1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

Harald Schmidt ist offenbar nichts mehr peinlich

Kommentare

Harald Schmidt spricht im Rahmen eines Interviews mit der österreichischen Nachrichtenagentur APA (Austria Presse Agentur).
Harald Schmidt hat es sich zur Gewohnheit gemacht, durch kontroverse Auftritte aufzufallen. © Expa/Johann Groder/dpa

Anstatt sich dem Ruhestand hinzugeben, erregt Harald Schmidt mit umstrittenen Bemerkungen Aufmerksamkeit. Die Kolumne von Moritz Post.

Anstatt den Ruhestand zu genießen, schippert Harald Schmidt in der Rolle des Kreuzfahrtdirektors Oskar Schifferle auf der „MS Deutschland“ um die gesamte Welt und lässt sich gemeinsam mit Florian Silbereisen irgendwo vor malerischer Kulisse filmen: der ehemalige Talkmaster und Entertainer Harald Schmidt. Doch anscheinend reicht dem TV-Urgestein das Leben auf hoher See in der ZDF-Produktion „Das Traumschiff“ nicht. Stattdessen hat es sich der Rentner zur Gewohnheit gemacht, durch kontroverse Auftritte mit Rechtspopulisten oder sexistischen Äußerungen gegenüber renommierten Politikwissenschaftlerinnen aufzufallen.

Anstatt Schmidt seinen Ruhestand genießen zu lassen, wird er immer wieder in Talkformate eingeladen. Insbesondere beim Deutschlandfunk scheint der Talkmaster mehrere Fans zu haben, die Harald Schmidt in ihre Sendungen einladen. Und der nimmt natürlich dankend an, denn er weiß, dass er dort ungefiltert und unwidersprochen seine Standpunkte zum Besten geben darf. Den Fans in der DLF-Redaktion sei Dank. Dabei kokettiert Schmidt beispielsweise damit, dass er seit Jahren nichts von dem, was er gesagt hat, gegenlese und noch nie mit einer Aussage zu weit gegangen sei.

Harald Schmidt gibt völlig undurchdachte Thesen von sich

In der Tat: Harald Schmidt scheint nichts mehr peinlich zu sein. Dumm nur, wenn er aus dieser sich selbst gegebenen Haltung, wonach er über den Dingen stehen würde, völlig undurchdachte Thesen von sich gibt. Zwar verkauft Schmidt seine Einstellung in einem Duktus, der sich aus einer angeblich von Genialität und Altersweisheit geschwängerten Attitüde speist. Bei genauerer Betrachtung ist es aber ein leichtes, diese Fassade als das zu erkennen, was sie ist: Die Einstellung eines 12-jährigen Lausbuben, der seine Hausaufgaben nicht macht, den Lehrerinnen und Lehrer in der Schule nicht zuhört, deshalb in keiner Weise fundiert über die relevanten Dinge des Lebens informiert ist, auf dem Pausenhof aber der Anführer sein möchte, was er aber nur durch sein (vor-)lautes Organ zu realisieren in der Lage ist.

Ein Beispiel: Bei der als Podcast nachhörbaren Veranstaltung „DLF Kultur live aus dem Humboldt Forum“ wundert sich Harald Schmidt über die Diskussion um den Zustand der Demokratie und versteht angesichts der anstehenden Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg die „Aufgeregtheit“ nicht: „Solange gewählt wird, haben wir eine Demokratie“, sagte Schmidt im DLF. „Das sind Ergebnisse von freien Wahlen, von freien, gleichen und geheimen Wahlen. Wenn ich das nicht will: Wahlen abschaffen oder Ergebnis vorher festlegen.“ Im gleichen Zuge kritisiert er das Wahlsystem und die Wählerinnen und Wähler. Tenor: Die Leute sind zu doof, um richtig zu wählen.

Solange Harald Schmidt sein Kreuz auf einen Wahlzettel setzen darf, funktioniert die Demokratie?

Eine überhebliche und chauvinistische Position, die auch inhaltlich derart verkürzt und intellektuell unterkomplex dargestellt ist, dass man sich zu Recht die Frage stellt, ob TV-Rentner Schmidt sich manchmal selbst beim Reden zuhört, geschweige denn weiß, was er da überhaupt spricht. Denn um zu begreifen, was die Wahl einer rechtsextremen Partei für Folgen haben kann, muss man mittlerweile nicht mehr zurück in die letzten Jahre der Weimarer Republik schauen. Die AfD hat in den vergangenen Jahren durch politische Initiativen und Anfragen sehr deutlich gemacht, was die Partei vorhat: Netzwerke zur Demokratieförderung abschaffen und eine illiberale Gesellschaft etablieren.

Man muss nun wahrlich kein Politikwissenschaftler sein, um dies zu erkennen. Aber solange der Ex-Entertainer Harald Schmidt sein Kreuz auf einen Wahlzettel setzen darf, funktioniert die Demokratie? Nein. Die Demokratie, wie wir sie in Deutschland haben, hat auch die zentrale Aufgabe, Minderheiten zu schützen und die Pluralität der Gesellschaft zu wahren. Mit der AfD in der Regierung, würde die Demokratie diese Aufgabe nicht mehr erfüllen und würde dysfunktional. Auch wenn die Bürger:innen weiterhin ihr Kreuz setzen dürfen. Dabei brauchen wir solch eine plurale Demokratie mehr denn je. Doch das will Schmidt einfach nicht wahrhaben. Was heute stattdessen wirklich niemand mehr braucht, ist Harald Schmidt. (Moritz Post)

Auch interessant

Kommentare

Teilen