Diese Erfahrung musste Heiner Manten bereits am 08.06.2020 bei „Hart aber fair“ (ARD) machen. Diese Woche trifft es Christian von Boetticher, stellvertretender Vorsitzender der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE). Er sieht sich in der Sendung mit dem Thema „Massenerkrankung in der Fleischfabrik – Gefahr fürs ganze Land?“ den kritischen Fragen des Moderators Frank Plasberg ausgesetzt. Zwar schlägt er sich dabei etwas besser als es Manten vor zwei Wochen getan hat*, um wirkliche Antworten drückt sich jedoch auch von Boetticher.

„Hart aber fair“ (ARD): Frank Plasberg diskutiert über Corona-Ausbruch bei Tönnies

Der Corona-Ausbruch in der Fleischfabrik Tönnies* nimmt immer größere Ausmaße an, die Behörden im Kreis Gütersloh sprechen von mehr als 1500 Infizierten. Dadurch wird auch ein lokaler Lockdown immer wahrscheinlicher. Nachdem bei „Hart aber fair“ (ARD) bereits vor zwei Wochen über das Ansteckungsrisiko in Schlachtbetrieben gestritten wurde, widmet sich die Sendung dieses Mal ganz konkret dem Betrieb Tönnies in Gütersloh (NRW). 

Neben von Boetticher diskutieren darüber Karl Josef Laumann, Gesundheitsminister in NRW, die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Katrin Göring Eckhardt, SPD-Politiker Karl Lauterbach und der Journalist Michael Bröcker. Für sein Einzelgespräch hat sich Frank Plasberg den Pfarrer Peter Kossen eingeladen.

Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie bei Frank Plasberg am Pranger

„Man muss für Rechtssicherheit sorgen und die Arbeit regulieren. Man kann nicht so lange warten bis die Leute umfallen, ob mit Corona oder ohne.“ Mit drastischen Worten – er spricht von Sklaverei – beschreibt Kossen die Arbeitsbedingungen in den Fleischbetrieben. Über verschiedene Sub-Unternehmen und unter Verwendung von Werkverträgen werden Arbeiter aus Osteuropa, vornehmlich aus Rumänien und Bulgarien, nach Deutschland geholt. Die unwürdigen Arbeitsbedingungen und die miserablen Lebensumstände sind eigentlich lange bekannt. Aber Corona wirke hier, wie so oft, als „Brennglas“, wie die Grünen-Politikerin Göring-Eckhard beschreibt.

Michael Bröcker bei „Hart aber fair“ (ARD): „Das System Tönnies ist beendet“

Ähnlich sieht dies auch Michael Bröcker. Er spricht von einem Fukushima-Moment für die Fleischindustrie. Diese werde sich in den kommenden Monaten fundamental verändern. „Das System Tönnies ist beendet“, so Bröcker bei „Hart aber fair“ (ARD). Allgemein herrscht in der Runde – von Boetticher ausgeschlossen – relativ große Einigkeit, was die Arbeits- und Lebensbedingungen in der Fleischindustrie betrifft. Anders sieht dies bei der Bewertung des Krisenmanagements der nordrhein-westfälischen Landesregierung aus.

Während Gesundheitsminister Laumann (CDU) in Bezug auf den Kreis Gütersloh bereits von einem lokalen Lockdown spricht, ist Karl Lauterbach (SPD) von den Maßnahmen der Regierung, allen voran Armin Laschet, nicht überzeugt. Dessen Aussage, das Virus sei klar lokalisierbar, bezeichnet Lauterbach als „rätselhaft“. Die Anzahl der Fälle spräche dafür, dass das Virus vermutlich bereits seit 4-6 Wochen in der Region unterwegs sei. Die Landesregierung hätte schneller reagieren müssen, die Mitarbeiter in Quarantäne schicken und vor Ort einen Lockdown durchsetzen müssen. Das „Prinzip Hoffnung“, wie Frank Plasberg (ARD) die Strategie Laschets beschreibt, kritisiert Lauterbach stark.

Corona bei Tönnies: Nur der Kollege aus der Lebensmittelindustrie weicht bei Plasberg aus

„Wir wissen doch seit Westfleisch, dass man in der Fleischindustrie genau hinschauen muss“, moniert Göring-Eckhardt ebenfalls das Verhalten der Landesregierung. Auch beim Unternehmen Tönnies sieht sie Versäumnisse. Nicht zuletzt die Tatsache, dass die Behörden eine regelrechte Razzia im Betrieb durchführen mussten, um an die Kontaktdaten der Mitarbeitenden zu kommen, bestätigt diesen Eindruck. Hinzu kommt, dass Clemens Tönnies bereits wegen illegaler Preisabsprachen und unerlaubter Videoüberwachung von Mitarbeitenden Schlagzeilen machte.

Selbst Laumann findet für einen CDU-Politiker ungewöhnlich deutliche Worte: „Es kann nicht sein, dass diese Unternehmen betriebsrats- und gewerkschaftsfrei sind!“ All das lässt den Unternehmer Clemens Tönnies nicht gerade in einem guten Licht dastehen. Ziemlich still bleibt dabei Christian von Boetticher. Den Fragen nach seinem Unternehmer-Kollegen und Verbandsmitglied weicht er bloß immer wieder aus. (Von Josephine von der Haar). *fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Redaktionsnetzwerks

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