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Frank Plasberg hakt in der Diskussion bei „hart aber fair“ nach.
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Frank Plasberg hakt in der Diskussion bei „hart aber fair“ nach.

TV-Kritik

„Hart aber fair“ (ARD): Unternehmer mit perfidem Vorschlag an alleinerziehende Mutter

  • Bettina Schuler
    VonBettina Schuler
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Bei „Hart aber fair“ wird ein schwerwiegendes Problem thematisiert: Armut trotz Arbeit. Eine alleinerziehende Mutter bekommt dabei unsensible Vorschläge zu hören.

Die Bundestagswahl rückt immer näher und die Impfkampagne nimmt langsam Fahrt auf. Das spiegelt sich auch in der Themenauswahl der aktuellen Sendung des ARD-Talks „Hart aber fair“ wider, in der es ausnahmsweise nicht um die Corona-Pandemie, sondern um ein Thema ging, das dringlicher nicht sein könnte: die steigende soziale Ungleichheit und das leere Versprechen des sozialen Aufstiegs. Denn auch in Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, müssen Menschen in Armut leben. Und das, obwohl sie Vollzeit arbeiten.

Wie hart das ist, davon erzählt die alleinerziehende Mutter Djamila Kordus aus Berlin in der ARD-Sendung von und mit Frank Plasberg. Die gelernte Einzelhandelskauffrau, die im Logistikbereich eines großen Online-Händlers arbeitet, muss ihre Tochter morgens um sechs im Schulhort abgeben, damit sie pünktlich bei der Arbeit ist, um sie dann, wenn es gut läuft, zehn Stunden später wieder abzuholen. Nach Arbeit, Haushalt und Hilfe bei den Hausaufgaben fällt sie müde ins Bett, um am nächsten Tag wieder um fünf Uhr morgens aufzustehen. Am Dritten des Monats ist trotzdem nichts mehr auf ihrem Konto. „Alles wird teurer, nur der Lohn wird nicht angeglichen“, klagt Kordus zu Recht.

Gast bei Hart aber fair mit Frank PlasbergFunktion
Hubertus HeilBundesminister für Arbeit und Soziales (SPD)
Arndt Kirchhoffgeschäftsführender Gesellschafter der Kirchhoff-Gruppe; Präsident der Landesvereinigung der Unternehmensverbände NRW
Julia FriedrichsJournalistin und Filmemacherin; Buchautorin (Working Class)
Djamila KordusAlleinerziehende Mutter
Lencke WischhusenFraktionsvorsitzende in der Bremischen Bürgerschaft und Mitglied des FDP-Bundesvorstands

„Hart aber fair“ (ARD): Durch Corona den Job verloren – Hartz 4 sei keine Alternative

Den Mini-Job, den sie vor Corona noch hatte, habe sie verloren, weil der Hort ihrer Tochter geschlossen wurde, erzählt sie bei Frank Plasberg. Damit trifft sie wie so viele Geringverdiener die Corona-Pandemie ganz besonders hart. Denn von den Gewinnen, die bei den Online-Händlern in der Corona-Pandemie eingefahren wurden, ist bei Kordus nichts übrig geblieben. Hartz 4 kommt für sie trotzdem „überhaupt nicht in Frage“. Sie sei auch ein „Vorbild für ihr Kind.“ Eine Einstellung, für welche die Lageristin während der ARD-Sendung „Hart aber fair“ von den anderen Gästen immer wieder gelobt wird. Kaufen kann sie sich davon nichts.

Kordus ist kein Einzelfall, weiß die Journalistin Julia Friedrichs zu berichten. Für ihr Buch „Working Class“ hat sie Familien aus unterschiedlichen Schichten über ein Jahr lang begleitet: einen ungelernten U-Bahn-Reiniger, einen Musikschullehrer und einen Büromitarbeiter. Was verbindet diese Menschen, fragt Frank Plasberg, außer der Tatsache, dass sie zu wenig verdienen? „Dass sie an das große Versprechen der Bundesrepublik geglaubt haben (...), dass man sich Wohlstand durch Arbeit aufbauen kann“.

Arm trotz Arbeit – Alleinerziehende Mutter bekommt bei „Hart aber fair“ (ARD) perfide Vorschläge

Bei keiner der drei Familien hat es sich bewahrheitet. Selbst das sehr gut ausgebildete Musikschullehrer-Ehepaar geriet durch die Corona-Krise in finanzielle Not. Denn sie werden nur für gegebene Stunden bezahlt. „Wenn sie krank sind (...), wenn Schulferien sind, bekommen sie nichts.“ Das gilt auch bei einer weltweiten Pandemie. Also mussten sie einen Mini-Job annehmen. In Deutschland keine Seltenheit mehr. Die Zahl der sogenannten Multijobber hat sich seit 2003 auf 3,5 Millionen verdoppelt wie Plasberg im ARD-Talk betont. Der Unternehmer und geschäftsführende Gesellschafter der Kirchhoff-Gruppe Arndt Kirchhoff sieht sich und seine Unternehmerkollegen trotzdem nicht in der Pflicht. Stattdessen schiebt er die Schuld auf die Politik und fordert bessere und flexiblere Kinderbetreuung.

Hart aber fair in der ARD-Mediathek

Sendung verpasst? In der ARD-Mediathek können Sie die Sendung „Hart aber fair“ von Montag, 10.05.2021, nachschauen.

Der alleinerziehenden Mutter schlägt der Unternehmer vor, sich weiterzubilden. Dann würde es auch mit dem Aufstieg besser aussehen. Ein Vorschlag, der angesichts des Pensums, von dem die alleinerziehende Mutter zuvor berichtet hat, perfider nicht sein könnte. Auch Lencke Wischhusen, die Fraktionsvorsitzende in der Bremischen Bürgerschaft und Mitglied des FDP-Bundesvorstands hat eine super Idee: Die alleinerziehende Mutter Djamila Kordus solle sich doch einfach bei einem mittelständischen Unternehmen bewerben. Die würden wesentlich besser zahlen.

„Hart aber fair“ (ARD): Hubertus Heil im Wahlkampfmodus – „Frage von Würde und Anstand“

Der Bundesminister für Arbeit und Soziales Hubertus Heil ist bei „Hart aber fair“ im Wahlkampfmodus und betont immer wieder, wie wichtig es ist, dass die Menschen für ihre Arbeit „einen anständigen Lohn“ bekommen. Das sei „eine Frage von Würde und Anstand“. Wobei man sich fragt, warum der SPD-Politiker erst kurz vor der Bundestagswahl 2021 auf die Idee kommt, dass der Mindestlohn auf 12 Euro hochgesetzt werden muss. Immerhin versucht er das harte Leben von Frau Kordus nicht kleinzureden und zollt ihr für ihre Arbeit ehrlichen Respekt.

Als am Ende der Sendung Frank Plasberg in die Runde fragt, welchen Job sie gerne einen Tag lang für einen fiktiven Mindestlohn von 12 Euro ausüben würden, antwortet die FDP-Politikerin Lencke Wischhusen allen Ernstes, dass sie „mal Lust hätte“, so richtig putzen zu gehen. Der Unternehmer Kirchhoff würde sofort die Arbeit von Frau Kordus übernehmen. Djamila Kordus kann von 12 Euro Stundenlohn allerdings nur träumen. (Bettina Schuler)

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