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Hardy Krüger: Der gute Deutsche

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Von: Daniel Kothenschulte

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Hardy Krüger in „Potato Fritz“, 1975.
Hardy Krüger in „Potato Fritz“, 1975. © dpa

Zum Tod des Weltstars Hardy Krüger: Ein Held auch jenseits der Leinwand.

Frankfurt - Wenn man einmal einen Schritt zurücktritt beim Blick auf das deutsche Nachkriegskino, wenn man versucht, eine internationale Perspektive einzunehmen, ist man schnell bei Hardy Krüger. Sein Stern leuchtete früh über den Tellerrand einer im Allgemeinen wenig ambitionierten Unterhaltungsindustrie hinaus. Er ist einer der wenigen deutschen Weltstars.

Für ihn galt, was man auch über die ganz großen Hollywoodstars sagt: Es gab nur einen Hardy Krüger. Aber in seiner Unverwechselbarkeit verkörperte dieser blonde, ewig junge Mann auch etwas Universelles: Eine selbstbestimmte Energie von großer physischer Präsenz. Einen unkorrumpierbaren Unternehmergeist und Überlebenswillen, ein Abenteurertum, das ihn für Heldenrollen prädestinierte, aber zugleich alltagstauglich war.

Hardy Krüger: Zorniger junger Mann im Gewand des idealen Schwiegersohns

Zugleich war da aber auch eine intellektuelle Schärfe, die zu dieser geballten Kraft gut passte. Diese Eigenschaften kamen mit einer alles verzeihenden Jugendlichkeit daher, die nicht mit Unbeschwertheit zu verwechseln wäre. Ähnlich wie etwas später der Amerikaner Robert Redford war Hardy Krüger ein zorniger junger Mann im Gewand des idealen Schwiegersohns.

Kein Wunder, dass sich die Filmindustrie im Wirtschaftswunderland nach so einem Typen sehnte, doch der ging früh auf Distanz. „Anfang der Fünfziger konnte ich den deutschen Film nicht mehr ertragen“, erinnerte er sich in einem späten Interview, „also ging ich nach Paris auf Arbeitssuche. Dort sagte ein Regisseur zu mir, einen blonden Schauspieler mit blauen Augen könnten sie in Frankreich nicht gebrauchen. Von solchen seien sie, in grauer Uniform, jahrelang unterdrückt worden.“

Mehr Glück hatte er in England. Im ungewöhnlichen Abenteuerfilm aus dem Zweiten Weltkrieg, „Einer kam durch“, spielt er den deutschen Flieger von Werra, dem als einzigen britischen Kriegsgefangenen die Flucht in die Heimat gelang. Noch heute fasziniert Roy Ward Bakers ungemein spannender Schwarzweißfilm mit seinem Verzicht auf die für Kriegsfilme typischen Stereotypen. Hardy Krügers Filmfigur steht nicht für eine bestimmte Ideologie oder einen Patriotismus, sondern für einen radikalen, individuellen Freiheitsdrang.

Hardy Krüger in „Der Flug der Phoenix“, 1965.
Hardy Krüger in „Der Flug der Phoenix“, 1965. © dpa

Hardy Krüger nutzte jede Gelegenheit, um vor Wiedererstarken der Rechten zu warnen

Früh hatte Krüger gelernt, in welche Fallen gutes Aussehen in der Filmbranche führen kann. Als Vierzehnjähriger war er im NS-Propagandafilm „Junge Adler“ von Alfred Weidemann als Lehrling in einer Flugzeugfabrik besetzt worden. Nach dem Erfolg wollte ihn Wolfgang Liebeneiner zu einer Filmkarriere überreden.

Dazu kam es nicht; im März 1945 wurde Krüger in den letzten Kriegstagen zur Waffen-SS-Division „Nibelungen“ an die Westfront eingezogen. Als er sich während eines Gefechtes weigerte, auf einen amerikanischen Spähtrupp zu schießen, wurde er zum Tode verurteilt, die Hinrichtung jedoch führte der zuständige SS-Offizier nicht aus. Er machte Hardy Krüger zu seinem Meldegänger, der freilich schon bei seinem zweiten Auftrag desertierte. Er versteckte sich in den Wäldern der bayerischen Alpen und gelangte schließlich nach Hamburg.

Zeit seines Lebens nutzte Krüger jede Gelegenheit, um vor den Schrecken der Nazidiktatur und einem Wiedererstarken der Rechten zu warnen. Er engagierte sich gegen Rechtsradikalismus, wo immer er ihm begegnete. Bei den Dreharbeiten zu Howard Hawks’ hinreißend komischem Afrika-Abenteuer „Hatari“ (1962) stritt er sich nach Drehschluss mit Filmpartner John Wayne, der, wie Krüger später erzählte, als Republikaner so rechts war, „dass es neben ihm nur noch die Wand gab“. Zu diesem Zeitpunkt hatte er selbst bereits sein Herz an Afrika verloren; in den sechziger und siebziger Jahren lebte er auf einer Farm in Tansania.

Hardy Krüger war mehr als nur ein Schauspieler

Ein weiterer Hollywoodklassiker mit Hardy Krüger ist das Flugzeug-Absturzdrama „Der Flug des Phoenix“, das Robert Aldrich 1965 inszenierte. In der Rolle des Flugzeugkonstrukteurs Dorfmann spielt Krügers Filmfigur abermals gegen antideutsche Ressentiments an, wieder ist Krüger ein Antiheld, dessen Eigensinn er eine besondere Faszination verleiht. In dieser ambivalenten, unberechenbaren Figur kommt auch Hardy Krügers herausragendes Talent als Charakterdarsteller vorzüglich zum Tragen.

1975 besetzte ihn Stanley Kubrick als Hauptmann Potzdorf in „Barry Lyndon“, Krüger spielte neben Richard Burton, James Stewart, Gene Hackman, Dennis Hopper, Anthony Quinn, Robert Redford und Sean Connery, mit dem er befreundet blieb.

Und doch kam sein Talent in Hauptrollen nur selten zum Tragen. In seinem erstaunlichen Leben war er eben mehr als nur ein Schauspieler. Sein Heldentum brauchte er nicht zu spielen, er blieb ein Vorbild auch außerhalb der Leinwand. Am 19. Januar 2022 ist Hardy Krüger mit 93 Jahren gestorben. (Daniel Kothenschulte)

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